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Veröffentlicht: 07.12.2011, 17:10 Uhr

Namensstreit auf dem Balkan Mazedonien gehört wem?

Hysterie um einen Namen: Weil Alexander der Große allein ihr Vorfahre sei, klagte Griechenland gegen den Nachbarstaat Makedonien - und verlor. Nun gießt auch Skopje Öl ins Feuer.

von , Istanbul
© dpa Reichseiner und Staatenentzweier: Standbild Alexanders des Großen in der makedonischen Hauptstadt Skopje

Ein seltsamer Streit tobt im Südosten Europas: Um jeden diplomatischen und politischen Preis will Griechenland verhindern, dass Mazedonien Mazedonien heißt, und war sogar bereit, eine Blamage vor dem Internationalen Gerichtshof dafür zu riskieren. Mazedonien hatte geklagt, nachdem Griechenland im Jahr 2008 die Aufnahme der ehemaligen jugoslawischen Republik in die Nato verhindert hatte, weil den Griechen der Staatsname ihres Nachbarn nicht passt. Jetzt haben die Richter im Haag ein Urteil gefällt, das verheerend ausfiel für Athen. Von 16 Richtern gaben 15 Mazedonien recht. (Der eine dissidente Richter ist Grieche.) In den griechischen Medien hat die Berichterstattung darüber sogar die Schuldenkrise von den Aufmacherplätzen verdrängt. Giorgos Karatzaferis, Chef der an der Regierung beteiligten rechtsradikalen Partei „Laos“, drohte damit, seine Fraktion werde die Koalition verlassen, wenn Mazedonien als Mazedonien anerkannt werde. Ministerpräsident Papademos sprach gar von „Provokationen“.

Michael Martens Folgen:

Die Hysterie um einen Namen hat nur am Rande damit zu tun, dass griechischen Schulkindern eingehämmert wird, es führe eine direkte Linie von Alexander dem Großen zu jedem Griechen von heute. Ein wichtigerer Grund für die Irrationalität ist die nie aufgearbeitete Geschichte des Bürgerkrieges in den vierziger Jahren. Der Streit hat damit zu tun, dass der griechische Staat, neben seinem Versagen auf nahezu allen anderen Gebieten (Finanzen, Bildung, Strukturpolitik, Asylverfahren, um nur einige zu nennen), auch bei der Bewältigung seiner jüngsten Geschichte ein failed state ist.

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Warum das so ist, beschreibt ein Essay des Historikers Adamantios Skordos, der in den in München erscheinenden „Südosteuropa-Mitteilungen“ erschienen ist. Er geht der Frage nach, warum die in fast allen Fragen zerstrittenen Athener Parteien im Namensstreit eine Einheit bilden. Er macht dafür die „Makedonisierung“ der griechischen Öffentlichkeit, Politik und Gesellschaft aus den frühen neunziger Jahren verantwortlich, als Griechenland nach der mazedonischen Unabhängigkeitserklärung von einer nationalistischen Welle erfasst wurde: aus Angst. Diese Angst wurzelte in Erinnerungen an den Bürgerkrieg. Schon während der Besatzung Griechenlands durch Deutsche, Italiener und Bulgaren im Zweiten Weltkrieg hatten sich die Bürgerkriegsparteien formiert. In der griechischen Region Makedonien, wo es damals eine starke slawischsprachige Bevölkerung gab, hatten sich auf Seiten der Kommunisten Freischärlergruppen gebildet, die eine Loslösung Mazedoniens von Griechenland und einen Anschluss an Bulgarien beziehungsweise an Titos Jugoslawien propagierten, das ein wichtiger Waffenlieferant für die griechischen Kommunisten war. Anfang 1949 sicherte das Zentralkomitee der griechischen Kommunistischen Partei (KKE) dem „mazedonischen Volk“ sogar die „nationale Wiederherstellung“ nach einem Sieg im Bürgerkrieg zu. Von nun an hatten die Bürgerlichen einen Trumpf in der Hand: Sie konnten ihren kommunistischen Gegner beschuldigen, er verkaufe griechischen Boden „an die Slawen“.

Giftmischer hier wie dort

Nachdem die Kommunisten den Krieg verloren hatten, flohen bis zu 100 000 Griechen, die auf Seiten der Verlierer gekämpft hatten, in die Ostblockstaaten. Davon waren etwa 30 000 „slawophone Bürger aus dem griechischen Makedonien“, wie Skordos schreibt. Für sie war es nach der Niederlage ungemütlich geworden in Griechenland, denn die Sieger hatten außer dem Krieg natürlich auch die Deutungshoheit über den Krieg gewonnen. Um die Verlierer zu integrieren, musste ein Sündenbock her: die slawischen Griechen. Der Krieg wurde umgedeutet zu einer slawischen (russischen, bulgarischen, jugoslawischen) Aggression gegen Hellas. Zwischen 1949 und 1974 habe sich die griechische Geschichts- und Erinnerungspolitik auf die Verbreitung antikommunistischer und antislawischer Ressentiments gestützt. Die Slawen hätten demnach den Bürgerkrieg als Gelegenheit gesehen, das zu erreichen, was sie früher nicht geschafft hatten, nämlich den Hellenismus aus Makedonien zu verdrängen und sich den „ewigen Traum des Panslawismus“ mit Zugang zum Ägäischen Meer zu erfüllen. Die Junta führte später sogar einen eigenen Feiertag ein, um an den Abwehrkampf der Hellenen gegen die Slawen zu erinnern. Doch auch nach dem Sturz der Militärs 1974 änderte sich wenig. So appellierte der damalige Staatspräsident Karamanlis an die Diaspora-Griechen in Toronto im Jahr 1982: „Ihr müsst all jenen entgegentreten, die versuchen, Griechenland Schaden zuzufügen, indem sie seine Geschichte und insbesondere die Geschichte Mazedoniens verdrehen. (...) Wir sind die Nachkommen Alexanders des Großen.“

Generationen von Griechen sind mit solchen Geschichtsbildern aufgewachsen. Die Ignoranz reicht bis in die Historikerzunft hinein, die es noch in den neunziger Jahren vorzog, „über die ,unbestreitbare Hellenizität’ Alexanders des Großen debattieren, statt unangenehme Kapitel der griechischen Zeitgeschichte aufzuschlagen“, schreibt Skordos in seinem Essay. Das Gift in den Köpfen wirkt immer noch. Aber auch in Skopje sind Giftmischer am Werk. Sie reden den Mazedoniern ein, sie seien die wahren Nachfahren Alexanders des Großen. Zuletzt wurde ein 22 Meter hohes Reiterstandbild im Zentrum der Stadt aufgestellt.

Glosse

Sag doch was

Von Jürgen Kaube

Mit der Äußerung, Angela Merkel entpolitisiere das Land, ist Martin Schulz über das Ziel hinausgeschossen. Dabei kann die SPD nicht einmal aus dem angeblichen Schweigen der Kanzlerin Angriffsmotive ziehen. Mehr 61 89

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