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Muss erst wieder etwas passieren? Verschärft das Waffenrecht!

 ·  Zehn Jahre nach dem Amoklauf von Erfurt sind die europäischen Waffengesetze immer noch viel zu lasch. Warum will das niemand ändern? Plädoyer aus Anlass einer ARD-Dokumentation.

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Knapp eine Woche nach dem Gemetzel eines Sportschützen in einem Ferienlager auf der norwegischen Insel Utøya ließ der deutsche Schützenfunktionär Helmut Glaser im SWR endlich die Katze aus dem Sack: „Wir Sportschützen wollen weiter auch mit unseren Großkaliberwaffen schießen, wo und wann wir es wollen. Es macht einfach Spaß.“ Warum müssen Sportschützen mit Waffen schießen, die zum Töten und Verletzen hergestellt wurden und mit denen man leicht und schnell viele Menschen ermorden kann? Beim Winnender Schulmassaker wurden mit nur zwei Kugeln aus einer solchen „Sportwaffe“ vier Mädchen tödlich verletzt. Im Gutenberg-Gymnasium Erfurt starben beim Amoklauf eines Vereinsschützen zwei Schüler durch „Sport“-Munition, die zuvor eine Tür durchschlagen hatte.

Es gehe um die Schulung der Konzentrationsfähigkeit und um Entspannung, um Kameradschaftsgeist und Vereinsgeselligkeit, lassen Sportschützen ihre Kritiker wissen. Wer nachfragt, ob für sportliche Zwecke nicht auch weniger gefährliche Waffen ausreichten, Druckluft- oder Laserwaffen etwa, wird abgespeist: Sie wollen doch auch frei wählen können zwischen langsamen und schnellen Autos, oder? Nach jedem Amoklauf ist das allgemeine Entsetzen groß. Und kurz. Die Frage nach dem Warum, nach den verborgensten Motiven des Täters, stellt die Frage nach dem Womit jeweils in den Schatten. Dabei ist die Frage nach den Tatmitteln einfacher zu beantworten: Fünfundneunzig Prozent der folgenschwersten Amokläufe in westlichen Demokratien seit 1966 geschahen mit legal erworbenen Schusswaffen.

Es wird geschwindelt und gelogen

Indes flackerte nach dem Massaker auf Utøya im Juli vergangenen Jahres die Frage nach einer Verschärfung des deutschen Waffengesetzes wieder nur kurz auf - obwohl das Thema in manchen Zeitungen der Aufmacher war - und verschwand ohne weiterreichende Folgen. Der Vorgang verläuft stets nach dem gleichen Muster. Wann immer irgendwo ein Vereinsschütze mit einer legalen Waffe Amok läuft, spult die Schützenlobby blitzschnell die gleiche Propaganda ab: „Ein drastischer Einzelfall, ausgesprochen selten . . . 99,9 Prozent unserer Schützen sind ganz verantwortungsvolle Waffenbesitzer. Gegen kriminelle Energie kann man nichts unternehmen.“ (Erfurt 2002)

Es wird geschwindelt, dass sich die Balken biegen, mitunter auch dreist gelogen: „Wir schießen Kleinkaliber und Luftgewehr, aber alle anderen Kaliber sind nicht dabei“, behauptete im Bayerischen Fernsehen der Präsident des Deutschen Schützenbundes, Josef Ambacher, im Wissen, dass der Winnender Täter in einem DSB-Verein mit einer Großkaliber-Pistole das Töten trainieren durfte. „Trotz aller Bestürzung gehen weitere Forderungen nach Verschärfung des Waffengesetzes in die falsche Richtung“, verkündete Präsident Ambacher am Tag nach dem Winnender Schulmassaker. Die Politiker schlagen in dieselbe Kerbe: „Ich kann überhaupt nicht erkennen, welche wie auch immer geartete Änderung im Waffenrecht an dem Geschehen etwas geändert hätte“, sagte der ehemalige Bundesinnenminister Schäuble. „Ich stimme Herrn Schäuble ausdrücklich zu, dass ich gesetzgeberisch keine Möglichkeit sehe, so etwas zu verhindern, wie es sich gestern in Baden-Württemberg ereignet hat.“ (Sebastian Edathy, SPD) „Deutschland hat schon heute eines der schärfsten Waffengesetze.“ (Serkan Tören, FDP) .

„Es muss erst wieder etwas passieren“

Solche Politiker gehen über Leichen, wenn sie nach jedem Amoklauf die gleichen Parolen verbreiten wie DSB-Präsident Ambacher oder sein Vize Jürgen Kohlheim: „Furchtbare Ereignisse wie in Norwegen kann man mit noch so vielen Verboten nicht in den Griff kriegen.“ Oder: „Durch Verbote sind Gewalttaten nicht zu verhindern.“ (Hartfrid Wolff, FDP) „Vor so einem Einzeltäter kann man sich nicht schützen“, erklärte zum norwegischen Killer-Sportschützen Anders Breivik der SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz. Gegen Terrorakte dieser Art lasse sich wenig tun, sekundierte sein CDU-Pendant Wolfgang Bosbach. Und weiter geht’s. Sie stellen sich dumm und wissen doch alle, was der dem Massaker entkommene, siebzehnjährige Schüler Niklas Dörig nach der Mordserie an seinem Erfurter Gymnasium 2002 wusste und im Fernsehen sagte: Man müsse versuchen, „das Risiko zu minimieren, dass Sportschützen wie Robert S. solche Taten begehen“.

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Der Buchautor und Filmemacher Roman Grafe, 43, ist Sprecher der Initiative „Keine Mordwaffen als Sportwaffen!“ (www.sportmordwaffen.de). Gemeinsam mit Hinterbliebenen aus Winnenden legte er 2010 Verfassungsbeschwerde gegen das deutsche Waffengesetz ein. Am heutigen Montag läuft um 22 Uhr 45 in der ARD die Dokumentation „Die Story: Waffen sind mein Leben“ über das Schulmassaker von Erfurt und die Macht der Waffenlobby in Deutschland.

Quelle: F.A.Z.
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