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Nabokov im Schwarzwald : Wie könnte ich den Verstand nicht verlieren?

Vladimir Nabokov (rechts) mit seinem Schüler Alexander Sak, kurz nach Abschluss der Schwarzwaldwanderreise von 1925. Nabokov liebte es als junger Mann, auf Bildern herumzualbern. Bild: Vladimir Nabokov 1925 used by permission of the Wylie Agency (UK) Limited

Im August 1925 wanderte Vladimir Nabokov binnen einer Woche durch den halben Südschwarzwald. Was machte den Schriftsteller, der Deutschland damals hasste, dort so glücklich?

          Am 15. April des Jahres 1925 heiratete Vladimir Nabokov in Berlin-Wilmersdorf die Frau seines Lebens, Véra Slonim. Für die Formalitäten hatten die beiden russischen Flüchtlinge ihr letztes Geld ausgegeben, sodass sie dem gratulierenden Portier im Standesamt nicht mal mehr ein Trinkgeld zustecken konnten. In den Monaten zuvor hatte Nabokov, der mit seiner Familie 1919 vor den Bolschewisten aus Russland geflohen war, nach zahlreichen lyrischen und dramatischen Veröffentlichungen mit seinem „Brief, der Russland nie erreichte“ erstmals einen Prosatext verfasst, der die virtuose Handschrift der späteren Jahre erkennen lässt. Verdingen musste sich der aufstrebende Schriftsteller, dessen Vater, ein anerkannter Politiker, wenige Jahre zuvor in Berlin erschossen worden war, aber als Statist beim Film, Kreuzworträtsel-Autor und Hauslehrer, unter anderem von Alexander Sak, dem Sohn einer wohlhabenden russisch-jüdischen Familie.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Anfang August 1925 begleitete der damals 26 Jahre alte Cambridge-Absolvent Nabokov seinen Schüler zu einem Badeurlaub an die polnische Ostseeküste, gleich anschließend machten sie sich auf zu einer Wanderung durch den Schwarzwald. Ein Foto zeigt Nabokov während dieser Reise mit knielangen Shorts, hohen Strümpfen und Stock. Sie starteten in Freiburg, wanderten, begleitet vom Gebimmel der Kuhglocken, sechs Etappen durch den Südschwarzwald und fuhren schließlich von Waldshut mit dem Zug nach Konstanz, wo Véra schon in einer Pension auf sie wartete. Nabokov, der Deutschland nicht mochte, fand die Reise „wunderbar schön“, und obwohl heute niemand bei seinem Namen an den Schwarzwald denkt, fällt in die Zeit seiner Wanderung, wie die Briefe an Véra zeigen, ein besonderer Moment, vielleicht sogar ein Wendepunkt im Leben des angehenden Weltliteraten.

          Im Zastler-Loch

          Als wir am Rinken oberhalb von Hinterzarten einen Quereinstieg in Nabokovs Wanderreise vornehmen – dieser hatte sich zusammen mit Sak am 30. August von Titisee über fast tausend Höhenmeter auf den steilen Weg hinauf zum Feldberg gemacht –, gelangen wir auf einen malerischen, schmalen Pfad, der immer wieder den Blick auf riesige Nadelwälder und blau überlappende Täler freigibt. Hinter einer von Geröll und Schneelast gebeugten Dromedarfichte stoßen wir schließlich auf ein Schild mit der Aufschrift „Zastler-Hütte“. Diesen Ort haben wir gesucht.

          Die Zastler-Hütte im August 2016
          Die Zastler-Hütte im August 2016 : Bild: uweb

          Dass Nabokov dort übernachtet hat, ist durch eine von ihm beschriftete Postkarte belegt, auf der die 1262 Meter hoch gelegene Hütte mit riesigem Stall im Zastler-Loch vor gewaltigen Schwarzwaldhügeln abgebildet ist. Sieben Monate im Jahr ist das Areal von Schnee bedeckt; seit vier Jahrzehnten wird die Zastler-Hütte von der Familie Schindler geführt. Mit dem jüngsten Sohn hatten wir am Vortag telefoniert und uns erkundigt, ob es noch alte Gästebücher gebe. Er hatte verneint und tut es jetzt auch im persönlichen Gespräch.

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