http://www.faz.net/-gqz-815xb
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 18.03.2015, 16:10 Uhr

Zum Tod von Buddy Elias Die Erinnerung an Anne Frank als Lebensaufgabe

Buddy Elias war Eistänzer, Clown, Schauspieler und verwaltete hingebungsvoll das Erbe seiner Cousine Anne Frank. Nun ist er im Alter von 89 Jahren gestorben.

von Raphael Gross
© Wolfgang Eilmes Buddy Elias im Februar in Frankfurt

Buddy Elias, der Cousin von Anne Frank, war von 1947 bis 1961 Star-Komiker der weltweit tourenden „Holiday on Ice“-Revue: Er war Schauspieler, Eistänzer und Clown. Und was für einer. Ich erlebte, wie er noch mit fast neunzig Jahren die Herzen erobern konnte, mit der bloßen Andeutung einer Geste. Schwyzerdütsch sprach man mit ihm. Aber seine Muttersprache war Hessisch. Dass ein 1925 in Frankfurt am Main zur Welt gekommener jüdischer Junge 1947 als Clown durch die ganze Welt ziehen sollte, war von der Geschichte nicht gerade vorgesehen. Dieses Glück strahlte er aus. Selten habe ich einen Greis erlebt, der so viel Lebensfreude und menschliche Zuneigung versprühte. Gleichzeitig war er ein gefragter Profi: Noch bis ins hohe Alter hinein trat er mit Erfolg auf, spielte auch in Filmen, vor zwei Jahren etwa in George Clooneys „The Monuments Men“ den Rabbiner.

Als Buddy Elias geboren wurde, lebte in Frankfurt ein blühendes jüdisches Bürgertum. Auf dessen Engagement ging die Gründung der Goethe-Universität und vieler anderer Einrichtungen zurück. Im November 2014 sprach Buddy Elias in der Paulskirche über diesen Hintergrund: „Für die Familie war Frankfurt mehr als eine Heimat. Es war eine Umgebung, in der Jüdinnen und Juden mit der Aufklärung aufblühen konnten. “

Es war aber auch kein Zufall, dass 1924 in Frankfurt am Main Ludwig Landmann zum Oberbürgermeister gewählt worden war, der aus einer Mannheimer jüdischen Familie stammte. Dass Landmann später, wie die Cousine Anne und ihre Familie, in den Niederlanden Versteck leben musste und verhungerte, ist im heutigen Gedächtnis der Stadt noch nicht verankert und trotzdem Teil dieser Geschichte. Buddy hatte Glück. Seine Eltern emigrierten aus wirtschaftlichen Gründen 1931 nach Basel, wo sie seither an der Herbstgasse in einem schönen Stadthaus wohnten.

Das prägende Erbe von Anne Frank

Nach dem Tod von Otto Frank 1980 wurde Buddy Elias mehr und mehr vom Clown, Tänzer und Schauspieler auch noch zum Cousin. Der Cousin von Anne Frank. In seiner Rolle als Präsident des von seinem Onkel 1963 gegründeten Anne-Frank-Fonds verwaltete er die Autorenrecht seiner Cousine, mit der er in ihrer Kindheit noch gemeinsame Ferien verbrachte und die ihn auch in ihrem Tagebuch erwähnt. Wie vor ihm Otto Frank machte er die Erinnerung an Anne Frank und ihre Geschichte zu seiner Lebensaufgabe.

Das Tagebuch der Anne Frank war durch die unermüdliche Arbeit von Otto Frank zu einem zentralen Dokument geworden. Es erlaubte eine Auseinandersetzung mit dem Holocaust, ohne sich im Detail mit dem Massenmord beschäftigen zu müssen. Das fröhliche junge Mädchen war nicht bedrohlich. Im Gegenteil, es war so menschlich, dass man sich schwer seiner Ausstrahlung entziehen konnte. Zugleich war das konkrete Schicksal dieses einen Kindes, das nun für den Mord an sechs Millionen Juden stand, wiederum abstrakt genug, um eine Auseinandersetzung mit dem Holocaust führen zu können. In Anne Franks Namen konnte man, gerade auch in Deutschland, damit beginnen, zu erinnern, zu trauern und (sich selbst) zu vergeben.

Mehr zum Thema

Erst in den neunziger Jahren gab es Versuche, die Geschichte von Anne Frank wieder stärker in ihrem spezifisch jüdischen Kontext zu verorten. Die dadurch ausgelösten Kontroversen durchzogen auch jene Institutionen, die sich als Nachlassverwalter der Geschichte Anne Franks verstehen. Die 1957 gegründete Anne-Frank-Stiftung in Amsterdam, die den Ort des Verstecks bewahrt und als Museum etabliert hat, vertrat verstärkt einen universalisierenden Ansatz. Der von Otto Frank 1963 in Basel gegründete Anne-Frank-Fonds, den Buddy Elias seit 1996 als Präsident leitete, betont dagegen die spezifisch jüdische Erfahrungsgeschichte und den deutsch-jüdischen Kontext der ganzen Familie Frank. Das über Jahrzehnte komplizierte Verhältnis der beiden Institutionen ist Ausdruck dieser unterschiedlichen Ansätze.

Buddy Elias vermochte in seiner Person beide Seiten zu verbinden. Ich erinnere mich genau, wie er von einer Anne Frank gewidmeten Kirche in Japan schwärmte. Und gleichzeitig gründete er – zum großen Teil mit Objekten und Dokumenten aus seinem eigenen Besitz und demjenigen des Anne-Frank-Fonds – im Jüdischen Museum in Frankfurt am Main das Familie-Frank-Zentrum, welches sich mit der Geschichte deutsch-jüdischer Familien beschäftigt. Für ihn hing beides zusammen, die historische Lehre und die universellen Ideen. Am Montag ist Buddy Elias in Basel verstorben. Er hinterlässt seine Frau Gerti Elias und zwei Söhne. Wir werden ihn vermissen.

Glosse

Falsches Ich

Von Simon Strauß

Gelegentlich vergessen Fernseh-Moderatoren, dass sie sich nicht durchweg als Träger von Volkes Stimme eignen. Das ist jetzt auch Claus Kleber beim Thema „Managergehälter“ unterlaufen. Mehr 10 45

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“

Zur Homepage