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Nachlese zu Botho Strauß : Gemütliche Gemeinschaft?

Nach seinem Essay im „Spiegel“ hacken alle auf Botho Strauß herum. Der „Zeit“-Journalist Adam Soboczynski versucht es mit Helmuth Plessner besser zu machen.

          Die Kommentare zum Essay von Botho Strauß im „Spiegel“ der vorigen Woche seien „eher routiniert ablehnend“ ausgefallen, stellt Adam Soboczynski in seinem Kommentar zum „Letzten Deutschen“ in der „Zeit“ fest. Soboczynski möchte Strauß nun auch nicht zustimmen, aber aus der Routine ausbrechen. Daher wirft er den von ihm abgelehnten Strauß in einen Topf mit den Leuten, denen der Dichter-Seher seinen Ablehnungsbescheid sendet, den Wurzelausreißern, die Einwanderer einladen, die letzten Pflänzchen der deutschen Nationalliteratur zu zertrampeln. Das Gemeinsame: der Traum von der Gemeinschaft, wie man ihn aus der „Tradition deutscher Debattenkultur“ kenne.

          Schon der Philosoph Helmuth Plessner, einsamer Liberaler in der Weimarer Republik, habe Nationalismus und Internationalismus als Varianten eines „sozialen Radikalismus“ identifiziert, der die moderne, auf „Distanz zum Nächsten“ gegründete Gesellschaft bekämpfe. „Diese zivilisierte Gesellschaft grenzt Plessner von der ‚gemütlichen Gemeinschaft‘ und ihren sozialromantischen Träumen ab.“ Was für eine aparte Pointe, dem Einsiedler in der Uckermark vorzuhalten, dass seine Mönchskutte nach Wohnküche riecht! „Es ist auch heute wieder die gemütliche Gemeinschaft, die sich ein ‚Geheimes Deutschland‘ erträumt oder den ankommenden Flüchtlingen applaudiert, als seien es Popstars, um die Distanz fast schon gewaltsam niederzureißen.“

          Wurden die Flüchtlinge wie Popstars beklatscht? Wenn man einen Vergleich aus der Spektakelkultur bemühen will, liegen die Marathonläufe näher. Der Applaus am Münchner Hauptbahnhof galt Menschen, die es gegen alle Wahrscheinlichkeit ins Ziel geschafft hatten. War der Beifall „fast schon“ ein Gewaltakt? Was soll das für Menschen heißen, die dem Tod entronnen sind? Mit symbolischen Verbürgungen zivilisierter Distanz mag man den Hungrigen und Entkräfteten kommen, wenn man ihnen in den Unterkünften ein Minimum an Abstand voneinander garantieren kann. Die rührende Geste des Begrüßungsapplauses ist für Soboczynski ein bedenkliches Zeichen. „Als lasse sich das abstrakte Ideal der Willkommenskultur in das alltägliche Leben per Applaus integrieren und – das nur nebenbei – als sei die Ausweitung der Gemeinschaft zum politischen Programm überhaupt wünschenswert.“

          Von Plessner her gesehen, ist diese Sorge unbegründet. Ohne charismatischen Führer zerfällt eine Liebesgemeinschaft wieder. Es fehlt der Gandhi der Bahnhöfe – und zwar deshalb, weil die Helfer ihre Hilfe gar nicht programmatisch als Gründungsakt eines Liebesreiches verstanden. Viele nahmen Flüchtlinge in ihre Wohnungen auf. Aber darum soll doch nicht das ganze Volk in Wohngemeinschaften leben. Es stimmt nicht, dass Plessner die Gemeinschaft als Träumerei von Intellektuellen abtut. Er definiert den Staat als „Verfahren, die gesellschaftliche Lebensordnung mit der gemeinschaftlichen ohne Einbuße an einer von beiden in dauernder Form zu verknüpfen“. Soboczynskis Plessner-Zitat von der „gemütlichen Gemeinschaft“ – das nur nebenbei – sucht man in Plessners Buch „Grenzen der Gemeinschaft“ vergeblich. Man findet es, nicht als Wortlaut Plessners ausgegeben, in der ausführlichen Zusammenfassung dieser Schrift in der Wikipedia. Die Präferenz fürs Ungemütliche, die Soboczynskis Überschrift „Deutsche Gemütlichkeit“ zum Ausdruck bringt, ist ein von Plessners Begriffen nicht gedecktes ästhetisches Vorurteil.

          Plessners Gegenwart im heutigen Bewusstsein ist eine mehrfach vermittelte. Man kennt den Helmut-Lethen-Titel „Verhaltenslehren der Kälte“ und merkt sich, dass man der sozialen Klimaerwärmung entgegenarbeiten soll. Doch welchen Nutzen hat in der Krise ein metaphorischer Thermostat? Der Flüchtling Helmuth Plessner kam am 8. Januar 1934 in Groningen an. „Es war kalt, sehr kalt“, erinnerte er sich 23 Jahre später, „wo doch gerade Emigranten so viel Wärme brauchen.“ Wird die Tradition deutscher Debattenkultur zulassen, dass Migranten neue Gedanken ins Land bringen? Martin Mosebach hat darauf hingewiesen, dass Botho Strauß das wenigstens den Syrern zutraut. Plessners Lehre aus dem Exil: „Man lernt ein Land nur als Flüchtling kennen.“

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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          Quelle: F.A.Z.

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