09.01.2001 · In Christian von Borries' neuestem „Musikmissbrauch“, einer eigenwilligen Operninszenierung hat jeder Held einen Einzelraum in der ehemaligen Schatzkammer der DDR in Berlin. Die Zuhörer können die Szene betreten.
Von Waltraud SchwabVersatzstücke einer Oper: Tragische Geschichte und grandioses Setting, dramatische Musik und großes Heldengebaren. Vier Aspekte, die Christian von Borries im Rahmen der Serie „Musikmissbrauch“ in der seit Jahren leerstehenden DDR-Staatsbank derzeit einem eigenwilligen Höhepunkt zuführt.
Den Eingang der ausgeräumten DDR-Schatzkammer bewachen steinerne Widdermenschen mit Hang zum Militarismus. Alles andere in dem Gebäude ist sozialistischer Chic: Mustertapete und Plastikfußboden, Sprelacart und Nylonvorhänge. Oper oder Blues?
Rund um den Säulen verzierten, mit Plaste ausgekleideten Ballsaal in der Mitte des Gebäudes liegen die Büros der Bank. Dazu wurden die Balustraden des Saals zugemauert, die Decke mit Milchglasscheiben abgehängt. Einblicke in den Saal sind nicht möglich. Der Ort wird für von Borries zur Bühne für „Der Held“. Eine jener dissonanten Opern des russischen Komponisten Alexander Mossolow (1901-1973) aus den 20er Jahren
In zehn Büros sitzen Sänger, deren Kostüme aus den Kleiderkammern der DDR entliehen sind, vor Fernsehmonitoren. Sie verfolgen das Orchester, das unten im Ballsaal aufgenommen wurde. Jeder Akteur ist seinem Schicksal überlassen: Der in Zimmer 2043 spielt mit einem Goldfisch. In 2042 sitzt einer mit schweren Depressionen. Die Heldin von 2050 macht einen Intelligenztest und in 2055 schaut einer nebenbei einen amerikanischen Thriller.
Alle wirken überspannt. Hin und wieder haben sie einen Einsatz. Dann singen sie: „Ein Schuft sind Sie mein Herr. Den muss man schlagen.“ Oder: „Oh wie bescheiden - und die Figur. Er ist ein großer Mann.“
Die Zuschauer wandern von einem Zimmer ins nächste. Aus verschiedenen Ecken dringen die Arien. Überall ist die Musik zu hören. Zu sehen ist das Orchester jedoch nur auf den Bildschirmen. Ob es wirklich im Ballsaal ist, bleibt bis zum Schluss ungewiss.
Die eigentliche Geschichte - ein Fremder wird unfreiwillig zum Helden, weil sich sein depressiver Fechtmeister in seinen Degen wirft, was fälschlicherweise als großer Sieg des Dilettanten über den Meister gefeiert wird - ist lediglich in die Gemäuer des Gebäudes eingeschrieben. Die Peripetie war die Wende.
Mehr und mehr wird der Flur, auf dem die Zuschauer herumwandern, zur eigentliche Bühne. Das Geschehen wird enträtselt. Libretti werden durch Mutmaßungen ersetzt. „Wir befinden uns in der Kulisse“, sagt jemand. „Die Staatsbank ist Oper“, meint einer. „Die Oper ist die Staatsbank“, erwidert dessen Begleiterin. Alles wird wichtig und banal zugleich.
Die Oper wird aus ihren Angeln gehoben. Dieses Mal sind die Protagonisten - sämtliche übrigens Helden - die Autisten. Die Zuschauer aber, die sonst nur die Empfänger einer mehr oder weniger dramatischen Message sind, werden nun zu Akteuren. Weil deren Gespräche untereinander jedoch weit weniger weltbewegend sind, als die auf der Bühne, wird die Oper letztendlich zur Hintergrundmusik für private Begegnungen. „Wo bin ich Ihnen schon einmal begegnet?“
Leicht allerdings will es von Borries niemandem machen. Seine eigene Philosophie des Unangepassten möchte er auch anderen nahe bringen. Das Entertainment wird zum Lehrstück. Wer auf einer am Eingang ausgehändigten Karte alle besuchten Räume brav locht, bekommt am Ende seine persönliche CD vom Dirigenten ausgehändigt. Auf der Scheibe sind der Titel der Oper und die Besetzung aufgedruckt. Zu hören aber ist 74 Minuten lang - nichts.