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Montag, 13. Februar 2012
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Nach der Messe, vor der Messe Sorgen eines islamischen Verlegers

19.08.2004 ·  Ein chaotischer Buchmarkt, bettelarme Bibliotheken, willkürliche Zensur und dubiose Autoren: Der Verleger Khalid Al-Maaly über das schwere Gepäck der Arabischen Liga zur nächsten Buchmesse.

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Kurz vor meiner Abreise nach Köln ging ich an den Zeitungskiosk im Berliner Bahnhof Zoo. Ich suchte vergebens nach arabischen Zeitschriften und Zeitungen und begnügte mich schließlich mit deutschen Publikationen. Als ich bezahlen wollte, fragte ich die Kassiererin, ob man keine arabischen Zeitungen verkaufe. Sie sagte, doch, allerdings würden diese an der Kasse deponiert und nicht mit den anderen ausgelegt - als handelte es sich um teure alkoholische Getränke oder Zigarren, dachte ich.

Dieses banale Phänomen an deutschen Bahnhofskiosken konfrontiert uns mit dem Problem des Lesens in der arabischen Welt. Denn der arabische Leser bevorzugt das kostenlose und schnelle Durchblättern, anstatt die Publikation zu erwerben und in Ruhe durchzulesen.

Bettelarme Bibliotheken

Der Bericht der UNDP von 2002 zeigt einen Teil des Problems auf. 280 Millionen Menschen leben heute in den arabischen Ländern, etwa fünf Prozent der Weltbevölkerung. Fünfundsechzig Prozent von diesen 280 Millionen sind Analphabeten. Diese Menschen leiden unter mangelnder Bildung, Armut und fehlenden Freiheiten. Weitere Millionen können zwar lesen und schreiben, allerdings geben sie das Lesen nach Ende der Schulzeit oder ihres Studiums oft auf. Daß die meisten öffentlichen Bibliotheken in der arabischen Welt bettelarm sind, versteht sich von selbst.

So verwundert es nicht, daß der arabische Verleger heute maximal ein- bis zweitausend Exemplare eines neuen literarischen, soziologischen oder philosophischen Werks druckt. Wenn er Glück hat, gelingt es ihm, diese Auflage nach drei oder vier Jahren zu verkaufen und auch wirklich das Geld dafür zu bekommen. Denn der Buchmarkt in allen arabischen Ländern ist chaotisch. Er wird einerseits bestimmt von den Beziehungen zwischen Buchhandlungen, Großhändlern und jenen Institutionen, die bestimmte Mengen an Neuerscheinungen kaufen könnten, und auf der anderen Seite von den Verlegern. Kein Gesetz kann hier eingreifen. Denn der Verleger wird ganz einfach ignoriert, von den Buchhandlungen, den Großhändlern, den offiziellen oder halboffiziellen Institutionen mißachtet. Sie bezahlen ihre Rechnungen nicht und verschwinden. Oder sie bezahlen mit der Bedingung, zusätzliche Preisnachlässe zu bekommen, oder nachdem sie Bestechungen gezahlt haben, oder aber sie zahlen einfach mit sehr großer Verspätung.

Beschlagnahmte Bücher

Die meisten arabischen Bibliotheken kaufen keine Neuerscheinungen. Die Buchhandlungen leiden unter dem zurückgehenden Interesse der Käufer. Oft werden die Bücher, die sie bestellt haben, auch beschlagnahmt, obwohl sie bereits erschienen oder auf Buchmessen vorgestellt und verkauft worden sind. Einige Titel, die bereits eine offizielle Erlaubnis bekommen haben, werden dennoch beschlagnahmt, aus Gründen, die weder dem Importeur noch dem Verleger bekannt sind.

Bei diesen willkürlichen Zensurmaßnahmen kann ich als Verleger nicht wissen, warum etwa die Kurzgeschichten von Ingeborg Bachmann in diesem oder jenem arabischen Land verboten sind oder die Kurzgeschichten von Rainer Maria Rilke oder die Gedichte Gottfried Benns. Die Werke von Karl Marx werden erlaubt, aber das Werk eines arabischen Dichters aus dem achten Jahrhundert nicht. In mehreren arabischen Ländern stehen beispielsweise die erhaltenen Gedichte eines Dichters, der in Bagdad im Jahr 922 gekreuzigt und dessen Asche in den Tigris geworfen wurde, auf dem Index. Das Buch eines Autors wird verboten, weil er eine bestimmte Quelle zitiert hat. Für Verleger und Autoren bleiben die Gründe für diese Verbote oft schleierhaft.

Nur der Koran

In diesen Gesellschaften ist es nicht verwunderlich, daß vermeintliche Leser es vorziehen, sich Kassettenprediger anzuhören, die Zauberei als Lösung für die Probleme ihrer Schäfchen anbieten. Oft erlebe ich auf Buchmessen, daß ein Besucher ein Buch, das er für gotteslästerlich hält, zu verstecken versucht, um das Übel, das seiner Meinung nach von diesem Buch ausgeht, von anderen fernzuhalten. Manchmal muß man sich Drohungen anhören, weil ein bestimmtes Buch weiterhin zum Verkauf angeboten wird. Die Äußerung eines prominenten religiösen Führers ist nur ein weiterer Beweis für die Verbreitung der Unwissenheit und Hinterhältigkeit. Er dankte Gott dafür, daß er seit vierzig Jahren ausschließlich den Koran gelesen habe.

Die desolate Lage der Kultur in der arabischen Welt und des arabischen Buchmarkts hat die Verleger zu bloßen Druckereivertretern gemacht. Jeder, der von sich glaubt, ein Autor zu sein, kann zu einem Verleger gehen und gegen Bares sein Buch drucken lassen. In letzter Zeit ist sogar zu beobachten, daß "Gesammelte Werke" völlig unbekannter Autoren auf den Markt auftauchen. Keine Institution kümmert sich darum, die Kultur zu unterstützen, die in der arabischen Welt fast inexistent ist. Die Feuilletons sind ein guter Indikator für diesen Zustand. Anders dagegen war die Situation in den fünfziger und sechziger Jahren. Damals galt das Verlagswesen als seriöses kulturelles Gewerbe. Sowohl die Höhe der Auflagen als auch die Zahl der Übersetzungen ins Arabische lagen um einiges höher. Dies geschah trotz der kurz zuvor überwundenen Kolonisation in den meisten arabischen Ländern und des noch viel stärker verbreiteten Analphabetentums.

Hoffnung für das gute Buch

Ich spreche hier nicht von den wenigen Ausnahmen, die es auch heute gibt. Und ich gebe die Hoffnung nicht auf, daß ein gutes Buch immer seine Leser finden wird. Meine langjährige Erfahrung als Verleger und meine kontinuierliche Teilnahme an den meisten arabischen Buchmessen haben mich aber zu der Überzeugung gebracht, daß sich die meisten arabischen Verleger mit dem Status quo allzuleicht abfinden. Die meisten sind nichts anderes als einfache Händler mit beschränktem Horizont. Sie unterscheiden sich insofern nicht so sehr von den Beamten der Institutionen, mit denen sie es zu tun haben.

Die Arabische Liga soll im nächsten Jahr den Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse bilden. Vor einigen Monaten wurde ich persönlich vom Kulturkomitee der Arabischen Liga beauftragt, einen ersten Plan für die Aktivitäten der Liga und der mit ihr arbeitenden Komitees zu erstellen. Ich habe das Konzept rechtzeitig abgeliefert, und damit war die Angelegenheit beendet. Was macht nun die Arabische Liga? Drei Millionen Dollar sind von 22 arabischen Mitgliedstaaten zur Verfügung gestellt worden, ein Sechstel der Summe von Saudi-Arabien. Die Arabische Liga ist bisher nur in seltenen Fällen mit Kulturaktivitäten innerhalb oder außerhalb der arabischen Welt aufgetreten. Nennenswerte Programme zur Unterstützung von Übersetzungen arabischer Literatur in andere Sprachen gibt es nicht. Man darf gespannt sein, was sie mit der großen Chance, die Kultur der arabischen Welt im nächsten Herbst in Frankfurt zu präsentieren, anfangen wird. Leider bin ich davon überzeugt, daß die Arabische Liga diese goldene Gelegenheit ungenutzt verstreichen lassen wird.

Khalid Al-Maaly, Dichter und Übersetzer mit dem Schwerpunkt Lyrik, wurde 1956 in der Wüste von As'Samawam im Irak geboren. Er verließ seine Heimat 1979 aus politischen Gründen und lebt seit 1980 in Köln. Mit dem von ihm gegründeten Al-Kamel Verlag bemüht er sich um die kulturelle Verständigung zwischen arabischer und deutschsprachiger Welt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.10.2003, Nr. 238 / Seite 43
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Von Gerhard Stadelmaier

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