11.07.2007 · Das Museum für Naturkunde in Berlin zeigt mit seiner erneuerten Dauerausstellung, was Naturwissenschaft bietet: Hier legen Evolutionsbiologen in ungekannter Brillanz ihren Mitmenschen das vor, was sie wissen. Ein Rundgang von Christian Schwägerl.
Von Christian SchwägerlNaturwissenschaftler bauen keine Tempel. Sie konstruieren kathedralenhaft Erkenntnisräume wie den Teilchendetektor „Atlas“, altarähnliche Kuben wie die Gensequenz-Maschinen, sie feiern fast liturgisch die Nobelpreise. Doch das sind nur ästhetische Ähnlichkeiten zur Religion. Naturwissenschaftler errichten keine Mauer um eine einmal gewonnene Anschauung und verwahren sie nicht als unantastbar. Ganz im Gegenteil. Sie sind, kaum ist eine neue Erkenntnis gewonnen, darauf aus, diese anzugreifen, wenigstens zu erweitern, mindestens sie zu präzisieren. Sie fassen ihre Erkenntnisse als den momentanen Stand des Wissens auf und als den momentanen Stand des Irrtums.
Das 1889 erbaute Museum für Naturkunde im Herzen von Berlin zeigt nun mit seiner erneuerten Dauerausstellung, was Naturwissenschaft bietet: Hier legen Evolutionsbiologen in ungekannter Brillanz ihren Mitmenschen das vor, was sie wissen, was sie mühevoll dem Riesenreich des Nichtgewussten entrissen haben, das, worauf sie ihre bestmöglichen Aussagen gründen. Die neue Schau ist ein Angebot, am Erkenntnisprozess teilzunehmen, in die Genese des Lebens einzusteigen.
Mitten hinein in die Arbeit
Weil sie das Werden und Woher des Lebens ergründen, sind Evolutionsbiologen besonders darauf angewiesen, dass andere mitkommen. Sonst wären sie verurteilt, als kleine isolierte Kaste das zu beschreiben, was der Ursprung allen Lebens sein soll, also auch jedes Menschen. Am Berliner Naturkundemuseum, das mit dreißig Millionen Sammlungsstücken zu den weltweit bedeutendsten Häusern seiner Art zählt, nehmen Biologen zusammen mit Paläontologen, Geologen und Mineralogen am Wochenende einen neuen Anlauf, ihre Mitmenschen mitzunehmen auf eine Tour, die bloßen Vermutungen Anschauung entgegensetzt.
Die neue Dauerausstellung im Naturkundemuseum
Wer die wenigen Gehminuten vom Hauptbahnhof in die Invalidenstraße zurücklegt und das noch immer bröckelnde Portal des Museums betritt, darf nicht damit rechnen, wie ein Kind an die Hand genommen zu werden. Die Kuratoren der neuen Dauerausstellung um den Generaldirektor Reinhold Leinfelder führen den Besucher nicht didaktisch von den ersten selbstkopierenden Atomgruppen zu den Prototypen von Mehrzellern bis zur heutigen Vielfalt von vielen Millionen Spezies. Sie schieben ihn vielmehr mitten hinein in ihre Arbeit. In der in ihrem Gründerzeitglanz aufpolierten Haupthalle präsentieren sie neben den blickfangenden, herrlich rekonstruierten Dinosauriern als neuestes Element einen Flecken nachgebildeter afrikanischer Erde mit Staub, Schaufel, Sieb.
Ungeheure Fülle von Dinosaurierknochen
So hat der Arbeitsplatz der deutschen Naturforscher ausgesehen, die zwischen 1909 und 1913 im Südosten von Tansania eine der bedeutendsten Dinosaurierfundstellen der Welt freigelegt haben. In Tendaguru fanden sie, was der liebe Gott nach Ansicht extremer Kreationisten in der Art eines Eichhörnchens im Erdboden versteckt hat, um die Menschheit der Versuchung des sündigen Darwinismus auszusetzen: Eine ungeheure Fülle von Dinosaurierknochen. Schon die Ausgräber wussten sich aber an einem Zeitfenster, durch das sie hundertfünfzig Millionen Jahre zurückblicken können.
Das Erdstück steht am Rand und wird von der Solnhofener Archaeopteryx-Preziose, die erstmals im Original zu sehen ist, dominiert. Doch von hier aus lässt sich das Museum am besten begreifen: Die schweißtreibende Arbeit der Ausgräber, Pflanzensammler und Tiererbeuter war nötig, damit verfeinert arbeitende Biologen heute die vielen Einzelergebnisse der Evolution mit genetischen und bioinformatischen Techniken verbinden können. In diesem Haus wird nämlich nicht nur ausgestellt, sondern vor allem geforscht. Die hinter dem Schauraum liegenden Werkstätten des Wissens bleiben dem Besucher einstweilen verborgen.
Die animierte Geschichte des Universums
„Evolution in Aktion“ heißt die neue Dauerausstellung. Vordergründig ist damit eine BBC-Dokumentationen entlehnte Wissensvermittlung gemeint, wie sie etwa die „Juraskope“ leisten sollen. Diese nach innen weisenden, mit Computersimulationen bestückten Fernrohre zeigen zuerst die Dinosaurierskelette, so wie sie dastehen. Plötzlich wachsen den Riesenechsen zu einem schlabbrigen Geräusch Organe und Muskeln, und sie laufen los, um ihre Lebens- und Ernährungsweise vorzuführen. Effekte dieser Art werden auf den Flächen wohldosiert eingesetzt. Fast rührend die Möglichkeit, mit Charles Darwin Tuchfühlung aufzunehmen und mit dem Jahrhundertbiologen Ernst Mayr, der in den zwanziger Jahren am Berliner Museum seinen Weg von der Ornithologie zur Evolutionsbiologie begonnen hat.
Tiefer jedoch geht es darum, die Kräfte aufzuzeigen, die unter den unendlich vielen möglichen Verläufen der Kosmos- und der Erdgeschichte einen einzigen Verlauf herausfiltern: Den, dem der dünne lebende Film auf der Erdoberfläche namens Biosphäre zu verdanken ist, dessen eingewobener Teil der Mensch ist. Im Treppenhaus kann der Besucher, auf einer runden Couch liegend, gen Himmel blickend die animierte Geschichte des Universums vorbeiziehen lassen, im Zeitraffer durch die Lichtjahre rasen, umgeben von Mondstaub, vom Kreis der Planeten und von Meteoriten, die auf die Erde gekracht sind. Zu den nicht bestätigten Hypothesen über den Ursprung des Lebens zählt, so lernt man, dass die ersten Biomoleküle mit einem solchen Gesteinsschauer heruntergekommen sind. Der Lebensursprung, das wird nicht verheimlicht, liegt im Dunkeln. Noch.
Klare Aussagen zum Kreationismus
Wie es zur Fülle des Lebens gekommen ist, erhellt die Naturwissenschaft aber in großen Schritten. Dargelegt wird das im vielleicht schönsten Saal des Hauses, der als Ganzes pantherschwarz schimmert und in dem über einem schwarzen Panther die Frage geschrieben steht: „Wie funktioniert Evolution?“ Genese statt Genesis: Hinter der überlaufenden „Wand des Lebens“ finden sich die klarsten Aussagen zum Kreationismus: „Religiöse Doktrin ließ Naturforscher lange annehmen, dass ein Schöpfer alle Lebensformen einzeln erschaffen hat.“ Inzwischen sei der gemeinsame Ursprung und die Verwandtschaft allen Lebens aber offengelegt. Am Ende des Evolutionssaals erwartet den Besucher fast klösterliche Atmosphäre: Auf harten, schwarzen Bänken kann man Sinnsprüche wichtiger Wissenschaftler vorbeiziehen lassen. „Geistige Vielfalt“ heißt dieser Bereich, wie um zu untermauern, dass auch der Geist sich aus den Biomolekülen geformt hat.
Hier sitzend und gen Darwin blickend, könnte man fast den schwierigen Weg vergessen, den das Naturkundemuseum noch vor sich hat, um an seine eigene glorreiche Vergangenheit anzuschließen wie an die Künste vergleichbarer Häuser in London und Paris. Obwohl es zu den kulturellen Schatztruhen Berlins gehört und seine Wissenschaftler auf höchstem Niveau arbeiten, herrschen hinter den Kulissen noch immer Nachkriegsbedingungen, harrt die zweite Hälfte der Dauerausstellung einer Modernisierung. Immerhin wird die Nasssammlung bald in einen Neubau überführt, in dem die Museumsbesucher den Forschern beim Arbeiten zusehen können. Mitnehmen heißt die Aufgabe - gerade weil die Evolutionsbiologen selbst nicht wissen, zu welchen Auffassungen vom Leben ihre Arbeit noch führen wird.
Wer ist hier religioes?
Reiner Gutsche (rgutsche)
- 11.07.2007, 16:58 Uhr