12.01.2010 · Je ausdauernder er erforscht wird, desto wohlgefälliger wird das Bild des Neandertalers. Jetzt erreicht uns die Kunde, dass die Neandertaler auch kosmetisch seiner Zeit weit voraus gewesen sein sollen.
Von Joachim Müller-JungSeitdem die junge Neandertalerin Wilma in Mettmann eingezogen ist, seit einem Jahr also, soll ein Hauch von Frühling über dem Museum unseres Cousins liegen. Woher diese Gefühle kommen sollen, hat uns allerdings bis heute niemand erklärt. Zugegeben, das grimmige Weib an der Seite des rauhbeinigen Neandertalermannes trägt etwas weniger Runzeln als dieser. Aber ihre rustikalen Brauen und brutal schroffen Backenwülste schmeicheln weder der zwanzigjährigen Feuersteinbraut noch ihrem gequält-angetörnt dreinblickenden Partner.
Vergebene Liebesmüh, könnte man sagen, wenn man bedenkt, wie viel Energie die Neandertaler-Forschung in jüngster Zeit aufgewendet hat, das Bild vom keulenschwingenden Unhold zu korrigieren. Wer genau hingesehen hat, und die Wikipedia-Bilder mögen das bezeugen, hat in den wissenschaftlichen Rekonstruktionen zuletzt deutlich die plastisch-ästhetische Handschrift wohlwollender Neandertalerfreunde erkennen können. Die Nase ist schmaler geworden, die Stirn weniger fliehend und die Überaugenwülste zierlicher.
Ästhetisch auf Augenhöhe
Nicht genug: Die Genomforschung, in wenigen Jahren zur federführenden Instanz in der Neandertaler-Deutung aufgestiegen, hat unseren gebeutelten Verwandten endgültig aus den dunklen Höhlen der Eiszeit ins Licht des vorgeschichtlichen Kulturlebens gezerrt und ihn evolutionspsychologisch enorm aufgehübscht. Mehr als neunundneunzig Prozent genomischer Übereinstimmung zu uns, so der aktuelle Stand, sind stammesgeschichtlich unbestritten von einigem Gewicht. Und Gen um Gen werden weitere Hinweise für die körperlichen Attribute früher Zivilisationen gesammelt. Sprachgene krönen Schmuckartefakte, und was die Anlagen für die Entwicklung des Vorderhirns angeht, waren unsere Vettern, von denen die letzten bis vor gut dreißigtausend Jahren in Spanien überlebt hatten, vermutlich absolut auf Augenhöhe.
Es kommt aber noch besser: Aus spanischen Höhlen erreicht uns nun die Kunde eines großen Forscherteams, dass sich die Neandertaler dort sogar schon vor fünfzigtausend Jahren – also zehntausend Jahre vor der Ankunft des Homo sapiens aus Afrika – die Nase gepudert haben sollen. In den Höhlen von Aviones und Antón im Südosten hat man unzählige durchbohrte und orangefarben kolorierte Muschelschalen gefunden, die man sich wohl als Umhängeschmuck und Kultgegenstand vorstellen muss – dazu in offenen Klappmuschelschalen ganze Klumpen von gelbem und rötlichem mineralischem Pigmentpulver. Mit freundlicher Empfehlung deshalb nach Mettmann: Schenkt Wilma jetzt wenigstens eine Puderdose.
Seit jeher lockt das Weib
Hildegard Grygierek (hildegardswelt.de)
- 12.01.2010, 16:36 Uhr
Könnte auch...
Johanna Geisel (Jea.nne)
- 15.01.2010, 23:33 Uhr
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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