In ihrem ambitioniertesten Buch, der 1983 erschienenen Erzählung „Kassandra“, erfand Christa Wolf eine Topographie, die nicht nur das mythische Troja, sondern auch ihre Position als ungemütliche und doch zu Auslandsreisen ermächtigte DDR-Autorin kartographierte.Wie die Priesterin und Priamus-Tochter gehörte sie zum Geistesadel in einem straff geführten Zwangsregime, war zugleich Komplizin und Dissidentin oder, wie sie einmal in einem Interview über ihre Kindheit sagte, ein zugleich „gut erzogenes und aufmüpfiges Kind“.
Durch ihre Westkontakte kam sie früh mit der feministischen Kritik an der 68er-Bewegung in Berührung und passte die Analysen patriarchalischen Gebarens der politischen Situation in ihrem Heimatland an. Ost-Berlin wurde zu Troja, der Westen zum Lager der Griechen, die der Festung durch technischen Vorsprung zu schaffen machten. Kassandra selbst ist Teil einer weiblichen esoterischen Gegenbewegung, die über Schlupfwege und Geheimcodes kommuniziert, sich in den Bergen in Erdlöchern heimlich mit weisen Frauen und Sklavinnen der Griechen trifft und dort einen archaischen Muttergott-Kult zelebriert, der von den militärischen Regimes beider Kriegsparteien längst unterdrückt ist.
Dann stellte sich das Gefühl von Authentizität ein
Der Homerische Mythos nahm Christa Wolf gefangen, weil er an das Curriculum ihrer Kindheit und Jugend anknüpfte, an erste Lektüreerfahrungen und das Klassik-Erbe, das die DDR hochhielt und das die Autorin bereits in ihrer Günderode-Erzählung gegen den Strich gelesen hatte. „Kein Ort. Nirgends“, der Titel des Buches, wird zur Metapher für die politisch obdachlose Individualität, für deutschsprachiges Schreiben, das sich seit Heinrich von Kleist ein Exil in literarischen Utopien sucht. So wurde sie an der Seite von widerspenstigen Klassik-Regisseuren wie Ernst Wendt, Claus Peymann und Hans Neuenfels zur Kultfigur, die den verpönten Kanon der nationalsozialistischen Selbstfeier mit umgekehrten Vorzeichen wiederbelebte.
Sie konzentrierte sich mit lutherischer Gewissenhaftigkeit auf das Gebrochene und emotional Obdachlose, auf ein Unterholz deutscher Identifikationsfiguren, in deren Scheitern sie Stärken sah, an die sich anknüpfen ließ. In der Seherin Kassandra hat sie sich selbst wiedergefunden, als eine Intellektuelle allerdings, die Ekstase nur als hellen Rausch der Erkenntnis zulässt: „Immer dann, wenn ich über mein Verhältnis zu meiner Zeit, zu ihren Strömungen, Institutionen, zu Zeitgenossen, zu mir selbst schreibend etwas herausfand, was ich vorher nicht hatte aussprechen können – immer dann stellte sich jener besondere Zustand der Erregung, jenes Gefühl von Authentizität ein.“
In diesem Sinne hat sie die Härte sich selbst und ihren Illusionen gegenüber begrüßt, ihr Leben als „fortlaufende Gewöhnung an immer härtere Beleuchtungen, schärfere Einsichten, größere Nüchternheit“ beschrieben. Ihr Ethos entstammte dem Pietismus, wie Lothar Müller einmal bemerkte. Schon das Frühstück mit schwarzem Kaffee, weichem Ei und selbstgemachter Konfitüre wird zum inneren Konzil: „Schwarzbrot. Luxus! Luxus! dachte ich wie jeden Morgen, als ich das alles beieinanderstehen sah – ein nie sich abnutzendes Schuldgefühl, das uns, die wir den Mangel kennen, einen jeden Genuß durchdringt und erhöht.“
Innerer Dialog ist besser als innerer Dauermonolog
Es wäre für die Renommierautorin der DDR ein Leichtes gewesen, bei einer ihrer Lesereisen im Westen zu bleiben, doch in ihrem Fall müssen sich die klügeren Köpfe sicher gewesen sein, dass keine Gefahr dafür bestand. Christa Wolf brauchte die Qual der existentiellen Komplizenschaft, um tiefer in sich zu schürfen, eine Sprache zu finden, die niemandem weh tun würde, „als mir selbst“. In „Was bleibt?“ (1990) berichtet sie von ihrem Impuls, den Überwachungsbeamten vor dem Fenster in kalten Nächten Tee zu bringen, und dem Aufblitzen ihrer Scheinwerfer, wenn sie zu ihnen hinüberwinkte: „Sie hatten Humor.“ Empfanden, fragt sie, „nicht Kinder so, wenn der erzürnte Vater ihnen durch ein kurz angebundenes ,Gute Nacht!‘ bedeutet hat, daß er nicht unversöhnlich ist?“ Hier schließt sich der Kreis mit Kleist, der wider besseres Wissen nie davon abließ, seinen subversiven Preußentraum dem König vorzulegen.
An der konsequenten Opposition nach dem Beispiel Wolf Biermanns hinderte sie die Furcht vor der Isolation. Insofern war sie ganz unromantisch, eher Kantianerin. Das Ich, das all ihre Vorstellungen begleiten musste, nannte sie ihren „inneren Zensor“: „Aus Erfahrung wußte ich: Innerer Dialog ist dem inneren Dauermonolog vorzuziehen.“ Und in dieser Anerkennung des ideologischen Diskurses, den man im Osten führte und an dem sie sich seit ihrer frühen SED-Mitgliedschaft abarbeitete, wurde sie zur Platzhalterin der Möglichkeit, in den totalitären Denksystemen der deutschen Vergangenheit eine geistesgeschichtliche Kontinuität zu erkennen und zu akzeptieren.
Was sie im Schreiben suchte, war der Durchbruch in den Aporien, das Zusammenschießen der Widersprüche im Schreibstrom, aber auch die neu eroberte Verbindung einer klassischen Tradition, die den ideologischen Duktus verätzt: „Die Wächter vor den Toren des Bewusstseins abziehen: Schiller, der besser als irgendeiner gewußt hat, wovon er sprach. Das große und vielschichtige Problem der Selbstzensur. Ganz anders muss geschrieben werden. Das Austrocknen, Verdorren, abgeschnitten von den sogenannten Quellen“, heißt es in ihrem autobiographischen Roman „Kindheitsmuster“. Der Feminismus war für sie ein Quellencode, das Weibliche eine Metapher dafür, dass der Weg vorwärts nach innen und in der Zeit zurück führte. Für die ökologisch alarmierte Gegenwart ist sie die richtige Autorin.
Die DDR war ihr Rauschgift zum Schreiben
Nicht über Bibliotheken allein wollte Christa Wolf den Anschluss an das, was sie für wahr hielt, finden, sondern über mythische Muster, die sie in ihrer eigenen Biographie entdeckte. Hierhin gehört ihr Stolz auf das repräsentative, ja vorbildliche Leben. Mochte sie ihren Schreibtisch auch als Foltertisch empfinden, so erwarb sie an ihm doch das Anrecht auf die Rolle einer protestantischen Diva, einer Priesterin im Tempel der höheren Vernunft: „Einem Menschen, der nicht auffallen will, fällt bald nichts mehr auf. Der entsetzliche Wille zur Selbstaufgabe läßt das Selbst nicht aufkommen.“ Den dramatischen Auftritt hat sie nicht gescheut und immer bedacht, dass Machiavelli auf lange Sicht die bessere Figur macht. 1965 hielt sie eine kritische Rede auf dem SED-Plenum, die ihre ZK-Kandidatur beendete, und trat andererseits 1989 öffentlich für die Weiterexistenz der DDR und gegen eine „Vereinnahmung“ durch die Bundesrepublik ein.
Die DDR war ihr Elixier, das Rauschgift, das sie zum Schreiben brauchte. Mit ihm kam das Pathos der Kritik, das dem Schriftsteller Peter Warwerzinek eine Parodie wert war, in der Wolfs moralische Lieblingswendungen von der „Bewältigung der Geschichte“, vom „Nachdenken“ und „Vergessen“ eine prominente Rolle spielen. In ihrem gewaltigsten Buch „Leibhaftig“ (2002), dem Protokoll einer schweren Erkrankung, nimmt sie sich Goethes Homunkulus zur Leitfigur, die sie durch die Bombenkeller Berlins an einen Ort führt, der von den Einschlägen unberührt ist. In extremis landet sie „traumwandelnd in den Kellerräumen des vor vierundvierzig Jahren, 1944, durch Bomben zerstörten Nachbarhauses“ und begegnet den Toten.
Eine Begegnung mit Volker Braun
Literatur war für Christa Wolf der Passierschein in eine Möglichkeitswelt, in der „die Zeit aus dem Gleis“ springt und die Utopie eine wenn auch wehe Gestalt annimmt. Auf der Suche danach ist Christa Wolf Aristokratin gewesen, der Menge so abhold wie Marie Antoinette. „Was soll diesen bösartigen Massen Einhalt gebieten“, schreibt sie vom Fieberwahn: „ein unübersehbares Gewimmel von zerstörerischen Zellen, die sich auf das gesunde Gewebe stürzen“. Das Ich von „Leibhaftig“-Ich „entschließt sich einzugreifen und sammelt meine Kräfte. Ich stelle fest, sie sind mir zu Willen und eilen von überall her zur Stelle“.
Der Umschlag von Schwäche in Stärke, von Gefühl in Härte war ihr Operationsmodus, mit dem sie sich bis gestern noch aus jedem Engpass befreit hat. Der Dichter Volker Braun beschrieb einmal eine Begegnung in Pankow, bei der ihm Christa Wolf gebeugt mit einem schweren Einkaufsbeutel an der Hand entgegenkam. Er nimmt ihn ihr nicht ab: „Sie schleppt die Hoffnung, denke ich dankbar und bin zu bequem; aber täuscht euch nicht, ,sie ist wie ein wildes Tier‘.“ Gestern morgen ist Christa Wolf im Alter von 82 Jahren in Berlin gestorben.
Herr Reich-Ranicki, welche Bedeutung hatte Christa Wolf für die deutsche Literatur?
Das OEuvre von Christa Wolf war im Grunde genommen immer eines zugunsten der DDR. Sie war eine DDR-Autorin von Anbeginn an und wollte es bis zum Ende sein. Das Hauptthema ihres Werks war zum einen die DDR, zum anderen die Mythologie - man denke an die Erzählung „Kassandra“ aus dem Jahr 1983 und den späteren Roman „Medea: Stimmen“ von 1996. Eine gewiss große, wenngleich nicht durchweg gelungene Rolle spielte in ihrem Werk auch ihre Autobiographie, wie in „Kindheitsmuster“ von 1976. Was sie auszeichnete, war ihr Bemühen, ihre Figuren lebendig, nah an der heutigen Zeit zu schildern.
Wie gut kannten Sie persönlich Christa Wolf?
Ich bin ihr ein-, zweimal begegnet, war aber nicht näher mit ihr bekannt. Nachdem ich ihr frühes Buch „Kindheitsmuster“ mit ziemlicher Verwunderung gelesen hatte, sah ich auch keinen Grund, die Bekanntschaft mit ihr zu suchen.
Welches halten Sie für ihr bestes Buch?
Da ich die Werke Christa Wolfs in sehr verschiedenen Zeitabschnitten gelesen habe, möchte ich mich dazu nicht äußern. Es ist zunächst wichtig der Roman „Der geteilte Himmel“ von 1963, der zumal in der DDR eine enorme Wirkung hatte. Für ziemlich wichtig erachte ich auch die Erzählung „Nachdenken über Christa T.“. „Medea“, eines ihrer letzten Werke, ist sicherlich bedeutend und ebenso das Buch über Kleist und Karoline von Günderrode, „Kein Ort. Nirgends“. Man muss aber auch bedenken, dass mehrere Arbeiten der Christa Wolf nicht ganz ausgereift waren. Auf jeden Fall ist sicher, dass Christa Wolf eine sehr selbständige Autorin war und von vielen Lesern geschätzt wurde. Ganz besonders wichtig ist die Tatsache, dass die Frauen eine große Rolle in ihrem Werk spielten.
Die Fragen stellte Felicitas von Lovenberg.
Etwas viel Getöse um diese Christa Wolf!
Ernst-Markfried Kraatz (ErnstKraatz)
- 03.12.2011, 06:42 Uhr
Was mich an Christa Wolfs "Kassandra" stört
Pingchiao Tung (Appelgriebsch)
- 02.12.2011, 10:29 Uhr
Gescheitert am Widerspruch zwischen staatlichem Sozialismus und
Gerechtigkeit und Freiheit
Jan Froehlich (JanFroehlich)
- 02.12.2011, 10:19 Uhr
Eine Opportunistin
Kai Schraube (schrauber)
- 02.12.2011, 10:09 Uhr
Für mich ein Rätsel
Eckart Härter (Leser3000)
- 02.12.2011, 09:59 Uhr