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Nahost-Konflikt : Schmutzig gerechter Krieg

  • -Aktualisiert am

Israelische Panzer an der Grenze zu Gaza Bild: dpa

Israel hat nur eine Chance, und die bieten ihm seine arabischen Nachbarn, die sich von der schlimmsten Führung der Palästinenser distanzieren. Es gilt, mit der Arabischen Liga zu sprechen.

          Stellen Sie sich vor, Ihr Nachbar, mit dem Sie in langer und blutiger Fehde lagen, zöge ein Gewehr heraus und schösse in Ihre Wohnung. Er schießt aus seinem eigenen Wohnzimmer, das voller Frauen und Kinder ist. Mehr noch: Er hält seine Tochter auf dem Schoß, während er Ihre Kinder anzuvisieren versucht. Er verkündet, dass er nicht damit aufhören werde, bis Ihre Familie tot ist. Polizei steht nicht zur Verfügung. Was sollten Sie tun?

          Eine Möglichkeit ist, gar nichts zu tun oder wenig. Das versuchen Sie eine Zeitlang. Schließlich ist Ihr Nachbar arm und traumatisiert, und ein Teil der Schuld daran trifft Sie. Aber als eine Kugel im Schlafzimmer Ihres Kindes einschlägt, entscheiden Sie, dass es nun genug ist. Sie holen Ihre bei weitem überlegene Waffe heraus und versuchen sich an einer chirurgischen Maßnahme: auf den Kopf des Schützen zu zielen und dabei die Unschuldigen zu verschonen.

          Übertragen entspricht das dem, was Israel gerade tut. Aber es ist nichts Chirurgisches an all dem Blut und Leid, das seit Samstag über Gaza hereingebrochen ist. Die Körper toter Zivilisten werden aus den Trümmern von Militärbasen gezogen – weil, wie im Falle unseres metaphorischen Schützen aus der Nachbarschaft, Milizen und Zivilisten denselben städtischen Raum im Gazastreifen bewohnen.

          Vorsätzliche Vermischung von Zivilisten und Kämpfern

          Gaza-Stadt und Rafah sind Siedlungen, die eine zweite Existenz als Armeelager führen. Kämpfer exerzieren unmittelbar neben Schulen, und Raketen werden in den Kellern von vielstöckigen Mehrfamilienhäusern gelagert. Mehr als eine Million Palästinenser wird seit Jahren von einer Militärjunta regiert, die sich – koste es, was es wolle – das Töten von Israelis jenseits der Staatsgrenze zum Ziel gesetzt hat.

          Kein Militärstratege in der Geschichte ist jemals mit einer solch monströsen vorsätzlichen Vermischung von bewaffneten Kämpfern und Zivilisten konfrontiert worden, mit dieser neuen Doktrin, die Kanonen zwischen Kindern aufstellt und Babys als Barrikaden missbraucht. Die Theorie vom gerechten Krieg schreibt vor, dass Nichtkombattanten nicht geschädigt werden dürfen. Aber die Hamas und deren militärischer Arm haben im Wissen um die weltweite humanitäre Besorgnis eine bewusste Entscheidung getroffen, damit Israel so viele Zivilisten trifft wie nur möglich.

          Selbst wenn Israels gegenwärtiger Krieg gegen Gaza ein gerechter Krieg ist – nach acht Jahren Raketenbeschuss von dort aus, dem einseitigen israelischen Rückzug vom gesamten Gebiet des Gazastreifens, der staatlich erzwungenen Evakuierung von Tausenden jüdischer Siedler und Bemühungen um eine beschränkte und „angemessene“ Vergeltung –, bleibt es auch ein schmutziger Krieg.

          Wenn die Weltmeinung langsam aus ihrem Feiertagsschlummer erwacht, wird sie sich wahrscheinlich gegen Israel wenden. Es ist schließlich in diesem Konflikt der Stärkere, die frühere Besatzungsmacht, der versiertere Schütze. Selbst Russland, dessen Stiefel noch vom georgischen Staub bedeckt sind, ist ohne Zögern in die Reihe der nach zwei Maßstäben agierenden Länder eingetreten.

          Lagerfrieden unter Bedrohung

          Die Israelis sind an diese Art von Pauschalvorwürfen gewöhnt. Es ist genau diese Sorte Botschaften, die sie, links oder rechts, in grimmiger Entschlossenheit vereint. In diesem Moment stimmen die meisten von ihnen – rechts oder links – der Ansicht von Außenministerin Zipi Livni zu, dass es nun reiche. Was, so fragen sie, würden andere Staaten an Israels Stelle tun? Ist das Leiden von Zivilisten im Land des Feindes wichtiger als die israelische Souveränität?

          Premierminister Ehud Olmert, Verteidigungsminister Ehud Barak und Frau Livni haben ihre politische Rivalität beigelegt, um eine gemeinsame Antwort zu finden: Israel muss gegen die Raketen aus Gaza vorgehen. Dabei werden sie gegenwärtig von der Mehrheit der Israelis unterstützt. Aber man zähle nicht zu lange auf israelische Einigkeit. Israel ist eine Demokratie, keine Nation mit nur einer Stimme. Wenn sich die Kampagne gegen Gaza entwickelt wie der Krieg im Libanon 2006, also mit humanitärer Katastrophe, anhaltender Bombardierung israelischer Zivilisten oder gar beidem, wird die Kritik aus dem eigenen Land laut und klar zu vernehmen sein.

          Aber selbst die größten Gegner von Olmerts zweitem Krieg müssen die simple Tatsache anerkennen, dass die Hamas eine tödliche Bedrohung darstellt. Zum Schaden ihres eigenen Volkes sind die Hamasführer Khaled Meschal und Ismail Hanja nicht bereit, Frieden oder Kompromisse einzugehen. Wie ihr Freund, der iranische Präsident Mahmud Ahmadineschad, wollen sie Israel tot. So einfach ist die Sache.

          Arabische Distanzierungen von der Hamas

          Doch selbst in dieser unglücklichen Lage hört man einige gute Neuigkeiten. Gemäßigte arabische Staatsmänner, darunter der ägyptische Außenminister, haben offen die Hamas für die gegenwärtige Zwangslage in Gaza verantwortlich gemacht. Ein echter Hoffnungsschimmer: Ägypten, Saudi-Arabien und Jordanien wollen Frieden vermitteln und womöglich die Palästinenser vor ihrer schlimmsten Führung retten. Israel hat einen langen Weg hinter sich, seit die arabische Welt sich vorgenommen hatte, das Land auszulöschen. Zum ersten Mal sprechen nun arabische Stimmen Israel von jener Gesamtschuld frei, die ihm einige westliche Kritiker immer noch leichtfertig auferlegen.

          Deshalb lautet die wahre Herausforderung für den nächsten israelischen Staatschef: mit der Arabischen Liga Gespräche führen. Deren Vorschlag eines Friedensplans wird harte israelische Verhandlungen erfordern, aber es ist ein Beginn. Er könnte zukünftigen Kriegen vorbeugen, auch gerechten Kriegen. Versucht es.

          Eine Gegenposition zu Fania Oz-Salzberger finden Sie hier: David Grossman über Gaza: Der Krieg läuft nicht davon

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