04.03.2009 · Der Einsturz von Köln kommt kaum überraschend. Denn die Innenstadt ist ein Konglomerat von Überbleibseln zweitausendjährigen Bauens - mit anderen Worten: Kölns Untergrund gleicht einem Schweizer Käse. Die Baubehörden hatten diese Risiken offenbar ausgeblendet.
Von Dieter BartetzkoFederico Fellini hat 1972 in seinem Film „Roma“ packend in Szene gesetzt, was es heißt, U-Bahnschächte durch den Untergrund einer uralten Stadt zu treiben. Unter dem brüllenden Lärm von Presslufthämmern sieht der Zuschauer in ein dämmriges Gewölbe, das im nächsten Moment einstürzt und von grellem Sonnenlicht erfüllt wird, das sofort wunderschöne farbige Fresken verblassen lässt, bis nichts mehr von ihnen übrig ist. Noch steht nicht fest, ob der Einsturz des Kölner Stadtarchivs infolge der dortigen U-Bahn-Arbeiten Menschenleben gekostet hat. Aber dass kostbarste, bis zu tausend Jahre alte Urkunden, Folianten und Bildurkunden vernichtet wurden, ist sicher.
So wie Rom vor dreißig Jahren Fellinis Warnung missachtete, haben Kölns Baubehörden offenbar die Risiken ihrer U-Bahn-Aktivitäten ausgeblendet. Dabei weiß jedes Kind, dass Köln eine Großstadt der Römer gewesen ist. Was das aber für die heutige Stadt und ihre Bauten bedeutet, ist kaum bekannt oder wurde zumindest unterschätzt. Dabei gibt Rudolf Pörtners Beststeller „Mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit“, dessen Titel zum geflügelten Wort wurde, klare Auskunft: Kölns heutige Innenstadt erhebt sich auf einem Konglomerat von Überbleibseln zweitausendjährigen ununterbrochenen Bauens. Banal gesagt: Kölns Untergrund gleicht einem Schweizer Käse.
Endlose Gewölbegänge
Wer die unterirdischen Ruinen des antiken Statthalterpalasts beim historischen Kölner Rathaus besichtigt, erhält eine Ahnung davon. Nicht nur die mächtigen römischen Substruktionen sind dort zu sehen, sondern weitere Hohlräume, in denen sich frühmittelalterliche Stützkonstruktionen des einstigen Ghettos erheben, ihrerseits durchkreuzt von Mauern späterer Jahrhunderte, die dann wieder Halt macht vor haushohem endlosen Gewölbegängen, die Archäologen als begehbaren Abwasserkanal des römischen Köln identifiziert haben. Und St. Maria im Kapitol, eine der ältesten und prächtigsten Kirchen der Kölner Innenstadt, erhebt sich auf einem Hügel, der, wie in Rom, tatsächlich einmal antike Großbauten trug und noch heute indirekt Zeugnis von der römischen Anlage ablegt.
In den Kriegs- und Wiederaufbau-Erinnerungen alter Kölner spielt das unterirdische Köln eine große Rolle. So war beispielsweise das Gelände rings um den Dom, speziell das Areal des damaligen (und heute noch existierenden) Domhotels durchgängig unterkellert. Ob dabei mittelalterliche und antike Keller integriert waren, und wieviele, spielt in den Aussagen der Zeitzeugen keine Rolle, dürfte aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit so gewesen sein. Denn der Dom erhebt sich bekanntlich über den Resten eines Merkurtempels sowie römischer Stadtvillen; ebenso die nahe Kirche Groß St. Martin, die über den Sockelmauern antiker Kornspeicher steht. In diesen Unterwelten lebten jahrelang Kölner Bürger, zunächst, um vor den Bomben geschützt zu sein, dann, weil die obere Stadt völlig zerstört war.
Vorwarnung nicht erkannt
Heute, im wiederaufgebauten und relativ reichen Köln finden solche Untergründe allenfalls noch als attraktive romantische Kellerlokale und Festräume Beachtung. Doch so manches moderne Haus im Zentrum ruht auf inzwischen unerkanntem oder vergessenen mittelalterlichen Fundamenten, die oft noch auf antiken Mauerzügen lasten. Beim 1972 erbauten Kölner Stadtarchiv war dies nicht der Fall. Aber auch dieser Bau stand auf uraltem Baugrund. Denn die Severinstraße verläuft über einer antiken Ausfallstraße, die, vergleichbar Roms Via Appia, nach allem, was man weiß, von Grabdenkmälern, Mausoleen, aber auch Herbergen, Schenken und Gasthöfen gesäumt war. Sichtbares Zeichen dieser Vergangenheit ist im heutigen Köln St. Severin, eine der kostbaren romanisch-gotischen Großkirchen der Stadt, die aus einer im vierten Jahrhundert errichteten, spätantiken Friedhofskirche hervorgegangen ist.
Ins zehnte Jahrhundert reicht die benachbarte Kirche St. Johann Baptist zurück, die 1960 nach schweren Kriegsschäden unter Nutzung des historischen Mittelschiffs modern wiederaufgebaut wurde. Im September 2004 neigte sich ihr Turm infolge der U-Bahn-Bauarbeiten um 75 Zentimeter. Er wurde 2005 für eine Million Euro wieder in die Senkrechte gebracht. Als mögliche Vorwarnung der jetzigen Katastrophe wurde er nicht erkannt, im Gegenteil: Gutachten erklärten 2004 das Aufrichten für unnötig. Vielleicht hätte man sich in Athen oder Rom erkundigen sollen. Dort hat sich in Jahrzehnten Erfahrungen mit dem Bau von U-Bahnen mitten durch antike Schichten und den damit verbundenen Risiken angesammelt.