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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Nach dem Mauerfall Vereinigt, nicht vereint

20.02.2009 ·  Die Wiedervereinigung ist zwanzig Jahre her und doch erstaunt sie die Deutschen noch heute - so friedlich, so rasch, so endgültig war sie. Doch nicht alle hatten nach dem Mauerfall sofort ein vereintes Deutschland im Sinn: Zeitzeugen erinnern sich an den Herbst 1989.

Von Andreas Kilb
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Es ist gut, dass es historische Symposien gibt. Andernfalls könnte man glatt vergessen, dass die Geschichte selbst kein Symposion ist. Sie kennt keine feste Tagesordnung, keine verlässlichen Redezeiten, und in ihren Kampfpausen gibt es weder Sprudelwasser noch Kaffee. Unter all den historischen Umwälzungen jedoch, mit denen das zwanzigste Jahrhundert die Menschheit in Atem gehalten hat, war die deutsche Wiedervereinigung vielleicht die friedlichste, sicher aber die schnellste. Sie geschah so rasch, dass sie ihren Protagonisten fast immer eine Nasenlänge voraus war. Wer wissen wollte, was zwischen Oktober 1989 und Oktober 1990 passierte, musste nicht die Zeitungen lesen, sondern auf die Straße gehen. Dennoch las man natürlich die Zeitung: um Worte zu finden für das, was den Wortführern davongeeilt war.

Aus demselben Grund veranstaltet man heute Symposien zum Thema. Die Wiedervereinigung ist zwanzig Jahre her, sie ist Geschichte, aber das Staunen über sie, über ihr Tempo, ihren Schwung, ihre Endgültigkeit, hält immer noch an.

Westdeutsche Parteienlandschaft schon „tief verinnerlicht“

Auf der Konferenz über „Die Deutsche Frage in der SBZ und DDR“, die die Bundesstiftung Aufarbeitung zusammen mit der Deutschen Gesellschaft e. V. und dem Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen in dieser Woche in Berlin veranstalteten, war die Reihe, sich zu wundern, an den Veteranen der Bürgerrechtsbewegung in der DDR. Markus Meckel, Gründungsmitglied der Ost-SPD und später Außenminister im Kabinett de Maizière, gestand ein, erst nach dem Fall der Mauer am 9. November 1989 die „Option“ der Wiedervereinigung ernsthaft bedacht zu haben; das Gründungsprogramm seiner Partei vom 7. Oktober hatte sich noch zur Zweistaatlichkeit bekannt und jede Erwähnung der deutschen Frage als „kontraproduktiv“ abgetan.

Gerd Poppe, damals Protagonist der DDR-Friedensbewegung, verwies auf die Gewerkschaftsbewegung in Polen: Immerhin seien die Russen dort „nicht mehr einmarschiert“, was auch den DDR-Dissidenten Hoffnung auf eine friedliche Veränderung gegeben habe.

Edelbert Richter, Mitbegründer der Partei Demokratischer Aufbruch, wollte schon seit dem „Berliner Appell“ Robert Havemanns vom Januar 1982 an eine neue staatliche Lösung für Deutschland geglaubt haben - aber natürlich unter den Vorzeichen Sozialismus und Neutralität.

Am unverblümtesten sprach der Theologe und CDU-Politiker Rainer Eppelmann aus, worum es in den späten achtziger Jahren eigentlich ging: Er habe als Pfarrer mit hunderten von Menschen zu tun gehabt, die es im realen Sozialismus nicht mehr ausgehalten hätten. Bei den meisten von ihnen sei die westdeutsche Parteienlandschaft bereits „tief verinnerlicht“ gewesen. Schon deshalb habe ihn der Erdrutschsieg der CDU bei den Volkskammerwahlen am 18. März 1990 nicht überrascht.

Die europäische Perspektive konnte Kohl überzeugen

Auf westdeutscher Seite freilich war man auf die deutsche Einheit noch weniger vorbereitet. Zwischen dem 18. September und dem 8. November 1989, gab der SPD-Politiker Norbert Gansel in Berlin zu Protokoll, habe es im Bundestag keine einzige deutschlandpolitische Debatte gegeben.

Am 9. November dann saß Helmut Kohl mit seinen Beratern und westdeutschen Industrievertretern in der Bar des Hotels „Marriott“ in Warschau, während im Fernsehen die Bilder des Mauerfalls liefen. Die Wirtschaftsleute, so berichtete der CDU-Außenpolitiker Karl-Heinz Hornhues, hätten Kohl gedrängt, bei Egon Krenz in Ostberlin anzurufen und die Übernahme der DDR anzubieten. Kohl dagegen habe zuerst an die Reaktion der europäischen Nachbarn gedacht. Lange bevor er zum Kanzler der Einheit wurde, sei er der Kanzler Europas gewesen. Zu dieser Anekdote passt eine andere, die Hans-Dietrich Genscher auf der Berliner Tagung erzählte: Am Morgen nach der Mauernacht habe er in Warschau mit Helmut Kohl bei Lech Walesa und dessen damaligem Berater Bronislaw Geremek gesessen. Während Kohl noch unschlüssig war, was er von den Ereignissen halten sollte, habe Geremek die historische Stunde erkannt: Nun werde Deutschland sich vereinigen, und Polen werde zum Nachbarn der Nato und der EU.

Es war diese europäische Perspektive, mit der Kohl für Genschers Einheitswunsch gewonnen werden konnte. Und es war dieselbe Idee, auf die sich in Berlin auch die in viele Denkrichtungen zerstreuten früheren DDR-Oppositionellen nachträglich einigen konnten.

Nur dass sie die Geschichte gern in umgekehrter Reihenfolge erlebt hätten: erst die europäische, dann die deutsche Einheit. Es kam anders. Warum, das konnte man auf der Berliner Konferenz nur in Andeutungen erfahren. Vielleicht muss man tatsächlich dabei gewesen sein, damals, als das Volk den Regierenden, den Oppositionellen und den Historikern davon- und in die Freiheit lief.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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