18.06.2011 · Einträgliche Ikone: Der Mythos Ludwig II. funktioniert auch hundertfünfundzwanzig Jahre nach seinem Tod prächtig. Dem Menschen hinter dem Zerrbild kommt man schwerer auf die Spur. Eine Begehung in drei Schlössern.
Von Hannes HintermeierSo grün der Lech. So blau der Himmel und leuchtend grün die Bergwälder. Droben das Schloss, das abgenudelte. Milliardenfach zu Tode fotografiert, abgefilmt und beschrieben. Das sogenannte Märchenschloss des sogenannten Märchenkönigs. Der vor hundertfünfundzwanzig Jahren vom Leben zum Tode kam. Aus freien Stücken oder mit Gewalt, das ist noch immer nicht bündig geklärt. Und solange das so bleibt, holt das Geschäft mit dem Mythos immer wieder neu Schwung. Denn ein Geschäft ist es immer gewesen. Schon wenige Wochen nach dem Tod von Ludwig II. strömten die Besucher in die Schlösser des Wittelsbachers. Das ist bis heute so geblieben.
Wie viel Umwegrentabilität dieser König durch seinen Bautrieb geschaffen hat, das geht auf keine Kuhhaut. Dass er im Bankrott endete, rundet die Extravaganz seines Daseins perfekt ab. Eine ganze Industrie hängt bis heute an den Fäden, die König Ludwig II. gesponnen hat. Sie generiert Millionensummen Jahr für Jahr. Hier hat einer spekuliert, aber nicht um des Geldes willen, sondern um der Schönheit und Perfektion der Kunst wegen. Als Lehrmeister für heutige Politiker taugt er nur bedingt, aber die Binse, sich abzuschauen, dass in Kultur angelegtes Geld dauerhafter ist als ein Fußballstadion, das könnte man sich schon gestatten.
Neuschwanstein hat er als Baustelle zurückgelassen
Mehr als zwei Millionen Besucher kamen im vergangenen Jahr in die drei Königsschlösser Neuschwanstein, Linderhof und Herrenchiemsee, davon allein 1,3 Millionen nach Neuschwanstein. Nach den europäischen Hauptsprachen werden die meisten Führungen in Mandarin, Japanisch und Russisch gebucht. Über Kopfhörer sind zwanzig Sprachen im Angebot. Die ganze Welt sucht einen König. Und glaubt, ihn in seinen gebauten Phantasiewelten, die seinen Ruf als Ikone begründen, anzutreffen.
Den Menschen hinter der Ikone muss man sich jedoch selbst dazuphantasieren. Versuchen wir es im Allgäu. Von den Parkplätzen mit dem Kassenpalast geht der Weg kurz und steil eineinhalb Kilometer zum Schloss hinauf, eine vielsprachige Menge im planetarischen Einheitslook der Touristen steigt dem Mythos entgegen. Eine gute halbe Stunde lang werden sie sich durch die Räume im dritten und vierten Stock schieben, mehr Zeit gibt es nicht. Dem menschenscheuen König wäre schon der Anblick der Besucherkolonnen ein Graus gewesen. Neuschwanstein hat er als Baustelle zurückgelassen, von hier haben sie ihn weggebracht, seinem Ende entgegen. Ganze hundertzweiundsiebzig Tage hat sich der Burgenromantiker hier aufgehalten, manchmal nur stundenweise. Nur fünfzehn von geplanten achtzig Räumen sind fertig.
Paradies und Rückzugsort der Wittelsbacherprinzen
Manfred Kempf kennt sie alle, er hat den Generalschlüssel. Der wettergegerbte Allgäuer ist seit mehr als dreißig Jahren im Dienste des Königs, das heißt natürlich eigentlich im Dienste der bayerischen Schlösser- und Seenverwaltung. Wenn der Kastellan durch die Gemächer führt, tut er das zwar routiniert, aber noch immer mit Anteilnahme. Und er hat ein Auge auf alles, was außer der Ordnung ist. Absperrkordeln rückt er gerade, Vorhänge zupft er zurecht. Als Jugendlicher sei Ludwig „viel in de Berg umanand“, sagt Herr Kempf. Man habe ihn als großzügigen, feinen Herrn gekannt, der schon einmal einem Hirtenbuben eine goldene Uhr schicken ließ, weil der ihm nicht die gewünschte Auskunft nach der Uhrzeit erteilen konnte.
Im Thronsaal ohne Thron ahnt man, was Ludwig im Sinne hatte. Der wie eine Kirche gebaute Saal verbindet in der Gestaltung die Weltreligionen Christentum, Islam und Buddhismus: Soll doch ein jeder nach seiner Façon gläubig werden. Vom Söller aus schaut man hinunter auf das elterliche Schloss Hohenschwangau und den Alpsee, Paradies und Rückzugsort der Wittelsbacherprinzen. Ludwig und sein jüngerer Bruder Otto lernten hier das Landleben, Fischen, Jagen, Schwimmen. Am jenseitigen Ufer des Forggensees steht das ungenutzte Festspielhaus, in dem zwei Musicals das Leben Ludwigs auf die Bühne brachten; beide Unternehmungen florierten nur kurze Zeit.
Vierzehn Schnitzer schnitzten viereinhalb Jahre am Schlafzimmer
Die Wandmalereien verraten viel über die große Liebe zur Parsifal-Sage. Der Ritter, der ohne Verbindung zur Außenwelt mit seiner Mutter im Wald aufwächst. Und am Ende als Gralshüter mit göttlicher Gnade versehen triumphiert. Sängerfeste wollte der König hier feiern, fern der Münchner Residenz. Der Plan, das Beste aus allen Epochen zu vereinigen und mit den Mitteln moderner Technik zu perfektionieren - hier hat Ludwig ihn auf die Spitze getrieben. Allein für das neugotische Schlafzimmer aus Eiche waren vierzehn Schnitzer viereinhalb Jahre beschäftigt. Bei aller von den Wagner-Opern befeuerten Mittelaltersehnsucht des Bauherrn war dieser der Hochtechnologie seiner Zeit zugetan. Telefon war ebenso vorhanden wie eine Heizung mit befeuchteter Warmluft. Der Sekretär war immer in der Nähe, aber sichtbar sollte das Personal nicht sein. Denn Ludwig wollte allein sein.
Den Besuchern aus postkommunistischen und postdemokratischen Ländern ist eine solche der Exzellenz huldigende Figur nicht leicht zugänglich. Das Königtum von Gottes Gnaden hatte aber auch eine menschliche Seite, bei aller Entrückung in mythische Idealwelten. Die zeigte sich im Falle Neuschwansteins etwa darin, dass für die Bauarbeiter ein Krankenunterstützungsverein gegründet wurde, der mit sechs Wochen Lohnfortzahlung half und der an neununddreißig Familien nach dem Tod oder der Arbeitsunfähigkeit des Ernährers eine lebenslange Rente auszahlte.
Synthese zwischen Kuhstall und Parfüm-Duftwolke
Genug vom Gedränge? Fahren wir die sechzig Kilometer Richtung Osten und begeben uns auf eine Zeitreise in das Rokoko. In den Tiefen des Ammergebirges versteckt sich Schloss Linderhof. Hier in der Gegend war schon einmal ein Wittelsbacher zugange, der Einzige seines Geschlechts, der es je zum Kaiser gebracht hat. Ludwig IV. der Bayer gründete 1330 das Kloster Ettal. Noch fünfhundert Jahre später leiten die Wittelsbacher ihre dynastische Überlegenheit gegenüber dem preußischen Königshaus von diesem Mann ab.
Jetzt kann man hier studieren, wie aus einem Bauernhof, dem Lynder-Hof, ein Prunkschloss wurde. Rechtzeitig zum Todestag wurde eine Ausstellung eröffnet, die nachzeichnet, wie sich die eklektizistische Herrlichkeit aus einer Übernachtungsgelegenheit für königliche Jäger entwickelt hat. Ein Raum soll gar die geruchliche Synthese zwischen Kuhstall und der Duftwolke aus Ludwigs Parfum „Chypre“ evozieren. Die Duftnote aus Weihrauch und verbranntem Holz wurde in Zusammenarbeit mit einer Kölner Firma rekonstruiert. Schon Sisi soll sich über Ludwigs Neigung zum Duftbombast lustig gemacht haben.
Ein insolventer König?!
Perfekte Illusion war auch in Linderhof alles. Dennoch hat das Schloss etwas Intimes. Im Keller die Versorgungsräume, oben die Repräsentation bis hin zu einem kleinen Spiegelsaal, der ins Unendliche reflektiert. Der König selbst sei ein leidlich guter Klavierspieler gewesen, sagt Christian Misniks. Der Kastellan weiß um die Reaktionen der Besucher, wenn sie von der Ausstattungsorgie der Prunkräume überwältigt werden. „Die Franzosen freuen sich, weil alles wie daheim aussieht. Die Amerikaner begeistern sich - gorgeous! Und die Deutschen fragen, was das gekostet hat. Und sagen, dass Ludwig sein Volk ausgebeutet hat.“
Bezahlt hat Ludwig aber aus seiner Kabinettskasse, die jährlich mit 4,5 Millionen Mark gefüllt war. Allein für Neuschwanstein hat er 6,2 Millionen Mark ausgegeben. Von der Mitte der siebziger Jahre an wuchs sein Schuldenstand, bis er 1884 die Höhe von 8,25 Millionen Mark erreichte. Durch den Ankauf der Ruine Falkenstein und weitere Baupläne steigerte er seine Schulden innerhalb eines Jahres auf vierzehn Millionen Mark. Die ersten Handwerker klagten Außenstände ein, eine Prozesswelle und Zwangsvollstreckung drohte, ein insolventer König. Ludwig war das ganz gleichgültig, aber die Politiker und Beamten suchten nach einem Weg, ihn loszuwerden. Das Ende rückte näher.
Die perfekte Illusion der Blauen Grotte auf Capri
Heutige Untertanen stehen zum Beispiel vor der Frage, wie sie es mit der künstlichen Grotte halten sollen, die im oberen Teil des phantastischen Schlossgartens in die Erde gegraben ist. Auch die illuminierte Tannhäuser-Kulisse mit dem vergoldeten Muschelkahn setzte auf moderne Technik. Die Grotte war beheizbar, allerdings verbrauchte man für sechs Stunden zehn Festmeter Holz; damit könnte man heute ein Einfamilienhaus ein halbes Jahr lang heizen. Das neunzig Meter lange Gebäude wurde mit Dynamos elektrisch beleuchtet - Ludwig wollte die perfekte Illusion der Blauen Grotte auf Capri. Und überforderte die Ingenieure mit seiner Illusionssehnsucht. Jetzt verfällt die Theaterkulisse, die Träger rosten, überall Stützgerüste. Eine Sanierung ist technisch kaum machbar, bezahlbar ohnehin nicht.
In Linderhof wird Ludwig spürbarer, hier hat er wirklich gelebt, hier fühlte er sich daheim. Seinen Todestag am 13. Juni wird man in Linderhof offiziell begehen, und zwar mit einer „besinnlichen Soiree“, dazu ein dreigängiges Menü mit Aperitif. Dabei weiß man allzu gut, dass der König Wert auf acht bis zwölf Gänge legte. Im Alter von vierzig Jahren wog er hundertzwanzig Kilo, um seine Zähne stand es nicht zum Besten. Dafür speiste er mit imaginären Gästen, saß am Schreibtisch, der dem von Marie Antoinette nachgebildet ist, unterhielt sich auf Französisch mit Madame Pompadour, wahlweise mit Mozart.
Versailles auf dem bayerischen Meer
Noch einmal weiter Richtung Osten, hundert Kilometer durchs Oberland, nach Prien am Chiemsee. Dort setzen wir auf die Herreninsel über. Altes Gelände. 750 nach Christus begann mit der Taufe zweier Prinzen von hier aus die Christianisierung der Slowenen. Die Besucher kennen nur einen Weg, quer über die Insel zum Neuen Schloss Herrenchiemsee. Versailles auf dem bayerischen Meer. Auf zwei Etagen eines bislang nicht zugänglichen Flügels breitet sich die Bayerische Landesausstellung aus, „Götterdämmerung“ ist sie überschrieben. Das ist nichts für die Massen, die sich durch den Spiegelsaal schieben, das ist etwas für den Ludwig-Interessierten, der sich ein differenzierteres Bild machen will.
Nach heutigen Standards hätte Ludwig II. über die Erziehungsmaßstäbe chinesischer Tigermütter nur müde lächeln können. Seine durchgetaktete Prinzenerziehung lief sieben Tage die Woche. Wecken war um 5.45 Uhr, der Tag endete um 21 Uhr. Für die Begegnung mit der Mutter waren dreißig Minuten eingeplant, dazu das gesamte Programm des humanistischen Gymnasiums. Sein Großvater Ludwig I. sah in der Person des Enkels schon deswegen das Schicksal walten, weil dieser am gleichen Tag und zur gleichen Stunde wie er selbst geboren wurde. In einem Widmungsgedicht schreibt er dem Nachfahren ins Stammbuch: „Es herrscht nur der, welcher sich selbst beherrscht.“
„Ein Tempel des Ruhms“
Das hat dann nicht so geklappt, wie sich der Großvater das gewünscht hat. Als Ludwigs Vater Max II. überraschend stirbt, schreibt der gerade Achtzehnjährige ins Tagebuch „König“, senkrecht von unten aufsteigend über eine ganze Seite. Wer würde nicht ins Schwärmen kommen bei solchen Zukunftsaussichten?
„Gewissermaßen ein Tempel des Ruhmes“ sollte Schloss Herrenchiemsee werden, „worin ich das Andenken an König Ludwig XIV. feiern will“, schreibt Ludwig in einem Brief. Diese Versailles-Nachschöpfung auf einer der schönsten Stellen des an schönen Stellen nicht armen Alpenvorlandes mutet dennoch seltsam an. Die Epoche, in der sich dieser Exzentriker austobte, tritt als scharfer Kontrast gegen diesen privaten Geniekult zutage. Den nimmt der moderierende Kabarettist Christoph Süß in einer Filmsatire mit Franck Adrian Holzkam als Richard Wagner auf die Schippe. Als König im Nerz. „Ihr Heutige seid so dekadent, ihr versteht mich“, frotzelt er in tuntigem Münchnerisch. Das dürfte für Kinder und manchen erwachsenen Besucher eine Spaßebene zu viel sein.
Allein durch seine Bauten wollte er überleben und unsterblich sein
Und doch liegt hier zwischen Kinderschuhen und Totenmaske ein Leben ausgebreitet, das den Blicken zu entziehen der König die längste Zeit eifrig bemüht war. Allein durch seine Bauten wollte er überleben und unsterblich sein. Aber er muss gewusst haben, wie sehr er sich damit gegen die Zeit stemmte. Die andrängende Moderne schiebt sich mit Macht über diese Existenz, sie hat keine Zeit für die Suche nach dem Gral, für Bänkelsänger, Ritterbilder und winternächtliche Ausfahrten - auch wenn der Schlitten elektrisch beleuchtet war. Das katholisch-agrarische Bayern wird nicht nur in zwei Kriege hineingezogen, es muss sich auch Preußen unterwerfen.
Acht verschiedene Diagnosen, den Geisteszustand Ludwigs betreffend, zählt die Schau auf, darunter Cäsarenwahn, Borderline und Morbus Pick. Meningitis soll er sich schon bei seiner Amme geholt haben. Selbstmordgefahr wurde angenommen. Dann verschleppten sie ihn von Neuschwanstein nach Schloss Berg. Türklinken abgeschraubt, stumpfe Obstmesser. Es war ein regnerischer Pfingstsonntagabend, an dem dieses Leben endete. Im Sterbebuch der Münchner Dompfarrei steht: „Ging im Irrsinn in den Starnbergersee und ertrank in demselben zugleich mit seinem Arzte Dr. von Gudden.“ Die Zeit der großen Könige war vorbei. Die Sehnsucht nach ihren Geschichten fing gerade erst an.
Die Rückkehr des Königs
Justus Möser (Advocatuspatriae)
- 18.06.2011, 16:49 Uhr