23.06.2008 · Stolze Provinz: Zum Tod des Dichters Gerhard Meier
Von Sabine DoeringÜber neun Jahrzehnte, sein ganzes Leben lang, hat Gerhard Meier in demselben Haus gewohnt. Die Adresse allerdings wandelte sich im Lauf der Zeit: Vor elf Jahren verlieh die kleine Gemeinde Niederbipp, gelegen im Kanton Bern am Fuße des Jura, ihrem berühmtesten Bewohner das Ehrenbürgerrecht und änderte zum Ruhme des Schriftstellers zugleich den Namen der Straße, in der sein Elternhaus steht. So lautete denn seitdem die Anschrift: Gerhard Meier, wohnhaft im Gerhard-Meier-Weg 1.
Die Anerkennung für einen der bedeutendsten Schweizer Gegenwartsautoren entwickelte sich erst spät. Obwohl er nach eigenem Bekunden schon in der Jugend die Faszination der Literatur spürte, versagte er sich lange das intensive Lesen und erst recht das Schreiben. Eigentlich hatte der 1917 geborene Gerhard Meier Architekt werden wollen, doch nach seiner Heirat trat der pflichtbewusste junge Mann in die Lampenfabrik seines Heimatortes ein und war dort dreiunddreißig Jahre lang als Arbeiter, Zeichner, Designer und technischer Leiter tätig. Seinen ersten Gedichtband, „Das Gras grünt“, veröffentlichte er 1964. Erst weitere sieben Jahre später wagte er den Schritt ins freie Schriftstellerleben.
Poetik der Anspielung
Über Gedichte und Prosaminiaturen fand Meier allmählich zu der ihm gemäßen Form des Erzählens. Unbekümmert um literarische Moden, entwickelte er seinen präzisen Stil am Beispiel der großen Realisten des neunzehnten Jahrhunderts. Als 1979 der Roman „Toteninsel“ erschien, war noch nicht abzusehen, dass sich daraus Meiers Hauptwerk entwickeln sollte. Meier hatte ein scheinbar durchschnittliches Freundespaar ins Zentrum des Romans gestellt, die Dienstkameraden Baur und Bindschädler, die auf langen Spaziergängen intensive Gespräche führen. Ihre Heimat ist das fiktive Amrain, das ein wenig an Gottfried Kellers Seldwyla erinnert, offenbart sich doch auch hier vermeintliche Provinzialität als Spiegel der realen Welt.
Dieselben Freunde, der stillere Bindschädler und der lebhaftere Baur, setzten ihre Gespräche dann in Meiers späteren Romanen fort - in „Borrodino“ (1982) und in der „Ballade vom Schneien“ (1985), die mit Baurs Tod im Spital endet. Ganz unerwartet ließ Meier 1990 dann noch das „Land der Winde“ folgen, das den Dialog der alten Freunde wiederaufnimmt und ihre Gespräche zur Tetralogie erweiterte. In diesen Romanen entwickelte Meier eine Poetik der Anspielung und der behutsamen Beschreibung. Alles Laute und Plakative lag ihm fern; Meiers Bücher sind leise Zeugnisse einer Kunst des Hinsehens und Hinhörens. Dabei bekannte sich Meier immer wieder zu seinen Wahlverwandten, zu denen Flaubert, Proust und Tolstoi gehören, vor allem aber zu Robert Walser. Mit ihm teilte er nicht allein die Vorliebe für ausdauernde Spaziergänge, sondern auch das bescheidene, uneitle Auftreten.
Die Schönheit des Novembers
Gerhard Meier hat das kleine Niederbipp kaum je verlassen, ja er bezeichnete sich einmal selbstbewusst als „Provinzler, der immer nur die Welt in die Provinz hineinholen wollte“. Dass die Welt dann doch die starke poetische Kraft und die Schönheit von Meiers stiller Prosa erkannte, ist nicht zuletzt Peter Handke zu verdanken, der 1979 die Hälfte des ihm zuerkannten Kafka-Preises an Gerhard Meier abtrat. Weitere Preise folgten im Lauf der Jahre. Meier nahm sie gelassen entgegen und setzte sein ruhiges Leben an der Seite seiner Frau Dora fort. Als sie 1997 nach über sechzigjähriger Ehe starb, widmete er ihr seine letzte Veröffentlichung, das Erinnerungsbuch „Ob die Granatbäume blühen“.
Der November war für Gerhard Meier stets der „intensivste Monat“, dessen Schneefälle und dessen kühles Licht er besonders liebte. Nun ist er nach schwerer Krankheit am vergangenen Sonntag gestorben, zur Zeit der Sommersonnenwende, zwei Tage nach seinem einundneunzigsten Geburtstag.