Das Vorhaben zur Errichtung einer neuen Nationalbibliothek für Rumänien in Bukarest galt im Land jahrelang als eine Altlast aus kommunistischer Zeit. Mit dem Bau war noch unter Präsident Ceausescu im Jahr 1986 begonnen worden. Das Gebäude wurde im eklektizistischen Monumentalstil des nahe gelegenen protzigen Bukarester „Palast des Volkes“ gehalten und sollte nach dem Ansinnen des Diktators die größte Nationalbibliothek Osteuropas werden. Die Revolution von 1989 ließ jedoch den megalomanen Plan scheitern. Der Bau wurde nicht fertiggestellt und stand bis vor einigen Jahren leer.
Die Bücherbestände der Nationalbibliothek, die ihren Sitz in einem dafür wenig geeigneten Palast in Bukarest hatte, waren dort nur teilweise untergebracht, weitere Teile waren über mehrere Bibliotheken im Land verteilt. Das Personal hatte mit unzumutbaren Zuständen zu kämpfen. Ganze Bücherpakete, die der Diktator massenweise hatte erwerben lassen, um die Bestände künstlich zu vergrößern, wurden gar nicht erst geöffnet, viele Bücher wurden mangels Regalen auf dem Boden gestapelt. Die Zukunft der Nationalbibliothek wurde über Jahre hinweg kontrovers diskutiert. Immer wieder war das Argument zu hören, der von Ceausescu projektierte Bau eigne sich im Grunde nicht als Bibliothek und sollte besser eine der Kammern des rumänischen Parlaments beherbergen.
Sachlichkeit statt barockhaftem Kitsch
Tapfer hat all die Jahre gegen solche Forderungen Bibliotheksdirektorin Elena Tirziman gekämpft. Nicht zuletzt ihrem Engagement war es zu verdanken, dass schließlich Bewegung in die Sache kam. 2009 wurde mit den Bauarbeiten zur Umgestaltung des alten Rohbaus aus kommunistischer Zeit begonnen. Dass damit ausgerechnet Eliodor Popa beauftragt wurde, der schon unter Ceausescu als Architekt tätig war, stieß zunächst auf Kritik. Popa erarbeitete jedoch einen Umbauentwurf, der kaum noch an das alte Gebäude erinnert.
Die ursprünglichen, mit barockhafter Ornamentik und Säulen überfrachteten Fassaden wurden von ihm völlig neu konzipiert. Die Rückseite wie die Flanken schmücken jetzt durchfensterte schlichte Säulenfassaden. Die halbrunde Vorderfassade des Baus, die vorher aus einer monumentalen Halbrotunde mit Säulenarkaden bestand und als verkitschte Nachahmung des Kolosseums belächelt wurde, dominieren nun vollständig das grünliche Glas und dezente Metallträger. Der Neubau wurde bereits Ende letzten Jahres fertiggestellt, aber erst vor wenigen Tagen für das Publikum geöffnet. Das Projekt ist mit 120 Millionen Euro die größte rumänische Investition im Kulturbereich seit der Revolution.
Die gesamte Sammlung, die schrittweise aus den Außenstellen zusammengeführt werden soll, wird auf etwa zwölf Millionen Bücher geschätzt, von denen nur etwa ein Drittel überhaupt erfasst ist. Nicht nur damit ist allerdings das nach wie vor zahlenmäßig überschaubare Personal völlig überfordert. Es sollte, von zwanzig Bücherlifts unterstützt, ursprünglich die vierzehn Lesesäle auf sieben Stockwerken bedienen, von denen jetzt in der ersten Phase aber nur ein einziger benutzt werden soll. Was mit dem Auditorium, den sechs Konferenz- und weiteren Büroräumen geschehen wird, steht noch nicht fest. Gegenwärtig ist die Rede davon, dass zumindest Teile des rumänischen Kulturministeriums in das Gebäude verlegt werden sollen.