30.10.2005 · In Dresden hat die Weihe der wiederaufgebauten Frauenkirche begonnen. Unter Posaunenklängen zogen Schüler der Internationalen Schule Dresden mit sakralen Gegenständen wie dem Nagelkreuz und der Taufkanne in das Gotteshaus ein.
Von Dieter BartetzkoDie Sucht zum Verdrängen trotzt jeder Einsicht. Je öfter das Gewissen uns Verfehlungen vorhält, desto heftiger suchen wir das Vergessen. Daß dies für das Kollektiv ebenso wie für den einzelnen gilt, bezeugt als Extremfall der Wiederaufbau Deutschlands: Blindwütig wurden die anklagenden Trümmer getilgt und von vermeintlich schuldfreiem Neuem ersetzt.
So wurde auch aus dem Schrecken der vereinzelt als Mahnmal geschonten Ruinen bedeutender Bauten bald der unverbindliche elegische Seufzer; die ausgeglühte Frankfurter Oper errang den makabren Ruhm der „schönsten Kriegsruine Deutschlands“, Berlins zerbombte Gedächtniskirche zierte hochglänzende Ansichtskarten.
Die eindringlichste Mahnstätte
Nur die Trümmer der Dresdner Frauenkirche widerstanden dem: Ausgemergelt reckten ihre Reste sich gegen den Himmel, entsetzenerregend wie die Arme der Bombenofer, die 1945 aus den Scheiterhaufen auf Dresdens Altmarkt ragten. Die Trümmer der „Steinernen Glocke“, wo jährlich in der dreizehnten Februarnacht die Dresdner, ab 1982 auch die Anhänger der Friedensbewegung zusammenkamen, waren die eindringlichste deutsche Mahnstätte geworden.
FAZ.NET-Spezial: Die Dresdner Frauenkirche
Die Klage der Ruine stellte in dämonischer Folgerichtigkeit das Gegenteil des Jubels dar, den Dresdens „Steinerne Glocke“ von ihrer Einweihung im Jahr 1734 bis zu ihrem Ende 1945 manifestiert hatte. Ihr Schöpfer war der Ratszimmermeister George Bähr, den 1722 der Rat beauftragte, einen „der Residenz konvenablen“ Kirchenbau als Ersatz für die baufällige Vorgängerin zu errichten. Bis zur Grundsteinlegung 1726 waren bereits mehrere Entwürfe verschlissen.
Der Schleier des Vergessens
Das Hin und Her sollte sich fast dreihundert Jahre später zwar kürzer, aber nicht weniger gefühlsgeladen wiederholen. Denn kaum war 1990 die Idee vom Wiederaufbau bekannt, standen den Plänen zur Rekonstruktion Entwürfe so prominenter Architekten wie des Dresdners Günter Behnisch oder Gottfried Böhms gegenüber, die einen zeitgenössischen Kuppelbau unter Einbeziehen der originalen Reste vorschlugen. Das eigentliche Für und Wider aber galt dem Mahnmal und dem Vorwurf, eine lupenreine Rekonstruktion werde den Schleier fahrlässigen Vergessens über den Ort breiten. Die Inbrunst, mit der die Republik und das Ausland die Rekonstruktion forderten, wog schwerer.
Was sich 1726 durchgesetzt hatte, der überkuppelte Zentralbau, war inspiriert vom damals neuesten protestantischen Kirchengebäude Europas, der St.-Pauls-Kathedrale in London. Dresden freilich und bald alle Welt sprachen dagegen vom evangelischen St. Peter. Doch anders als in Rom und London feierte Dresdens Kuppel ein unerhört neues architektonisches und christologisches Ideal: Bisher waren, Vitruvs antiken Regeln folgend, Tragen und Lasten in den stützenden Tambour und die von ihm gestemmte Kuppel unterschieden worden. Bähr aber deutete den Tambour lediglich durch zwei leichte Friese an - und gestaltete so die Kuppel als ein einziges „geschmeidiges Emportauchen“. Kein donnernder, ein schwebender Gott wurde hier „graziös und monumental zugleich“ versinnbildlicht.
Mächtige Sandsteinmasse
Was keineswegs hieß, daß die Frauenkirche so schwebeleicht tänzelte wie der Turm ihrer benachbarten Konkurrentin, der Hofkirche. Die mächtige Sandsteinmasse des Bährschen Baus ließ keine Zweifel an ihrer Gewichtigkeit aufkommen - und daran, daß hier ein technisches Genie gewirkt hatte. Dabei hatte die extreme Sparsamkeit des Rats die Meisterleistung erzwungen: Zunächst wurde die Kuppel als Holzkonstruktion mit Kupferbedeckung geplant. Das Metall war zu teuer, so mühte Bähr sich bis an den Rand des Wahnsinns, die ungeheuren Steinlasten auf die viel zu schlanken acht Innenpfeiler samt den Außenmauern abzuleiten.
Doch die Mühen, die 1733 zeitweilig zum Beschluß führten, die Kuppel aufzugeben, und die Vollendung bis ins Jahr 1743 verzögert hatten, vermochten auf Dauer nichts gegen die Schwerkraft: Immer wieder erforderten Risse in den überlasteten Mauern nachträgliche Korrekturen. Die letzten erfolgten 1938 bis 1942. Kaum drei Jahre später, in der Nacht des 13. Februar 1945, geschah, was Otto Dix in seinem Gemälde „Lots Töchter“ 1937 mit dem Hintergrund des brennenden Dresden prophezeit hatte: Die Stadt verglühte. Nur die Frauenkirche ragte bis zum Morgen des 15. Februar über den schwelenden Resten. Dann sank sie in sich zusammen - die Pfeiler, ausgeglüht vom Brand im Inneren, hatten beim Erkalten nachgegeben.
Ruf aus Dresden
Mit dem „Ruf aus Dresden“ setzte 1990 das weltweite Spendensammeln zur Rekonstruktion ein, die während der letzten Jahre der DDR in Aussicht genommen und in der Dresdner Rede des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl am 19. Dezember 1989 versprochen worden war. Von 1992 bis 1994 wurde enttrümmert. Für einen „archäologischen Wiederaufbau“ wanderten alle brauchbaren Zier- und Werksteine auf riesige Lagerregale. Dann verschwand der Torso hinter Gerüsten und grünen Planen, so wie ein Patient während einer Operation sich durch die grünen Abdecktücher in einen neutralen Fall verwandelt, der Schmerzen, Blut und Tränen vergessen läßt.
Für Jahre ragte ein unkenntliches Gebilde auf. So hielt die Öffentlichkeit sich an die Veduten Canalettos und die Fotografien dieses Wunders des Barock. Ihm, von dem die Hofchronik überliefert, Sachsens katholischer König August der Starke sei „dermassen avanciert gewesen, daß Ihro Majestät sich nicht haben entbrechen können, Dero höchstes Wohlgefallen darüber zu bezeugen“, galten nun alle Erwartungen.
Nicht die letzte Antwort der Geschichte
Der Enthusiasmus, mit dem Bürger, Prominente und Institutionen spendeten, der Versöhnungswille, mit dem England, die Nation, deren Bombergeschwader Stadt und Kirche zerstört hatten, nun in Gestalt eines „Freundeskreises Dresden“ und der mehrmals spendenden Königin Elisabeth II. wesentlich zum Wiederaufbau beitrug, Gelder der Hinterbliebenen einer holländischen Widerstandsgruppe, deren Mitglieder in Dresden erschossen worden waren, und Gelder der polnischen Stadt Gostyn, die deutsche Soldaten dem Erdboden gleichgemacht hatten - all dies beweist, daß tatsächlich zuweilen „Krieg, Zerstörung und massenhafter Tod nicht die letzte Antwort der Geschichte“ sind, wie Hans Jochen Vogel, der einstige SPD-Vorsitzende, es vor wenigen Tagen formuliert hat.
Die Rekonstruktion besteht zu 43 Prozent aus historischem Material, von 7110 geborgenen Werkstücken konnten 3539 wiederverwendet werden, die einbezogenen Ruinenteile machen 34 Prozent der Gesamtmasse von 60.000 Tonnen aus, bekrönt von der Steinkuppel mit der größten Spannweite nördlich der Alpen. Sie ist nun dauerhaft gesichert durch einen verborgenen stählernen Ringanker, so wie ein verstecktes Stahlgerüst die schwindelnd hohen und steilen, ehemals selbsttragenden hölzernen Emporen trägt. „Eine geniale Konstruktion“ nennt Eberhard Burger, Baumeister der Rekonstruktion, das Werk Bährs. Er ist stolz, die Frauenkirche in dessen Steintechnik wiedererrichtet zu haben. Doch die Stahlimplantate hielt er für unerläßlich, um die 91,23 Meter Gesamthöhe zu sichern.
Ein Rausch aus Stuck, Gold, Rosé und Bleu
Was bedeuten alle diese Zahlen gegen den Moment, wenn am kommenden Sonntag die Innenräume zum erstenmal betreten werden können? Ein Rausch aus Stuck, Gold, Rosé und Bleu, so flimmernd, daß er sämtliche Vorstellungen vom festlichen Barock überstrahlen wird. Alles ist bis ins kleinste Detail nachgeschaffen worden, auch der Chorbereich. Er kam wider Erwarten, schwer beschädigt, unter dem Schutt zum Vorschein. So erschütternd war sein Anblick, daß zuerst der Vorsatz aufkam, ihn als Mahnung unbearbeitet zu belassen. Jetzt aber ist alles wieder zusammengefügt, bemalt und vergoldet; die Säulen, Engel, Apostel und Propheten. Nur das zentrale Ölbergrelief des Altars mit dem in Todesangst knieenden Christus zeigt sich so geschunden, wie es aufgefunden wurde.
Dann schweift der Blick in die leuchtende Kuppel, wo die vier Evangelisten schweben, assistiert von den Allegorien der vier christlichen Tugenden. Die farbsprühenden Originale hatte der italienische Katholik Giovanni Battista Grone gemalt. Mit den Kopien wurde nach dem Fehlversuch eines anderen der protestantische Maler Christoph Wetzel beauftragt. Er assimilierte sich der katholischen Sinnlichkeit Grones. Nur den Gesichtern hat er zeitgenössische Züge gegeben.
Die Tristesse vergessen
Der versehrte Christus und das verbogene geschwärzte Kuppelkreuz halten im Inneren die Erinnerung wach, im Außenbau zeichnet sich mit rußgeschwärzten Quadern die Ruine des Chors als düstere Silhouette ab. So ist die Frauenkirche doch noch Mahnmal geblieben. Das ist gut. Denn schon wachsen im Eiltempo ringsum die Quartiere des verschwundenen Neumarkts nach; Betoncontainer, die mit Blendfassaden der einstigen barocken Herrlichkeit überzogen werden; Dresden will wenigstens in der Anmutung den Traum zurück und die Tristesse vergessen. Der Immobilienmarkt hat seine Chance erkannt und liefert das Ersehnte.
Mit dem Neumarkt versetzt Geld Berge. Die wiederauferstandene Frauenkirche aber verkörpert, was der Mann der ersten Stunde, der Trompeter Ludwig Güttler, kürzlich als Sinn dieser Epiphanie verkündet hat: daß Gemeinsinn „wirklich Berge versetzen kann“.