04.11.2004 · „Wir müssen hoffen und beten“ - Der israelische Schriftsteller Amos Oz über den Nahost-Konflikt, die Rolle Europas und Hoffnungen auf den amerikanischen Präsidenten.
Das Spekulieren um die Nachfolge des schwer kranken Palästinenserpräsidenten Jassir Arafat ist nach Ansicht des israelischen Schriftstellers Amos Oz ein falsches Signal. „Wir müssen hoffen und beten - nicht nur für Arafat, sondern besonders für eine Lösung des Nahost-Konflikts“, sagte der international renommierte Autor am Donnerstag in Leipzig im Gespräch mit der dpa.
Oz hatte am Mittwochabend in der sächsischen Metropole eine Lesereise durch den deutschsprachigen Raum begonnen. In seinem neuen Roman „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ verwebt er die Biographie seiner Familie mit der Geschichte des Staates Israel.
Keine glückliche Familie, aber friedliche Nachbarn
„Die Mehrheit der Palästinenser weiß: Eine Zwei-Staaten-Lösung ist unumgehbar“, sagte der 65jährige. Arafat oder sein Nachfolger müsse ein entspanntes Klima schaffen, um dies zu erreichen. „Israel und Palästina können keine glückliche Familie werden, aber friedliche Nachbarn.“ Der in der Vergangenheit oft als Friedensvisionär bezeichnete Oz verglich die Situation mit der der Tschechen und Slowaken.
Oz sprach Europa eine besondere Verantwortung in der Lösung des Nahost-Konflikts zu. „Es ist eine moralische Angelegenheit: Israel und Palästina sind zwei Gesellschaften, aber beide sind Opfer Deutschlands und damit Europas.“ Europa dürfe die beiden Staaten jetzt nicht allein lassen. „Europa muß helfen anstatt den Zeigefinger zu erheben.“
„Hätte Bush ebenso wenig gewählt wie Arafat“
Zur Wiederwahl George W. Bushs bei der amerikanischen Präsidentenwahl sagte Oz mit leichter Ironie: „Ich hätte Bush ebenso wenig gewählt wie Arafat. Auch Ministerpräsident Ariel Sharon habe ich meine Stimme nicht gegeben.“ Ob es zu einer Wiederbelebung des Friedensprozesses durch die Bush- Regierung kommt, vermochte Oz nicht zu sagen. „Die Frage ist doch, wie viel Einfluß wir den Vereinigten Staaten lassen.“
Amos Oz schrieb mehr als 15 Romane und Erzählungen und wurde in 30 Sprachen übersetzt. In zahlreichen Aufsätzen zum israelisch- arabischen Konflikt sprach er sich früh für einen Kompromiß zwischen Israelis und Palästinensern aus. Im Jahr 1993 wurde er mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Oz, dessen Name im Hebräischen Stärke, Kraft bedeutet, lebt nach Jahren im Kibbuz seit 1986 in der Wüstenstadt Arad.
Amos Oz auf Lesereise:
Donnerstag, 4. November, 19.30 Uhr: Kunsthalle Weimar
Freitag, 5. November, 20.00 Uhr: Literaturhaus Hamburg
Sonntag, 7. November, 18.00 Uhr: Literaturhaus München
Montag, 8. November, 20.00 Uhr: Aula der Alten Universität, Heidelberg
Dienstag, 9. November, 20.00 Uhr: Badisches Staatstheater, Karlsruhe
Mittwoch, 10. November, 20.00 Uhr: Thalia Buchhaus, Bremen
Donnerstag, 11. November, 20.00 Uhr: Schauspiel Köln
Freitag, 12. November, 19.00 Uhr: Axel-Springer-Haus, Berlin (Preisverleihung WELT-Literaturpreis)
Samstag, 13. November, 20.00 Uhr: Jüdisches Museum, Berlin