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Medien-Kommentar : Da draußen im Wutland

Exotische Welt: Eine Reporterin begibt sich für das „MoMa“ in den Bayerischen Wald. Das mutete an wie eine Expedition ins Tierreich im tiefsten Regenwald. Bild: dpa

Das ARD-„Morgenmagazin“ begibt sich auf Expedition ins natürliche Habitat des AfD-Wählers: in den Bayerischen Wald. Dort trifft eine Reporterin auf Unerklärliches. Erklärungen zu allem kommen dann aus dem Hauptstadtstudio.

          Das „Wut-Kreuz“, das viele Wähler bei der Bundestagswahl gemacht haben, gibt vielen noch immer Rätsel auf. Das gilt für Politiker wie Journalisten gleichermaßen. Zwar wurde uns noch am Wahlabend wie gewohnt en detail erklärt, wie viele Wähler von der einen zur anderen Partei gewandert sind. Die Frage ist nur: Warum machen die das? Wogegen protestieren die? Und landen zu 12,6 Prozent bei der AfD? Die Überraschung der Polit-Profis hierzulande ist jetzt genauso groß wie diejenige in den Vereinigten Staaten nach der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten. Auch da hatte man in der Hauptstadt nur bedingt mitbekommen, wie die Stimmung in weiten Teilen des Landes war. Dabei hätte man es wissen, die Journalisten hätten es in Erfahrung bringen können, wären sie nur einmal aus ihrer Filterblase ausgebrochen.

          Das „Morgenmagazin“ der ARD hat das jetzt einmal versucht und dabei die für die Nachwahl-Berichterstattung dieser Tage ganz typische Figur gemacht: Eine Reporterin zog hinaus in den Bayerischen Wald, in den Landkreis Freyung-Grafenau, direkt an der Grenze zu Tschechien, in dem die AfD besonders gut abgeschnitten hat, in Mauth holte sie sogar mehr als 28 Prozent. Dem Pfarrer ist das ein Rätsel, dem zuvor mit einem überragenden Ergebnis gewählten CSU-Bürgermeister auch, aber eigentlich auch wieder nicht. Die Menschen sind unzufrieden mit der Handhabung der Flüchtlingskrise. Von Ängsten spricht die Reporterin, deren Reise in den Bayerischen Wald im „MoMa“ ein wenig wie eine Expedition ins Tierreich im tiefsten Regenwald anmutet. Die Menschen fühlen sich nicht ernst genommen, sagt sie und gibt zurück ins Studio.

          Dort tritt als nächstes eine Politikerin der Grünen auf und redet davon, wie man die AfD im Bundestag „einhegen“ kann. Genau danach ist sie von der Hauptstadtkorrespondentin der ARD gefragt worden. Ein Rechtsextremismus-Experte hat uns zuvor noch erklärt, wie rechtsextrem die AfD ist und warum sich ihrer Vertreter so gern als Opfer darstellen – der anderen Parteien oder der Medien. Unfreiwillig komisch wirkte das schon, wie da aufschien, dass viele Berichterstatter immer noch nicht verstanden haben, dass die AfD, deren völkische und rassistische Rechtsaußen, die Wähler dieser Partei und die Themen, die sie beackert, nicht eins sind. Sie werden nur in eins gesetzt, wenn man sich weigert, den riesigen rosa Elefanten wahrzunehmen, der da mitten im Raum steht und von allen anderen Parteien vor der Wahl und nach der Wahl und vor allem von vielen Journalisten ignoriert wurde.

          Die Zuwanderungswelle war lange ein großes Willkommen und dann ein zähneknirschendes Durchhalten, die zunehmende Gewalt- und Sexualkriminalität findet sich in kurzen Wortnachrichten oder in öffentlich-rechtlichen Erklärstücken, die das Phänomen relativieren wollen. Wie das weitergeht, wenn es so weitergeht, wird in der Politik als Erste die CSU zu spüren bekommen in einer Jamaika-Koalition, deren Zielvorgabe für die Einwanderungspolitik die Parteivorsitzenden der Grünen (aktuell im Ping Pong mit dem Bundespräsidenten) schon jetzt formulieren. Die Union insgesamt befände sich dann in vier Jahren an dem Punkt, an dem die Sozialdemokraten jetzt sind. Journalisten indes, die gerade staunend von ihren Expeditionen aufs Land in die Studios zurückkehren, werden es immer noch erstaunlich, unerklärlich und entsetzlich finden, wer da wen warum gewählt hat.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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