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Nach dem Neoliberalismus Und was ist nach dem Geld passiert?

 ·  Der Neoliberalismus war eine Abenteuergeschichte, und die ganze Gesellschaft fieberte mit. Heute kommt sie uns vor wie eine Käpt'n-Blaubär-Story. Wir brauchen eine neue Geschichte, meint Nils Minkmar.

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Erzähl mal die Geschichte mit dem Hubschrauber. Erzähl mal, als du deinen Schulranzen vergessen hast. Erzähl noch mal was von dem, der Bücher in einem Turm geschrieben hat.

Jeder, der mit Kindern lebt, weiß, dass Geschichten nicht erzählt werden, um Informationen zu transportieren. Das behaupten wir nur unter Erwachsenen: dass ein Text oder eine Rede dazu da ist, etwas Neues über die Welt zu sagen. Aufklärung ist aber nur eine Funktion von Geschichten. Eine andere ist der Trost, das Bändigen der unbekannt nahenden Zukunft, damit man sich einen Reim macht auf die Dinge des Lebens.

Sag einfach was

Im Wartezimmer des Zahnarztes, in einem stillstehenden Zug, beim Warten auf die Pannenhelfer nach einem leichten Unfall beginnen Eltern zu erzählen. Kein Kind kann sich einer Geschichte entziehen. Was hast du dann gesagt? Und wie fanden die anderen das? Und wie ging es weiter?

Gesellschaften sind manchmal wie Kinder, liegen zusammengekauert in der Embryonalstellung, den Blick auf das orangene Glühlämpchen in der Steckdose gerichtet – und wollen eine Stimme hören. In Stephen Frears Film „Die Queen“ sieht man sie noch mal, die Schlagzeile, mit der das sonst so harte englische Boulevardblatt nach dem Tod von Lady Di die Königin anquengelt: „Speak to us, Ma’am.“ Sagen Sie was. Das, was Gottfried Benn gegen Ende notierte – Kommt, reden wir zusammen / wer redet, ist nicht tot – gilt von Anfang an und hört auch in den Anzugjahren nicht auf.

Geld ist unser Zaubertrank

Die Gier, von der so viel die Rede ist, war eine Gier danach, die Geschichte vom wahnsinnigen Wachstum des Geldes immer weiter erzählt zu bekommen, wie bei Harry Potter sollte immer noch ein beruhigend schwerer Band kommen von der großen neoliberalen Erzählung über Geld und Magie. In dieser Geschichte ist das Geld wie Red Bull, es verleiht Flügel: Vergiss deine bescheidene Herkunft, die engen Leute da, als Investmentbanker blickst du aus hellen Höhen auf die ganze Welt hinunter. Was dich belastet, was dich da unten hält, wo es nach Weichspüler riecht – das nennen wir Kosten.

Die Vergangenheit, die Gepflogenheiten, die örtlichen Gegebenheiten, das kannst du in Kosten verwandeln – und loswerden. Geld ist der Rohstoff der ultimativen Verwandlung, macht alles, und vor allem dich, zu glänzender Flüssigkeit, wie in „Terminator II“, du erstehst neu, unbesiegbar. Der Staat will das eindämmen, er hindert die Tüchtigen. Er hat keine Chance: Geld ist unser Zaubertrank. Alle Menschen werden fit.

Das letzte Kapitel in der Geschichte des frei flottierenden Geldes

Es hat keinen interessiert, ob das stimmt oder nicht. Wir liebten diese Geschichte noch in Form der Satire, bei Tom Wolfe und Brett Easton Ellis, wir liebten sie seit „Dallas“ und „Denver-Clan“ und selbst dann, wenn wir die darin beschriebenen Verhältnisse eigentlich ablehnten. Denn es war so eine schöne, optimistische Erzählung, von Helden, die auf der ganzen Welt arbeiten, tüchtig sind und es zu etwas bringen, ohne Gewalt und Blutvergießen, einfach, weil sie gut rechnen können und die Nerven bewahren.

Das Geld kam, so das Märchen, nicht von Patriarchen, es kam ohne Gewerkschaft und ohne Partei, nachts in den Büros wurde es digital gezeugt und durch die Nase gezogen. Und später – das war der zweite, unaufregende Teil der Geschichte, den man, wie Faust zwei, abnickte – ist noch was für alle da. Die Superreichen lassen es herabrieseln, wie Sternenstaub, und auf dem steigen dann die Armen empor, sie sitzen nicht mehr den ganzen Tag zu Hause oder stehen spät auf, sie dürfen ins Call-Center oder ein Nagelstudio betreiben und morgens die Faust ballen, wenn sie Kaffee im Becher über die Bürgersteige befördern. Dieses letzte Kapitel war mit „Agenda 2010“ überschrieben.

Die wahre Geschichte

Nur Streber fragten: Gibt es das wirklich? Geld, das von oben nach unten rieselt? Die Antwort war: Wenn du ganz fest daran glaubst . . .

Die Zahlen, Erwachsene wussten das, passten nicht zur Geschichte: Die Reichen haben ihr Geld einfach behalten. Wenn sie fünfzehn Prozent Gewinn bekamen, erwarteten sie bald fünfundzwanzig. Es gab hässliche Schlagzeilen: Die Superreichen rennen den ziemlich Reichen davon. Ärzte, die dafür ausgebildet worden waren zu helfen, wechselten in Berufe, bei denen sie die Hände bis zum Ellenbogen in Geld hatten. Reiche taten ihren kostbaren Sternenstaub nach Liechtenstein in die Berge, heimlich in Plastiktüten, damit ja kein Krümel herausrieselt.

Wo ist der Wert in diesen Papieren?

Aber Erwachsene wissen ja einiges: Teppiche können nicht fliegen. Es gibt keinen Zaubertrank. Bud Spencer ist nicht stärker als eine Gewehrkugel. Aber wer setzt schon gerne so einem tollen Spiel ein Ende? Nur Spielverderber flüsterten, dass die Helden aus Versehen selbst an ihre Geschichte geglaubt haben und ihre Requisiten für echtes Geld hielten. Sie knallten ein Bündel Papiere auf den Tisch und wollten dafür eine ganze Bank. Es war aber bloß das Kopierpapier, das sie zum Spielen hatten. Als Kind kannte man das nach stundenlangem Monopolyspiel: Huch, ich besitze gar keine Hotels in der Schlossallee. Dem entsprach jener Morgen, an dem in den Zeitungen stand, dass die Papiere der Banken bloß Papier sind.

Ein erwachsener Spielverderber muss sich nun durchwühlen: Irgendwo muss es doch, in all den Papieren, einen Wert geben. Der höchste Wert aber wäre eine neue Geschichte für diese Gesellschaft.

Aber welche? Wie geht’s jetzt weiter? Was ist dann passiert? Sagen Sie was.

Das Betteln der Banker

Die Helden schweigen. Durch alle Medien geht gerade die Geschichte vom Verstummen der Banken. Berater, die nicht mehr zurückrufen, Bankchefs, die sich nicht trauen, den Finanzminister anzurufen und um dreißig Milliarden zu betteln, mächtige Bankiers, die jetzt, wie ein Sozialhilfeempfänger, den Staat brauchen. Wenn eine Bank im Fernsehen „das Wetter präsentiert“, muss man lachen: Regengötter in der Traufe.

Selbst Arnold Schwarzenegger, der Terminator persönlich, tapferer Kämpfer gegen Staat und Steuern, ist als Gouverneur von Kalifornien nicht mehr flüssig. Er schreibt Bettelbriefe an die früher von ihm so verhöhnte Zentralbank in Washington. Irgendein risikoscheuer Beamter, der noch bei seinen Eltern wohnt, wird, sadistisch langsam, den analogen Eingangsstempel aufsetzen und das Schreiben des Superhelden in den Geschäftsgang geben. Auszahlung für Milliardendarlehen leider nur Mittwoch Nachmittag – Hasta la vista, Baby.

Eine neue Geschichte muss her

Was wollen wir von den Exhelden hören? Sollen sie mit langen Bärten in der Talkshow sitzen und sagen, sie hätten zum Glauben gefunden? Sie freuten sich darauf, mehr Zeit mit der Familie zu verbringen? Wichtiger ist die Frage: Wer erfindet uns eine neue Geschichte? Jetzt ist es dumm, dass Europa noch nicht erzählt ist, dass es nur einige Karteikarten gibt, Anfänge und Handlungsstränge, aber keine fertige Geschichte, etwa so eine: In Amerika, in Russland und China, da weht gerade ein rauher Wind, aber hier, hinter den sechsundzwanzig Bergen, mit den tausend Sprachen und Millionen Verordnungen, hier, in unserem irren Labyrinth, ist es windgeschützt. Wir haben uns den Gang schon mal selbst gegraben, durch den Alice gepurzelt ist, und frönen unbehelligt unserem Wahnsinn. Noch Tee?

Welche Stimmen wollen wir hören? Das Land liebt zur Zeit die Alten, liebt Helmut Schmidt, Richard von Weizsäcker, die beiden Vogels, all die, die nicht danach aussehen, dass sie sich am liebsten selbst jeden Morgen Finanzen spritzen würden.

Ein Geldrätsel

Am Sonntag, ihr offizieller Kalender notierte „Keine öffentlichen Termine vorgesehen“, trat die Bundeskanzlerin in die frühherbstlich bevölkerten Wohnzimmer und sagte nur einen oder zwei Sätze. Es war keine ganze Geschichte, aber ein Teil davon, ein Versprechen: Kein deutsches Geld geht verloren. Das basierte wohl auf jener Szene aus „Mary Poppins“, in der die beiden Kinder ihrem strengen Vater und der Bank, bei der er angestellt ist, ihren Schilling nicht geben wollen und „Mein Geld, mein Geld“ durch die Schalterhalle krähen, bis alle Bewohner Londons auch ihr Geld von der Bank wollen, die dann freilich nicht vom Staat gerettet wird.

Dafür aber diese Familie von Mary Poppins. Angela Merkel ist nicht Mary Poppins, trotzdem hat sie ähnlich charmant zu zaubern versucht. Es ist natürlich bloß ein Trick: All das Geld ist genau so lange sicher, bis es jemand haben möchte. Aber warum soll es einer haben wollen, wo es doch so sicher ist? Das Geld der Deutschen ist derzeit in einem logischen Rätsel angelegt.

Die Stunde der Literatur

Neue Sachen passieren: Geld fließt von unten nach oben, Banken werden verstaatlicht, als habe man hierzulande die Weisheit von Hugo Chavez erkannt. Nur die passende Geschichte ist noch nicht gefunden. Besser wäre es, wir hätten einen ganzen Reigen davon zur Verfügung. Der neue Tag ist fern, wir brauchen etwas, das tausendundeine Nacht dauern kann. Was soll denn vorkommen in unserer Geschichte, fragt man manchmal die Kinder, und dann muss man etwas dichten, aus einer Katze, einem Feuerwehrauto und einem Baby. Was macht uns glücklich?

Dies ist die Stunde der Literatur: Unsere wichtigsten Papiere sind heute die Bücher.

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Jahrgang 1966, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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