Home
http://www.faz.net/-gqz-77mpe
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 13.03.2013, 16:49 Uhr

Nachtrag zur Guttenberg-Satire Das Plagiat des Plagiats des Plagiats

Am Dienstag lief die Guttenberg-Satire „Der Minister“ erfolgreich bei Sat.1. Sie verdankt sich dem Plagiatsfall des Politikers, ist aber selbst eine Collage, die riskant mit Zitaten umgeht.

© dpa Guttenberg-Darsteller Kai Schumann und sein Vorbild.

Kaum zu glauben: Da handelt ein Film von einem Politiker, dem seine plagiierte Doktorarbeit zum Verhängnis wird, und dann - finden sich im Text erstaunliche Parallelen zu Vorlagen, die nicht nur bei einer Promotion mit Fußnoten zu versehen wären. So hat einer unserer kundigen Leser in Minute 35 des Films „Der Minister“, den Sat.1 am Dienstag zeigte, genau hingehört, als es um die Sitzgelegenheit desselben ging. Es gebe „zwei Arten von Sesseln, entsprechend dem Minister, Typ eins fällt leicht um, und das andere Modell dreht sich ständig im Kreis“.

„Ermüdende Frontkämpfergeschichten“? Schon mal gehört

Michael Hanfeld Folgen:

Das kam unserem Leser bekannt vor - aus der ersten Folge der britischen Satire „Yes, Minister“, in der es hieß: „It used to be said there were two kinds of chairs to go with two kinds of Minister: one sort folds up instantly; the other sort goes round and round in circles.“ Die Sentenz ist zu gut, als dass man sie nicht zitierte, dass sie in dem Guttenberg-Film auftaucht, kann man als Verbeugung der Drehbuchautorin Dorothee Schön vor dem in seinem feinen Witz unerreichten Vorbild verstehen.

Der Schriftsteller und ehemalige Chefredakteur der „Titanic“, Oliver Maria Schmitt, hingegen nimmt so manche Textstelle des Films, mit dem Sat.1 die Zuschauerschnapszahl von 4,44 Millionen erreichte, nicht nur auf die leichte Schulter. Schon im Trailer kamen ihm Pointen bekannt vor: die „ermüdenden Frontkämpfergeschichten“, vor denen sich das Ministerpaar beim PR-Besuch in Afghanistan fürchtet, die „muslimistischen Kopfwindeljäger“, vor denen man sich hüten muss, oder der Satz: „Ich möchte mir als Bürgerin, Frau und Mutter zweier entzückender Kinder und neuerdings auch Kinderschänderschreck selbst ein Bild von der Arbeit unserer Schutzstaffel machen.“

Nur Spießer und Versager klagen

Hatte Schmitt derlei Worte nicht selbst gesetzt? Hatte er. In dem Stück „Wüstentreff mit Guttensteph“ („Titanic“, Ausgabe 2/2011). Zitat eins: „Ich möchte mir als Bürgerin, als Gattin, als Frau und Mutter von süßen Kindern und nicht zuletzt als Kinderschänderschreck selbst ein Bild von der Arbeit unserer Schutzstaffel machen.“ Zitat zwei: „Das Risiko, dass sein Reisebuddy Johannes B. Kerner von muslimistischen Kopfwindelträgern abgeschossen werden könnte, war dem Verteidigungsminister einfach zu groß.“ Zitat drei: „ ... lauschte man gemeinsam den stinklangweiligen Geschichten verdienter Frontkämpfer.“ Ein Schmittscher „Granatenwitz“ taucht im Film auch auf.

Mehr zum Thema

„Das Ganze“, sagte Dorothee Schön, die das „Minister“-Drehbuch  schrieb, gegenüber dieser Zeitung, sei „auch eine Mediencollage. Ich verneige mich vor der ,Titanic‘ und dem Spott, den sie über Guttenberg ausgegossen haben. Deren Qualität erkenne ich gerne an. Sie haben mich sicherlich genauso inspiriert wie die „Bild“-Zeitung. Aber auch Guttenbergs Stil (,ich traue Politikern nur so weit, wie ich einen Konzertflügel schmeißen kann‘) habe ich natürlich verwendet.“

Eine Klage gegen die Sat.1-Produktion hat der Originalsatiriker Schmitt nicht im Sinn, sagt er („das machen nur Spießer und Versager“). Die Drehbuchautorin habe ihm vielmehr „ein großes Lob ausgesprochen, indem sie meinen Text offenbar genau studiert hat“. Eine Rechnung will er vielleicht schon schicken.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Merkel und die CSU Die Herrschaft des Unworts

Ständig hat Horst Seehofer in den vergangenen Monaten die Linie der Kanzlerin attackiert. Zuletzt immer heftiger. Aber was passiert, wenn die CSU in Berlin wirklich nicht mehr mitmacht? Ein Gedankenspiel. Mehr Von Günter Bannas und Eckart Lohse, Berlin

12.02.2016, 07:46 Uhr | Feuilleton
Drogenboss Guzmán Flirt wird El Chapo" zum Verhängnis

Ein SMS-Kontakt mit der Schauspielerin Kate del Castillo soll die Ermittler auf die Spur des mexikanischen Drogenbosses Guzmán gebracht haben. Mehr

14.01.2016, 15:05 Uhr | Gesellschaft
Odenwaldschule Haftstrafe für früheren Lehrer wegen Kinderpornos

Der Fall schlug an der Odenwaldschule ein wie eine Bombe: Mehrere Jahre, nachdem dort ein Missbrauchsskandal bekanntgeworden war, wurden bei einem Lehrer Kinderpornos entdeckt. Der Mann muss nun in Haft. Mehr

03.02.2016, 18:40 Uhr | Rhein-Main
Video-Filmkritik Voll auf den Zwiespalt

Dietmar Dath in der Video-Filmkritik über den neusten Film des Marvel-Universums. Mehr

09.02.2016, 19:11 Uhr | Feuilleton
Rechtsruck in Polen Die hohe Kunst, ein Pferd zu besteigen

Der Rechtsruck in der polnischen Politik wirkt sich immer stärker auf das Kulturleben aus. Das entfacht aber auch immer heftigeren Widerstand bei Künstlern und Intellektuellen. Mehr Von Marta Kijowska

30.01.2016, 11:15 Uhr | Feuilleton
Glosse

Die Jungs nebenan

Von Tilman Spreckelsen

Sie verkauft sich glänzend, heißt es aus dem Verlag. Dennoch hat Carlsen den Vertrag mit einer Autorin kündigen müssen – weil sie abgeschrieben hatte. Ausgerechnet aus einem Carlsen-Buch. Die Leser haben es gemerkt. Mehr 1 2

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“