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Musikmissbrauch : Christian von Borries: Was passiert ohne das „Ta-ta-ta-tam“?

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Christian von Borries bei der Arbeit Bild: Sophiensaele Berlin, Iko Freese

Seit fast drei Jahren präsentiert der Dirigent Christian von Borries in der Reihe „Musikmissbrauch“ ungewöhnliche Bearbeitungen klassischer Werke. Ein Porträt des Künstlers anlässlich seiner Mossolow-Inszenierung „Der Held“ in den Berliner „sophiensaelen“.

          Christian von Borries will die klassische Musik nicht nur gegen den Strich gebürstet wissen. Das wäre für ihn eine weitere Interpretation des bereits Bekannten. Dem 39-Jährigen geht es vielmehr darum, die Klassik im Alltag zu verankern.

          Deshalb stellt er seit fast drei Jahren immer wieder Konzerte unter dem Stichwort „Musikmissbrauch“ zusammen. Da werden Stücke zu schnell oder zu langsam, zum ersten oder zum letzten Mal gespielt. Sie werden zeitlich gerafft oder gedehnt. Da wird nebenbei flaniert und geflirtet. Mitunter werden Fragmente ergänzt, in Live-Konzerten Tonaufnahmen eingespielt, Räume akustisch verändert, gebrauchte Musik verschönt und klassische Musik verbraucht.

          Viele Erfahrungen um die „richtige“ Klassik weiß der schlaksige Mann, der jünger aussieht als er ist, auf seiner Seite. Er war jahrelang Soloflötist im Zürcher Opernorchester, studierte Dirigieren bei Nikolaus Harnoncourt, Gerhard Samuel, Carlos Kleiber. Letzterer allerdings habe ihn vor dem idiotischen Metier gewarnt. Die Topkarriere, die sich in Zürich ankündigte, brach von Borries ab, um nach Berlin zurückzugehen.

          Zu Mauerzeiten in den achtziger Jahren lebte von Borries bereits einmal in der Stadt. Das hat Spuren hinterlassen. Was damals im alternativen Milieu mit jedem Bier eingesogen wurde, war die Kunst, alles zu hinterfragen. Dieser Geist holte von Borries in Zürich wieder ein, als er merkte, dass er noch vierzig Jahre lang erfolgreich die gleichen Stücke dem gleichen Publikum mit der gleichen Wirkungslosigkeit hätte vorspielen können. „Ich bin kein Denkmalschützer“, sagt er.

          Spannung entsteht da, wo Dinge zusammengedacht werden, die sich reiben. Die Musik weist seit ihrer Reproduzierbarkeit Gebrauchsspuren auf. Von Borries ist einer, der wissen will, was mit Beethovens Sinfonien passiert, wenn sie verhackstückt in die Warteschleifen der Telefonleitungen gelangen. Er betrachtet solche Momente als Teil der Kultur und überträgt sie in sein Aufführungskonzept. Welche Musik entsteht, wenn Schicksalsmotive und „Ta-ta-ta-tam“ ausgelassen werden? Wenn DJs aus Klassik Ambiente produzieren?

          Weil um die klassische Musik eine Bastille gebaut wurde, hängt jeder Hinterfragung das Attribut „subversiv“ an. Dabei wäre es eine Bereicherung, darin ein Freiheitsangebot zu sehen. Es gibt ein paar Leute, die das verstanden haben. Die „sophiensaele“, die von Borries ihr abgenutztes Domizil zur Verfügung stellen, gehören dazu. Aber auch der Hauptstadtkulturfonds, der etwas Geld gibt, weil darin Jurymitglieder sitzen, die wissen, dass die traditionellen Orchester sich in einer Sackgasse befinden.

          Derzeit bringt von Borries in der leerstehenden DDR-Staatsbank die Oper „Der Held“ zur Aufführung. Derweil sie flanieren, setzen sich die Zuschauer ihr akustisches Panorama selbst zusammen. Der nächste Musikmissbrauch heißt „100 Jahre Zukunftsmusik“. Dazu benötigt von Borries eine große Besetzung. Das Staatsorchester Frankfurt hat sich für das Projekt begeistert.

          „Ich habe ein Problem: Ich habe kein Orchester, brauche aber eins.“ So lautet der eine Teil seiner Verhandlungsstrategie. „Sie haben ebenfalls ein Problem: Sie brauchen neue Ideen und ein neues Publikum“. Das ist der wahre Trumpf. Er selbst jedoch ist nicht einzukaufen. Seine Projekte brauchen den überschaubaren Rahmen und die künstlerische Freiheit. Die will er sich nicht nehmen lassen. „Das Unverbiegbare macht glücklich“, sagt er.

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