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Nahost Die Schändung

05.02.2004 ·  Das israelische Außenministerium veröffentlicht Bilder von Anschlägen im Internet, gräßlicher, als sie anderswo je zu sehen sind. Die Autorin Cordelia Edvardson aus Jerusalem findet das gefährlich.

Von Cordelia Edvardson
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Mitgefühl und Mitmensch sind verwandt. Mitgefühl kann ich nur jemandem entgegenbringen, den ich als Mitmenschen wahrnehme. Deshalb war es für die Nationalsozialisten so wichtig, ihren Opfern alle menschlichen Züge zu nehmen, sie zu entmenschlichen, bevor man sie vernichtete. So lautete die Antwort auf Primo Levis Frage "Ist das ein Mensch?" sicher nicht in allen, aber doch in den meisten Fällen: "Nein, das ist kein Mensch, das ist ein Lagerhäftling." Das Gegenbild zeichnet der berühmte Monolog Shylocks im "Kaufmann von Venedig". Da spricht ein Mann, ein Mensch, ein Jude, der gedemütigt und verspottet wurde, aber trotzdem als Mitmensch gesehen werden will - vielleicht als Feind, vielleicht nicht als Gleicher unter Gleichen, aber doch als Mensch. Er sagt: "Wenn ihr uns stecht, müssen wir nicht bluten? Wenn ihr uns kitzelt, müssen wir nicht lachen? Wenn ihr uns vergiftet, müssen wir nicht sterben? Und wenn ihr uns Unrecht tut, sollen wir es nicht rächen?"

Ich war immer der Auffassung, daß derjenige, der zur Unterstützung notleidender Menschen aufrufen will, ob hungernder Kinder in der Dritten Welt, Aidskranker oder Obdachloser, sich genau überlegen muß, wie er vorgeht. Vieles, was man in Worten sagen und damit der Phantasie der Leser überlassen kann, ist im Bild nicht zu zeigen. Tut man es doch, erzielt man oft die gegenteilige Wirkung: Der Betrachter wendet sich erschrocken ab. In vielen Fällen sind Bilder des Leidens so grauenhaft und niederschmetternd, daß sie die menschlichen Züge des Leidenden auszulöschen drohen, in dem man dann nicht mehr den Mitmenschen sehen, mit dem man sich nicht identifizieren, für den man dann letztlich kein Mitgefühl aufbringen kann.

Opfer sind Menschen und Mensche sterben

Das hätte sich die PR-Abteilung des israelischen Außenministeriums überlegen sollen, bevor sie gewisse Bilder - mit Ton - auf ihrer Internet-Seite veröffentlichte (F.A.Z. vom 2. Februar). Diese Videobilder sind in der Tat sehr realistisch, unerträglich realistisch. Niemand wird behaupten, der zuständige Beamte habe manipulierte Bilder ins Netz gestellt. Genau so sah es in Jerusalem nach dem jüngsten Selbstmordattentat aus. Die Bilder zeigen authentisch, was nach dem Massaker im Bus der Linie 19 von zwölf Menschen (einschließlich Attentäter) übriggeblieben ist. Es sind Bilder, die keine Zeitung und kein Fernsehsender zeigen würde. Nicht aus "politischen Gründen", wie man im Außenministerium vielleicht vermuten würde, sondern aus Gründen des Anstands. Denn solche Bilder könnten leicht als Leichenschändung aufgefaßt werden.

Sogleich möchte ich hinzufügen, daß ich die Grundüberlegung des Außenministeriums uneingeschränkt bejahe. Man muß den Menschen zeigen, was passiert, wie es aussieht, wenn "Schneewittchen" oder ein anderer Selbstmordattentäter sich in die Luft sprengt und zahllose andere Menschen mit in den Tod reißt. Anders, einfacher ausgedrückt: Die Menschen sollen lernen, daß alle Opfer, Israelis wie Palästinenser, Menschen wie sie, Mitmenschen sind. Wenn man sie sticht, bluten sie. Wenn man sie in die Luft sprengt, sterben sie.

Der Reiz des „Echten“

Nicht gegen die aufklärerische Absicht des israelischen Außenministeriums wende ich mich, sondern gegen die Mittel. Der zuständige Beamte gibt stolz an, Hunderttausende hätten die Website mit den grotesken und widerwärtigen Bildern von der Ernte des Todes bereits besucht. Wenn dies stimmt, so ist es nur zu beklagen. Der eine oder andere wußte bestimmt nicht, was ihn erwartete, als er die Seite anklickte, und er wird sie schnell wieder verlassen haben. Aber ich bin überzeugt, daß sich die Kunde von dieser Website, mit garantiert echten Blutlachen, mit zerfetzten, verkohlten "echten" Leichen und nicht etwa Dummys, längst wie ein Flächenbrand unter einschlägig Interessierten ausgebreitet hat. Von diesen Leuten gibt es leider mehr als man denkt, vor allem unter Heranwachsenden. Vielleicht hätte man das im israelischen Außenministerium bedenken sollen.

Man hätte auch daran denken sollen, daß man mit dieser Aktion leicht eine Lawine lostreten kann. Die Palästinenser könnten viele grauenhafte und herzzerreißende Fotos auf ihrer Website zeigen. Etwa das einer alten Frau mit ihrer Enkelin auf dem Schoß, in den Trümmern des Hauses, in dem ihre Großfamilie wohnte. Die israelische Armee sprengte das Haus, nachdem ein Familienangehöriger einen Terroranschlag verübt hatte: eine Kollektivstrafe. Inzwischen werden Häuser auch einfach nur aus Frustration gesprengt. Wenn die Sicherheitskräfte einen Gesuchten nicht erwischen, sprengen sie das Haus, in dem er zuletzt wohnte. Jedesmal wird eine ganze Familie obdachlos. Fotos von verwüsteten Olivenhainen, von uralten umgestürzten Bäumen, die Stümpfe in lautloser Anklage in den Himmel gerichtet, können ebenfalls erschütternd sein.

Was der Anstand verbietet

Die Palästinenser sollten sich jedoch hüten, die neue israelische PR-Methode allzu getreu zu imitieren. Man könnte vielleicht schwerverwundete Kleinkinder zeigen, die bei einer Aktion der israelischen Armee getroffen wurden (Kollateralschäden, wie das im Militärjargon heißt). Aber auf keinen Fall sollte man zeigen, wie es in dem Auto aussah, das von der israelischen Rakete erwischt wurde. Da in den beschossenen Fahrzeugen neben den gesuchten Personen oft auch Unbeteiligte sitzen, läßt sich kaum ermitteln, welche Leichenteile wem gehören.

Blutige oder verkohlte Fleischfetzen sollten im Internet nicht in Großaufnahmen zu sehen sein, gleichgültig, ob von Palästinensern oder Israelis. Das verbietet der Anstand. Wer keine Skrupel kennt, sollte zumindest aus pragmatischen Gründen darauf verzichten. Das Ergebnis wird seinen Hoffnungen oder Erwartungen nicht entsprechen.

Aus dem Schwedischen von Matthias Fienbork.

Cordelia Edvardson, geboren 1929, ist die Tochter der Schriftstellerin Elisabeth Langgässer. Sie wurde bekannt mit dem Buch "Gebranntes Kind sucht das Feuer" (1986), in dem sie beschreibt, wie sie das Konzentrationslager Auschwitz überlebte. Nach dem Krieg zog Cordelia Edvardson zunächst nach Schweden. Seit 1974 lebt die Schriftstellerin und Journalistin in Jerusalem.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.02.2004, Nr. 30 / Seite 34
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