Home
http://www.faz.net/-gqz-77mpe
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Nachtrag zur Guttenberg-Satire Das Plagiat des Plagiats des Plagiats

Am Dienstag lief die Guttenberg-Satire „Der Minister“ erfolgreich bei Sat.1. Sie verdankt sich dem Plagiatsfall des Politikers, ist aber selbst eine Collage, die riskant mit Zitaten umgeht.

© dpa Vergrößern Guttenberg-Darsteller Kai Schumann und sein Vorbild.

Kaum zu glauben: Da handelt ein Film von einem Politiker, dem seine plagiierte Doktorarbeit zum Verhängnis wird, und dann - finden sich im Text erstaunliche Parallelen zu Vorlagen, die nicht nur bei einer Promotion mit Fußnoten zu versehen wären. So hat einer unserer kundigen Leser in Minute 35 des Films „Der Minister“, den Sat.1 am Dienstag zeigte, genau hingehört, als es um die Sitzgelegenheit desselben ging. Es gebe „zwei Arten von Sesseln, entsprechend dem Minister, Typ eins fällt leicht um, und das andere Modell dreht sich ständig im Kreis“.

„Ermüdende Frontkämpfergeschichten“? Schon mal gehört

Michael Hanfeld Folgen:  

Das kam unserem Leser bekannt vor - aus der ersten Folge der britischen Satire „Yes, Minister“, in der es hieß: „It used to be said there were two kinds of chairs to go with two kinds of Minister: one sort folds up instantly; the other sort goes round and round in circles.“ Die Sentenz ist zu gut, als dass man sie nicht zitierte, dass sie in dem Guttenberg-Film auftaucht, kann man als Verbeugung der Drehbuchautorin Dorothee Schön vor dem in seinem feinen Witz unerreichten Vorbild verstehen.

Der Schriftsteller und ehemalige Chefredakteur der „Titanic“, Oliver Maria Schmitt, hingegen nimmt so manche Textstelle des Films, mit dem Sat.1 die Zuschauerschnapszahl von 4,44 Millionen erreichte, nicht nur auf die leichte Schulter. Schon im Trailer kamen ihm Pointen bekannt vor: die „ermüdenden Frontkämpfergeschichten“, vor denen sich das Ministerpaar beim PR-Besuch in Afghanistan fürchtet, die „muslimistischen Kopfwindeljäger“, vor denen man sich hüten muss, oder der Satz: „Ich möchte mir als Bürgerin, Frau und Mutter zweier entzückender Kinder und neuerdings auch Kinderschänderschreck selbst ein Bild von der Arbeit unserer Schutzstaffel machen.“

Nur Spießer und Versager klagen

Hatte Schmitt derlei Worte nicht selbst gesetzt? Hatte er. In dem Stück „Wüstentreff mit Guttensteph“ („Titanic“, Ausgabe 2/2011). Zitat eins: „Ich möchte mir als Bürgerin, als Gattin, als Frau und Mutter von süßen Kindern und nicht zuletzt als Kinderschänderschreck selbst ein Bild von der Arbeit unserer Schutzstaffel machen.“ Zitat zwei: „Das Risiko, dass sein Reisebuddy Johannes B. Kerner von muslimistischen Kopfwindelträgern abgeschossen werden könnte, war dem Verteidigungsminister einfach zu groß.“ Zitat drei: „ ... lauschte man gemeinsam den stinklangweiligen Geschichten verdienter Frontkämpfer.“ Ein Schmittscher „Granatenwitz“ taucht im Film auch auf.

Mehr zum Thema

„Das Ganze“, sagte Dorothee Schön, die das „Minister“-Drehbuch  schrieb, gegenüber dieser Zeitung, sei „auch eine Mediencollage. Ich verneige mich vor der ,Titanic‘ und dem Spott, den sie über Guttenberg ausgegossen haben. Deren Qualität erkenne ich gerne an. Sie haben mich sicherlich genauso inspiriert wie die „Bild“-Zeitung. Aber auch Guttenbergs Stil (,ich traue Politikern nur so weit, wie ich einen Konzertflügel schmeißen kann‘) habe ich natürlich verwendet.“

Eine Klage gegen die Sat.1-Produktion hat der Originalsatiriker Schmitt nicht im Sinn, sagt er („das machen nur Spießer und Versager“). Die Drehbuchautorin habe ihm vielmehr „ein großes Lob ausgesprochen, indem sie meinen Text offenbar genau studiert hat“. Eine Rechnung will er vielleicht schon schicken.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Charlie und die Folgen Warum ich kein Satiriker mehr bin

Der Berufsstand des Satirikers hat nach dem Charlie Hebdo-Attentat neue und traurige Popularität und Dynamik erreicht. Warum fühlt sich nun jeder zum Berufszynismus berufen? Eine Abdankungserklärung. Mehr Von Oliver Maria Schmitt

19.01.2015, 16:00 Uhr | Feuilleton
Film-Trailer Bornholmer Straße

25 Jahre nach dem Mauerfall haben die Drehbuchautorin Heide Schwochow und ihr Sohn, Regisseur Christian Schwochow, gemeinsam den Film Bornholmer Straße gemacht. Hier ist der Trailer. Mehr

05.11.2014, 12:21 Uhr | Gesellschaft
Affenstark Die Kollegen ruhig mal lausen

Heute im Büro schon zum Affen gemacht? Wenn Sie Karriere machen wollen, sollten Sie das. Denn auch im Beruf sind wir nicht weit von unseren tierischen Verwandten entfernt, sagt der Psychologe Dominic Gansen-Ammann. Mehr

15.01.2015, 06:00 Uhr | Beruf-Chance
Fashion Week Berlin Dorothee Schumachers zelebrierte Weiblichkeit

Die Fashion Week 2015 ist in vollem Gange, wir berichten in unserem Liveblog von allen Veranstaltungen. In diesem Video läuft die Kamera bei Dorothee Schumachers Schau und backstage mit. Mehr

22.01.2015, 09:07 Uhr | Stil
Frankfurt Nicht jeder will Charlie Hebdo im Regal

Nicht jeder Kiosk in Frankfurt wird das Charlie Hebdo-Heft verkaufen. Einige Händler fürchten offenbar Angriffe radikaler Muslime. Einen Fall von Einschüchterung soll es schon geben. Zudem wurde ein Zeitungsredakteur attackiert. Mehr Von Katharina Iskandar, Hans Riebsamen

16.01.2015, 10:26 Uhr | Rhein-Main
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 13.03.2013, 16:49 Uhr

Pegida oder Jedem sein Vorurteil

Von Harald Welzer

Ressentiment ist durch Information nicht zu belehren. Die Debatte mit Pegida-Akteuren ist daher nutzlos. Und fahrlässig ist es, ihnen auch noch eine mediale Bühne zu bauen, wie es das öffentlich-rechtliche Fernsehen gerade macht. Mehr 266 44