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Mutterbilder Kinder einer Generation

 ·  Das Mutterbild früherer Zeiten liegt immer noch wie ein Schleier über unserer Gegenwart. Zugleich ist die neue Rollenerwartung so hoch, dass vielen Frauen angst und bange wird.

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Als Mädchen war ich im Leichtathletikverein des Nachbarortes, einer Kleinstadt in der süddeutschen Provinz. Irgendwann stand ein neuer Trainer auf dem Sportplatz. Er war ein freundlicher Typ, mit lächelnden Augen und einem Schnauzbart, wie es damals, Mitte der achtziger Jahre, noch üblich war. Wir mochten ihn. Irgendwann sagte jemand, dass unser Trainer, wenn er nicht auf dem Sportplatz stand, den ganzen Tag zu Hause sei, dass er für seine Töchter Mittagessen koche und mit ihnen Hausaufgaben mache, dass er wasche und putze, während seine Frau zur Arbeit gehe. Das Wort Hausmann kannten wir nicht, nur Väter, die arbeiteten, und Mütter, die morgens nicht ins Büro fuhren, sondern den Haushalt machten. Irgendetwas, dachten wir, stimmte mit unserem Trainer nicht.

Vieles hat sich seitdem verändert, und denkt man darüber nach, was sich alles getan hat in Sachen Geschlechtergleichheit, dann muss man bei aller Unzufriedenheit, dass die derzeitige Situation nicht eine noch bessere ist, einmal festhalten, dass die Veränderungen fast so tiefgreifend sind wie der Sprung von der Schreibmaschine zum Computer. Väter, die sich über Jahre um das Wohl der Kinder kümmern, während die Frau Karriere macht, sind immer noch selten. Aber es ist selbstverständlich geworden, dass Frauen arbeiten, und es gibt Strukturen, die das auch Müttern ermöglichen; zum Beispiel gibt es Vätermonate und viel mehr Kita- und Krippenplätze als früher, und es gibt Kinder- und Elterngeld. Trotzdem reicht das nicht aus, um zu verhindern, dass die Anzahl der Babys, die geboren werden, immer weiter sinkt.

Der Druck der Demographie

Händeringend wird nach Ursachen gesucht, und es vergeht kaum eine Woche, in der nicht irgendwo darüber gesprochen, geschrieben oder gestritten wird und in der keine Vorwürfe und Vorschläge gemacht werden, die kinderlose Frauen, auch wenn dies niemals so deklariert werden würde, zum Kinderkriegen animieren sollen. Ich höre dann sehr genau zu. Denn es geht dabei um mich und um viele meiner Freundinnen, die wie ich in den Achtzigern noch Mädchen waren, deren Mütter Hausfrauen gewesen sind und die sich über Hausmänner wunderten, weil sie mit einem anderen Rollenverständnis aufgewachsen sind.

Jetzt tickt, wie es so unschön heißt, unsere biologische Uhr, wir sind in den entscheidenden Jahren. Längst geht es dabei nicht mehr nur um ein Ja oder Nein zum Mutterglück, sondern auch darum, wo wir heute und wo wir eines Tages in dieser Gesellschaft stehen werden. Es ist schon jetzt nicht immer leicht zu ertragen, wie über uns gesprochen wird. Jeder glaubt, er habe etwas Bedeutendes mitzuteilen zu diesem Thema, das eigentlich ein sehr intimes ist, das dann aber, als klar wurde, dass Deutschland sich auf einen demographischen Gau zubewegt, zu einem Thema von Politik und Öffentlichkeit wurde. Die Frauen meiner Generation finden sich in dem deprimierenden Zahlenwerk von Statistiken wieder, die belegen, dass sie zum Grundübel einer überalterten Gesellschaft geworden sind. Wie konnte das passieren?

Das Nachleben alter Vorstellungen

Unsere Mütter haben uns dazu angehalten, zu studieren oder einen Beruf zu lernen, um, anders als sie, finanziell unabhängig zu sein. Alles andere, Partner und Familie, das war selbstverständlich und würde sich schon irgendwie ergeben. Mit Mitte zwanzig ist man schließlich noch keine dreißig, und mit dreißig die 35 noch weit weg. Das Zeitfenster, in dem man Kinder bekommen kann, schien groß genug. Es füllte sich mit Praktika, mit Jobwechseln, mit Auslandsaufenthalten und Umzügen, mit der Suche nach dem passenden Partner. Dass das Zeitfenster da schon fast nicht mehr vorhanden war, bemerkten viele Frauen nicht.

Im „Guardian“ stand kürzlich ein kluger Artikel über ungewollte Kinderlosigkeit. Die Journalistin Kate Brian wies darauf hin, dass es im Sexualunterricht letztendlich immer nur darum gehe, wie Schwangerschaften verhindert werden können. Um ungewollte, nicht medizinisch begründete Kinderlosigkeit ginge es hingegen nie, und das, obwohl in einer Klasse, in der dreißig Schüler sitzen, mindestens fünf Mädchen davon betroffen sein werden (die Zahl ungewollter Schwangerschaften ist weitaus geringer).

Noch viel wichtiger als diese Beobachtung, die, wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke oder mich mit meiner Schwester, die Lehrerin ist, unterhalte, offenbar auch immer noch für Deutschland gilt, war das, was ein gewisser Professor Michael Reiss dazu der Journalistin vom „Guardian“ erklärte. Früher sei die Situation immer so dargestellt worden, als wolle jedes Mädchen möglichst früh Mutter werden: „Unbewusst werden solche Themen noch immer durch die Sichtweisen vorangehender Generationen abgesteckt.“

Das gehegte schlechte Gewissen

Auch im deutschen Hier und Jetzt wirken die Sichtweisen früherer Generationen. Wir alle sind durch sie geprägt. Sie liegen wie ein Schleier über der Gegenwart, die nichts mehr mit jener zu tun hat, in der unsere Eltern sich vor dreißig, vierzig Jahren dazu entschlossen, Kinder zu bekommen. Die ökonomische Situation ist eine andere. Frauen haben sich weiter emanzipiert. Die Politik und die Institutionen hinken den Veränderungen hinterher, als noch träger aber erweist sich die Mentalität. Was nicht in diese Zeit passt, sind nicht die Kinder, wie jetzt manchmal behauptet wird, sondern die Anforderungen an Mutterschaft.

Sie kommen aus einer Zeit, in der die Kinderbetreuung allein Frauensache war. In Deutschland, das haben Studien ergeben, herrscht die Meinung vor, dass ein Kind nur in Anwesenheit der Mutter glücklich ist. Und natürlich sind die Mütter nicht frei davon. In Internetforen gibt es seitenweise Einträge von Frauen, die, obwohl sie wissen, dass ihr Kind bei der Tagesmutter oder in der Kita in guten Händen ist, ein schlechtes Gewissen plagt. Mit Biologie lässt sich das nicht begründen. Entscheidend sind die Einstellungen, mit denen wir aufgewachsen sind, und auch, ob und wie diese in Frage gestellt werden.

Wie starr sie sind, zeigt sich auch daran, wie zögerlich an der Vereinbarkeit von Beruf und Familie gearbeitet wird. Nur in kleinen Schritten geht es voran. Die OECD hat Deutschland gerade in einem Bericht geraten, ein hochwertiges und erschwingliches Betreuungsangebot für Kinder einzurichten, damit Frauen ihr berufliches Potential ausschöpfen können. Aber wie soll eine Gesellschaft, in der die Mehrheit glaubt, die Mutter sei die beste Betreuerin ihres Kindes, so etwas konsequent und einfallsreich verfolgen?

Die Folgen des Berufsausstiegs

Bisher ist der typische Berufsweg einer Mutter von mehrjährigen Unterbrechungen geprägt, die in jene Lebensjahre fallen, die für die Karriere entscheidend sind. Den meisten Frauen gelingt es danach nicht mehr, dort anzuknüpfen, wo sie ausgestiegen sind. Das ist aber nicht das einzige Problem. Frauen in Deutschland verdienen noch immer deutlich weniger als Männer. Allein schon deshalb müssen sie später mit einer geringeren Rente rechnen. Steigt eine Frau nun für Jahre aus dem Beruf aus, weil sie Mutter geworden ist, verschärfen sich die Konsequenzen aus dem Lohngefälle weiter. Denn mit ihrer Abwesenheit, während der sie ihr Kind versorgt, verringern sich nicht nur ihre Chancen auf einen Karrieresprung, der eine höhere Gehaltsstufe bedeuten könnte, sondern sie bekommt später, durch den Wegfall zahlreicher Beitragsjahre, auch noch deutlich weniger Rente. Haben wir Frauen studiert, um beruflich und gesellschaftlich so zu enden?

Ich kenne keine kinderlose Frau, die diese Frage nicht beschäftigt und die sich nicht fragt, ob sie ihr Kind leichten Herzens in eine Kita geben würde. Und ich kenne kaum eine, die sagt, dass sie keine Kinder haben will. Es ist ein Dilemma, und egal, wie die Entscheidung ausfällt - jede hat einen negativen Beigeschmack.

Eine Studie - und die Wirklichkeit

Die Einstellungen zu Mutterschaft sind gesellschaftlich gewachsen. Ansonsten würden sie in Europa nicht variieren, wie jetzt eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung zeigt. Unterschiede bestehen auch zwischen Ost- und Westdeutschland: In Westdeutschland sind die Rollenerwartungen so hoch, dass Frauen dort fürchten, ihrer Rolle als Mutter nicht gerecht zu werden, stärker als in Ostdeutschland und stärker noch als in anderen Ländern Europas. Auch der Anspruch bei westdeutschen Paaren an Elternschaft ist so hoch, dass er mit ihrer Lebenswirklichkeit kollidiert. Die Folge ist, dass oft gar keine Entscheidung fällt, ob man sich Kinder zutraut oder nicht.

Dass die Autoren ihrer Studie mit dem Titel „(Keine) Lust auf Kinder?“ ein Etikett gegeben haben, das in eine ganz andere Richtung weist als das, was man darin lesen kann, spricht für sich. Es klingt in ihm die verkrustete Sichtweise an, unter der Kinderlosigkeit hierzulande verhandelt wird: Wer keine Kinder hat, dessen Leitlinien sind Egoismus und Vergnügungssucht. Vielleicht muss man sich ihrer bedienen, um Aufmerksamkeit zu bekommen.

Die Wirklichkeit aber ist, genauso wie diese Studie, komplexer. Sie wird sich erst ändern, wenn ein Nachdenken über unsere Einstellung zur Mutterschaft einsetzt. Sie muss der Gegenwart angepasst werden. Nur das kann Frauen ermöglichen, berufliche Selbstentfaltung, für die Frauen lange gekämpft haben, und Kinder mit gutem Gefühl zu vereinbaren. Dann wird auch der Druck nachlassen, der verhindert, dass Frauen und Paare den Zeitpunkt verpassen, sich für Kinder zu entscheiden.

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Jahrgang 1975. Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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