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Nachruf Der gesamte Westen hat bei dem Mord geholfen

13.03.2003 ·  Den Schüssen auf Zoran Djindjic ging ein mehrjähriges Vergessen voraus: Nun droht ein neuer Balkan-Konflikt.

Von Beqë Cufai
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Über Tote soll man nicht schlecht reden. Das ist die Meinung aller Völker auf dem Balkan und wahrscheinlich auch auf der restlichen Welt. Das gilt auch heute, zwei Tage nachdem die Nachricht von der brutalen Ermordung des serbischen Ministerpräsidenten Zoran Djindjic um die Welt ging. Ich habe deshalb (aber nicht nur aus diesem Grund) keineswegs im Sinn, Zoran Djindjic in ein schlechtes Licht zu rücken. Als ich vorgestern nachmittag im Fernsehen die serbischen Sicherheitsleute sah, die mit Kalaschnikows in den Händen das Krankenhaus bewachten, in dem er mit dem Tod rang, spürte ich ein Würgen im Hals. Als ich später mit Freunden telefonierte, zitterte meine Stimme. Weder ihnen noch mir wollte ich allerdings eingestehen, daß ich auch Angst empfand. Angst und Mitgefühl für meine serbischen Freunde in Belgrad und überall in Europa. Mitgefühl auch mit den einfachen Menschen in den Nachbarländern Serbiens, die nun, da Serbien wieder im vollen Scheinwerferlicht steht, wohl ähnlich empfinden wie ich. Wird es noch mehr Tote geben? Ist dieses Land schon wieder gefährlich für die anderen Staaten?

Wie man es wohl immer tut, wenn jemand stirbt, rufe ich mir meine persönlichen Erinnerungen an diesen Menschen ins Gedächtnis, der (ungewöhnlich für unsere Region) eine Mischung aus Intellektuellem und Politiker war. Er war ein Intellektueller von westlichem Zuschnitt, der sich genötigt sah, mit den vorgefundenen Mitteln und Werkzeugen balkanischer Politik umzugehen. Im Frühjahr 1999, als der Krieg in Kosova eben begonnen hatte, saß ich zusammen mit bekannten deutschen Journalisten in einem Fernsehstudio und fühlte mich recht unwohl in Präsenz all dieser großen Namen. Obwohl es ja eigentlich um mein Land und meine Leute ging, beschloß ich, lieber zuzuhören und mit eigenen Wortbeiträgen vorsichtig zu sein. Die Stimmung im Studio war sehr gespannt, denn nicht alle Vertreter des deutschen Journalistenstandes waren damit einverstanden, wie die Nato Serbien für dessen Gewalt gegen albanisch-kosovarische Zivilisten abstrafte.

Zur Steigerung der allgemeinen Nervosität trug ein weiterer Gast vom Balkan bei, der allerdings nur per Telefon an der Diskussion teilnahm. Oder besser gesagt, er klagte die internationale Gemeinschaft an, die seiner Meinung nach mit ihren Bombenangriffen nicht zur Lösung des Problems beitrug, sondern die Zivilbevölkerung, die Opfer zu beklagen hatte, eher noch mehr in die Arme von Milosevic trieb. Auf Äußerungen des Bedauerns über den Tod und die Vertreibung Tausender von Albanern verzichtete Zoran Djindjic damals, was nicht ich, sondern ein anderer Teilnehmer an der Diskussionsrunde ihm auch vorhielt. Natürlich befand sich Djindjic damals in einer schwierigen Situation. Er war telefonisch von irgendeinem Flecken in Montenegro zugeschaltet, wo er vor Milosevics Zorn Zuflucht gefunden hatte. Aus den Medien war zu erfahren gewesen, daß Djindjic durch niemand anderen über die Gefahr aufgeklärt worden war, die ihm vom Belgrader Regime drohte, als durch den berüchtigten serbischen Milizenführer und Schwerverbrecher Zeljko Raznjatovic, genannt Arkan.

Hier möchte ich einhaken. Nicht erst vorgestern, als die tragische Mitteilung von Djindjics Ermordung kam, sondern schon lange vorher habe ich mir die Frage gestellt, was einen ganz und gar westlich gestrickten Intellektuellen und Doktor der Philosophie dazu veranlaßt haben mag, auf den Balkan und gerade in ein Land wie Serbien zurückzukehren, um dort mehr als ein Jahrzehnt lang zu versuchen, Politik zu gestalten, erst als führende Kraft der Opposition, dann als Oberbürgermeister von Belgrad und schließlich als Chef der serbischen Regierung. Idealismus und der Wunsch, etwas zum Wohl seiner Nation beizutragen? Die Erkenntnis, daß der Bevölkerung ein führender politischer Kopf fehlte, der mit der europäischen Denkungsart vertraut war? Ehrlich gesagt, ich kann mir beides nicht recht vorstellen. Es ist Zoran Djindjics Biographie, die mich vermuten läßt, daß es eher der Wille zur politischen Macht war, der ihn auf den Balkan zurückführte.

Fern aller Nationalismen

Djindjic wurde in Bosnien-Hercegovina geboren und hat nie verhehlt, daß er noch im "jugoslawischen Geist" erzogen und geformt worden war. Das sozialistische Jugoslawien jedoch, dem sein Vater als Offizier diente, lehnte er ab. Bereits als Student suchte er gemeinsam mit Freunden aus anderen Republiken nach Alternativen zu dem Weg, den das Tito-Regime vorschrieb. Während dieser Zeit und auch später, im Westen, hielt er sich von allen Nationalismen fern und einer eher linken Position die Treue. Den Sturz des Einparteiensystems wartete er (von 1977 bis 1990) in Deutschland ab, und als er dann zurückging und eine eigene (Oppositions-)Partei gründete, wird er noch darauf vertraut haben, daß sich in das Gesamtjugoslawien des (mittlerweile verstorbenen) Tito wie im übrigen Osteuropa zwar schmerzhafte, aber letztlich erfolgreiche politische und wirtschaftliche Veränderungsprozesse würden in Gang setzen lassen.

Von Emigranten, die sich entscheiden, in ihre Heimat zurückzukehren, heißt es, sie benötigten ebensoviel Zeit, sich dort wieder einzuleben, wie sie im Ausland verbracht haben. In einem gewissen (tragischen) Sinn läßt sich dieser Satz auch auf Zoran Djindjic anwenden, der, als er nach dreizehn Jahren in seine von tiefen Widersprüchen zerrissene Heimat zurückkehrte, noch dreizehn Jahre einer politischen Karriere vor sich hatte, die durch seinen gewaltsamen Tod beendet wurde. Womöglich hätte er gerade jetzt die Chance gehabt, zu einer klaren, den Verhältnissen im serbischen Rest Jugoslawiens angemessenen Position zu finden. Auf jeden Fall ist er nicht mehr dazu gekommen, die teilweise fatalen Fehler als Oppositionsführer und Ministerpräsident zu korrigieren, die ihm trotz aller Betroffenheit und Trauer über seinen Tod angelastet werden müssen.

Ich spreche hier von den Umarmungen, die er mit Radovan Karadzic und Ratko Mladic tauschte. Von seinem merkwürdig sorglosen Umgang mit Milosevic und den serbischen Nationalisten, denen er um des eigenen Aufstiegs willen manchmal viel zuviel nachsah. Allerdings ist er im Belgrader Machtgerangel nie so weit gegangen, selbst nationalistische Positionen zu beziehen. Bei Zoran Djindjic war alles wohlbedacht, das Flirten mit den Nationalisten wie sein Kosmopolitismus, seine politische Rücksichtslosigkeit wie sein staatsmännisches Bemühen um die dringend nötige Erneuerung und schließlich auch die Verbindungen, die er zur serbischen Mafia und Unterwelt unterhielt. Gefangen in den Mauern des serbischen politischen Provinzialismus, schreckte er auch vor dem Pakt mit dem Teufel nicht zurück.

Um die eigene Stellung zu sichern? Weil er meinte, nur so die angestrebten Veränderungen realisieren zu können? Djindjic mag davon überzeugt gewesen sein, daß man nach vielen Seiten offen sein muß, um in Serbien politisch zu überleben. Letztlich hat er genau deshalb sein Leben verloren. Er hatte wohl begriffen, daß er sich, um wirkliche Reformen in Gang bringen zu können, von den dubiosen Kreisen lösen mußte, die er in den vergangenen drei Jahren ungehindert ihrem "Business" hatte nachgehen lassen, dem Handel mit Zigaretten, Waffen, Drogen und Menschen. Die für ihre Brutalität bekannte serbische Mafia hat ihm das tödlich übelgenommen.

Das Attentat auf Zoran Djindjic hat Serbiens Dauerkrise weiter verschärft. Und es hat die Erkenntnis bestätigt, daß die serbische Gesellschaft noch immer weit davon entfernt ist, sich der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit zu stellen. Die Folgen davon sind nicht nur gefährlich für die Serben selbst, sondern auch für ihre Nachbarn, Albaner, Bosnier und Kroaten. Der Herausgeber der Zeitung in Prishtina, für die ich arbeite, Veton Surroi, hat in der gestrigen Ausgabe geschrieben, Zoran Djindjic sei in Belgrad von Serben umgebracht worden. Ich ergänze dies um die Behauptung, daß der gesamte Westen mitgeholfen hat.

Das peinliche Beileid

Der prompte Besuch des europäischen "Superministers" Javier Solana in Belgrad hat einen zynischen Beigeschmack. Nicht frei von Zynismus sind auch die Erklärungen von Kanzler Schröder und Außenminister Fischer zum "Verlust eines großen europäischen Staatsmanns". Und besonders makaber agieren all die deutschen Fernsehsender, die nun zwei oder drei Jahre alte Interviews mit Djindjic wieder aufwärmen. Was im Verlauf dieser zwei oder drei Jahre auf dem Balkan und mit Zoran Djindjic vorgegangen ist, wurde im Westen mit ziemlicher Gleichgültigkeit beobachtet, vor allem von jenen Medien, für die offenbar erst Blut fließen muß, ehe die "rückständigen" Regionen und Völker für sie interessant werden.

Nach Zoran Djindjics Tod ist die Lage in der ganzen Region ernst. In Serbien werden Diadochenkämpfe die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit weiterhin in den Hintergrund drängen. In Kosova schwimmen die Politikerkreise immer mehr im Gewässer der Selbstisolierung und betreiben den Konflikt mit der UN-Mission. Montenegro wird versuchen, so schnell wie möglich ganz von Belgrad loszukommen. Das sind keine guten Vorzeichen für die Zukunft. Djindjic wird fehlen.

Aus dem Albanischen von Joachim Röhm

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.03.2003, Nr. 62 / Seite 39
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