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Veröffentlicht: 12.11.2012, 11:32 Uhr

Nachruf auf Wilhelm Hennis Ein Mann direkter Worte – und Taten

Unbequem, kritisch, aufrecht: Der Politikwissenschaftler Wilhelm Hennis war ein Kritiker der Parteien und ein Verteidiger der Abgeordneten – beides im Interesse einer lebendigen Demokratie.

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© Zeitenspiegel

Der erste Text von Wilhelm Hennis, den diese Zeitung druckte, war am 10.Juli 1956 ein Leserbrief. Die Überschrift lautete: Ist Parteidemokratie demokratisch? Ein halbes Jahrhundert lang, mit einer fast übermenschlichen Hartnäckigkeit, die sich nie durch Zynismus aushöhlen ließ, kam der Politologe auf das Thema zurück. Als er 1998 in die Sammlung handlicher Klassiker aufgenommen wurde, die in keinem bildungswilligen Haus fehlen darf, gab er dem Heft Nr.9724 von Reclams Universal-Bibliothek den Titel „Auf dem Weg in den Parteienstaat“. Im gleichen Jahr setzte die Abwahl des am längsten regierenden Kanzlers der Bundesrepublik die Ereignisse in Gang, die der von Hennis vorgetragenen Parteienkritik ihre größte Resonanz verschaffen sollten, als Helmut Kohl die Loyalität gegenüber Parteispendern über die Treue zum Gesetz stellte.

Patrick Bahners Folgen:

1956 setzte sich Hennis kritisch mit einem Antrag des SPD-Unterbezirks Frankfurt an den Bundesparteitag auseinander. Die Hessen wollten eine Bestimmung der Satzung aufgehoben wissen, nach der jedes zehnte Mitglied der Bundestagsfraktion Stimmrecht auf dem Parteitag hatte. Bekämpft wurde das Abgeordnetenprivileg im Namen der innerparteilichen Demokratie. Diese Losung kommt als Paraphrase von Artikel 21 des Grundgesetzes daher. Dort steht vor dem von Kohl in den Wind geschlagenen Satz, dass die Parteien über die Herkunft ihrer Mittel öffentlich Rechenschaft geben, die Bestimmung, dass ihre innere Ordnung demokratischen Grundsätzen zu entsprechen hat. Nie wieder sollte eine Partei nach dem Führerprinzip organisiert sein.

Regierungslehre

Wenn die Forderung der Harmonie von Parteisatzung und Staatsverfassung im Sinne eines Gebots der Demokratisierung ausgelegt wurde, dann drohte, wie Hennis voraussah, der Volksherrschaft Gefahr vom Parteivolk. Die Abgeordneten sind Träger einer ursprünglichen demokratischen Legitimität, für die Hennis ihnen eine innerparteiliche Prämie ausschütten wollte. An der Stelle der Parteimitglieder agieren im Parteiapparat die Funktionäre. Den Frankfurter Reformern machte Hennis den schlimmsten unter Sozialdemokraten denkbaren Vorwurf: Er stellte sie als rückständig hin. In England habe die Führung der Labour Party das Problem erkannt; mit dem „besten Kenner des britischen Parteiensystems“ nannte Hennis die Gegengewichte zur Parlamentsfraktion archaisch.

Das war ein wenig zu optimistisch; mit Tony Blair, der die Archaismen unter dem Beifall begriffsschwacher Hofpolitologen später gründlich beseitigte, wird Hennis nicht glücklich gewesen sein. Unvermeidlichen Idealisierungen zum Trotz legte Hennis durch Heranziehung englischer Usancen und Maximen ein empirisches Fundament für seine Version der Wissenschaft von der Politik, die in der jungen Bundesrepublik nach ihrer Identität als Fachdisziplin suchte. Der Vorschlag von Hennis, der in Göttingen bei Rudolf Smend zum Dr. jur. promoviert worden war, 1960 in Hannover die erste Professur und 1962 in Hamburg den ersten Lehrstuhl erhielt, lautete Regierungslehre und zog Neugier der Praktiker auf sich.

„Ein Mann von unbedingter Rigorosität“

Die Politiker waren es nicht gewohnt, dass ein Gelehrter die Politik so realistisch beschrieb, dass er etwa bei der Erörterung der Rolle des Abgeordneten nicht vom freien Mandat des Grundgesetzes ausging, sondern von der Langeweile des Sitzungsalltags. Friedrich Karl Fromme hat die belebende Wirkung festgehalten, die von der Erscheinung des Vortragsredners ausging: „Hennis, ein Mann von unbedingter Rigorosität, eher klein von Wuchs, gedrungen, Anfang der Vierzig, mit ergrauendem Haar, das das Motiv der Ungebärdigkeit fortsetzen zu wollen scheint, mit von der Stirn bedrängten eindringlichen dunklen Augen“ - so sprach er im Januar 1968 in Frankfurt über die Lage der Universitäten, jugendliches Ungestüm im Habitus konservierend just in dem Moment, da er als Widersacher der akademischen Jugendbewegung hervortreten sollte.

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