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Nachruf : Soviel wie die Pauker wußte Erika Fuchs schon lange!

  • -Aktualisiert am

Ein Erpel war Elkes erste große Liebe, seine Übersetzerin die Lehrerin fürs Leben Bild: AP/Ehapa

Eine Ente im Matrosenanzug war ihre erste große Liebe - und ein früher Wegbereiter zum Verständnis Becketts. Die wichtigste Frau in ihrem Leben hieß Erika Fuchs. Elke Heidenreich zum Tod der großen Disney-Übersetzerin.

          Die wichtigsten Männer in meinem Leben waren mein Vater Karl, der mir mit zwölf Jahren Autofahren und Rauchen beibrachte, und eine Ente im Matrosenanzug namens Donald Duck, meine große Liebe. (Nur wer Donald kennt, versteht auch Beckett: scheitern, wieder scheitern, immer scheitern, besser scheitern!)

          Die wichtigste Frau in meinem Leben hieß Erika Fuchs. Mein Vater konnte mir nie schlüssig erklären, wieso, wenn doch nach dem Krieg alle mit vierzig Mark wieder angefangen hatten, mein Onkel Hans nie auf einen grünen Zweig kam, Alfred Krupp aber schon. Das erklärte mir Erika Fuchs in den "Micky Maus"-Heften der fünfziger Jahre, von meiner Mutter als Schund bezeichnet, von mir eisern verteidigt und gegen jedes Verbot regelmäßig gelesen.

          Hier trat mir zum erstenmal Kapitalismuskritik entgegen, hier begriff ich, daß Onkel Dagobert nur soviel Geld hatte, weil er auch die Produktionsmittel, sprich die Fabriken, hatte, staun, grins, versteh! Onkel Dagobert konnte noch soviel Geld ausgeben, ständig wuchs das Gold in seinen Speichern zu Phantastillionen an. Das erklärte mir Erika Fuchs, von der ich damals noch keine Ahnung hatte. Sie lehrte mich, warum sich Onkel Dagobert immer so müde fühlte: weil alle seine Poren mit Goldstaub verstopft waren, tja, das passiert eben denen, die täglich im Geld schwimmen. Also: Vorsicht vor der Anhäufung allzu großer Reichtümer. (Ich vermute, hier hat's auch Müntefering her!)

          Eine mächtige, sprachgewaltige Lehrerin

          Erika Fuchs war mir eine mächtige, sprachgewaltige Lehrerin, die mir auch beibrachte, die Absurditäten des Lebens früh zu verstehen. Wußte ich noch von meinem Vater, wie gern im Krieg gesungen wurde, daß uns heute Deutschland, morgen aber die ganze Welt gehöre, lernte ich bei den Panzerknackern:

          "Wir sind die Panzerknacker
          und tun, was uns gefällt.
          Heute gehört uns die Kohldampfinsel
          und morgen die ganze Welt."


          Da war wieder Erika Fuchs am Werk gewesen, und auch die immer noch gültige "Tick, Trick&Track"-Hymne geht auf ihre Dichtkunst zurück:

          "Wir pfeifen auf Pomade, /
          auf Seife, Kamm und Schwamm, /
          wir bleiben lieber dreckig/
          und wälzen uns im Schlamm."


          Das sah eine gute deutsche Mutter wie die meine nicht gern.

          Revolution und Widerstand, lange vor der Schiller-Lektüre

          Ich blieb eisern. Ich fühlte, daß hier genau die Nahrung war, die ich brauchte und die mir der elterliche Bücherschrank (Sauerbruch: "Das war mein Leben", Olaf Gulbransson: "Und ewig singen die Wälder", Heinrich Spoerl: "Der Gasmann", Adolf Hitler: "Mein Kampf" und so weiter) eben nicht bot: Hier war Frechheit, Mut, Aufsässigkeit, hier waren Revolution und Widerstand, lange vor der Schiller-Lektüre.

          Meine verblödete Essener Mädchenschule mit ihren verbitterten Nachkriegslehrern lehrte mich nichts, was ich je hätte brauchen können. Mit Erika Fuchs und Onkel Donald reiste ich nach Singapur und lernte fremde Menschen kennen - und "die gute Lore aus Singapore", einen Papagei, der freche Sachen sagte, während der Papagei im heimatlichen Zoo immer noch "Heil Hitler!" schrie. (Papageien merken sich einmal Erlerntes lange und werden sehr alt.)

          Lehrsätze fürs Leben

          Als ich später Germanistik studierte, schreckte mich kein Professorengeschwätz. Ich hatte bei Erika Fuchs schon erfahren: "Unter den Talaren / Muff von tausend Jahren", lange ehe wir das an die Tafeln schrieben, und Onkel Donald hatte mir bereits den "Lehrsatz von der kurzfristigen Bilanzschwebe und der kreditabwürgenden Unsicherheitstheorie" beigebracht, und wer das versteht, den schreckt kein Wiesengrund Adorno mehr.

          Mein Vater ist zu früh gestorben. Erika Fuchs durfte sehr alt werden und unser aller Sprachgefühl lange schulen. Onkel Donald lebt. Er hat mich gelehrt, was scheitern und wieder aufstehen ist, was Poesie und Melancholie sind und daß man subversiv viel erreicht. Dafür, liebste Erika Fuchs, schluchz, schnief: ewig danke.

          Quelle: F.A.Z., 27.04.2005, Nr. 97 / Seite 37

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