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Montag, 13. Februar 2012
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Natascha Kampusch im Fernsehen Dokument eines Übergangs

04.01.2007 ·  Die „ganze Wahrheit“ über den Fall Natascha Kampusch wollten uns gestern Abend RTL und ORF erzählen. Das konnte nicht gelingen. Einige von vielen kleinen Wahrheiten des ungeheuerlichen Verbrechens aber konnte der Film beleuchten. Die Fernsehkritik von Jochen Hieber.

Von Jochen Hieber
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Nein, „die ganze Wahrheit“, die man uns im österreichischen Fernsehen ORF und im deutschen Privatsender RTL gestern Abend großspurig verhieß, haben wir nicht erfahren. Naturgemäß nicht, denn bis sie sich angesichts dieses ganz und gar ungeheuerlichen Falls überhaupt zeigen kann, wird noch viel Zeit vergehen, mehr noch: vergehen müssen.

Was sich in und mit Natascha Kampusch während der mehr als achtjährigen Gefangenschaft im Haus ihres Entführers Wolfgang Priklopil abgespielt hat, wird dem Opfer selbst, wird aber auch allen, die mittelbar mit dem Geschehen zu tun hatten und haben, erst allmählich ganz begreiflich und bewusst werden können. Der wahrhaftigste Satz, der während der fünfzigminütigen Dokumentation fiel, lautete denn auch: „Wir sehen nicht die Teile, die sie, Natascha Kampusch, besonders belasten.“ Gesagt hat ihn der Wiener Jugendpsychiater Ernst Berger, einer von vielen inzwischen mit dem Fall befassten Fachleuten.

Der Ratlosigkeit Herr werden

Die Phalanx der Fachleute trat vor die Kamera - von Berger und seinen Kollegen Max Friedrich und Reinhard Haller über den Kriminologen Herbert Poltnig bis zur Sozialarbeiterin Monika Pinterits und den Polizeibeamten Johann Frühstück und Nikolaus Koch. All diesen Experten ist das Bemühen um verstehende Deutung, mithin um Aufklärung, durchaus nicht abzusprechen, keiner von ihnen machte den Eindruck, er wolle sich vor allem selbst profilieren. Gleichwohl wurde man das Gefühl nicht los, hier werde auch deshalb geredet, erwogen und interpretiert, um der eigenen Ratlosigkeit zumindest einigermaßen Herr zu werden. Und das ist angesichts der gespenstischen Realität, der sich alle gegenübersehen, durchaus nicht unehrenwert.

Es traten auf Brigitta Sirny und Ludwig Koch, die Eltern von Natascha Kampusch. Beide sind inzwischen so leiderprobt wie medienerfahren, beide berichteten überzeugend, wie sie mit den Unterstellungen, den Gerüchten und Verdächtigungen umgehen, denen sie ausgesetzt waren und zum Teil noch sind. Hat das zum Zeitpunkt der Entführung, dem 2. März 1998, bereits länger getrennte Paar die weiland zehnjährige Tochter schlecht behandelt, gar missbraucht? Man muss Frau Sirny nur zuhören, wenn sie den Morgen dieses Märztages schildert - wie schwer Natascha aus dem Bett kam, wie Mutter und Tochter in einen ganz alltäglichen Kleinkonflikt gerieten, der dazu führte, dass man grußlos auseinander ging. Wer so erzählt, erzählt jedenfalls eine der vielen kleinen Wahrheiten dieses Falls wahrhaftig.

Mehr als acht Jahre lang blieb Nataschas Kinderzimmer unverändert - ein bewegendes Symbol. Bewegend auch die Archivbilder, die Ludwig Koch dabei zeigen, wie er gleich nach der Entführung „den Fall selbst in die Hand“ nahm, Flugblätter und Plakate drucken ließ, aushängte und verteilte - und so seine Ohnmacht zumindest in eine Tat, ein Handeln verwandelte.

Man hört das Blut rauschen

Und Natascha Kampusch selbst? Wie es ihr in den allerersten Stunden und Tagen im Kellerverlies des Priklopil ergangen sei, möchte Christoph Feurstein, zusammen mit Burgit Bock der Autor des Films, von der nun fast Neunzehnjährigen wissen. „Wie es einem eben dabei ergeht, wenn man im Dunkeln ist. Man sieht nichts, man hört nur, man hört das eigene Blut rauschen, man spürt die Enge, die Kälte, man denkt viel nach“, antwortet sie.

Der ORF-Redakteur Feurstein hat Anfang September des vergangenen Jahres auch das erste Fernsehinterview mit Natascha Kampusch geführt. Seine Dokumentation protokolliert nun einen Übergang: Aus einem Verbrechen, dessen Ausgang die Weltöffentlichkeit aufschreckte, als Schrecknis faszinierte und nach wie vor mediales Großinteresse mobilisiert, wird jetzt wohl ganz allmählich ein jüngstvergangenes Geschehen, das zurückkehrt zu derjenigen, die das Opfer war und bleibt - und zu denen, die ihr bei der Bewältigung helfen wollen und hoffentlich auch können.

Das Leben nachholen

Dass der Film diesen Übergang zumindest anzudeuten vermag, ist seine Stärke. Sie ist entschieden mehr wert als die Vermarktungsrhetorik von „der ganzen Wahrheit“. Wolfgang Priklopil, der Täter, hat sich am 23. August 2006, am Abend des Fluchttags von Natascha Kampusch, das Leben genommen. „Es ist übrigens ein irrsinnig ungutes Gefühl“, sagt sie nun im Rückblick, „wenn man immer hoffen muss, dass er ja nicht stirbt, damit man nicht verrottet, nie wieder gefunden wird - und auf der anderen Seite betet, dass ihm irgendwas passiert, damit das Ganze ein Ende hat.“ Diese Ambivalenzen im Umgang mit ihrem Peiniger und ihrer mehr als achtjährigen Zeit im Kellerloch, glaubt Frau Kampusch sehr zu Recht, werden „nie aufhören“. Zugleich besteht sie mit just demselben Recht darauf, versäumtes Leben nun wirklich „nachzuholen“.

Die Dokumentation ihres Schicksals haben gestern Abend bei RTL etwas mehr als dreieinhalb Millionen Menschen gesehen. Wenn sich in dieser Zahl auch nur annähernd so etwas wie öffentliche Anteilnahme an einem sehr persönlichen Verhängnis ausdrückte, wäre die Sendung ein großer Erfolg gewesen.

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Eingeführte

Von Gerhard Stadelmaier

Nachhilfe zuerst: Die „Einführung“ nämlich ist republikweit an allen Theatern das meistgespielte Stück. Es dauert ungefähr eine halbe Stunde. Mehr