18.09.2002 · Mit gleich drei Alben ist Herbert Grönemeyer in die Charts zurückgekehrt. Daraus kann die Plattenindustrie nur lernen.
Von Fridtjof KüchemannBereits vor seiner Veröffentlichung war das aktuelle Album „Mensch“ als Bestseller ausgezeichnet worden. Dass Grönemeyer mit seiner Comeback-CD gleich den Spitzenplatz besetzen konnte, hat niemanden überrascht. Im Fahrwasser der Neuveröffentlichung sind allerdings auch zwei ältere Alben des Sängers in die Top 100 zurück gekehrt.
Mit „4630 Bochum“ gelang Grönemeyer 1984 der Durchbruch. 1995 kam ein Live-Album des Sängers auf den Markt. Die beiden Alben finden sich jetzt auf den Plätzen 61 und 67 der meistverkauften Tonträger in Deutschland. In den so genannten Trendcharts sah es eine Zeitlang sogar so aus, als könnten auch „Bleibt alles anders“, „Ö“ und das „Unplugged Herbert“-Album den Wiedereinstieg in die Top 100 schaffen.
Silberstreif
In der Deutschland-Filiale des britischen Plattenkonzerns Emi, die Grönemeyers Platten vertreibt, ist man stolz: „Wir freuen uns“, sagt Verkaufsleiter Dieter Burchert, „dass wieder viele Menschen in die Plattenläden gehen und CDs kaufen.“ Auch wenn der Grönemeyer-Erfolg nicht das Ende der Durststrecke bedeute, auf der sich die Branche derzeit befinde: Ein Lichtblick sei das schon.
Und ein Denkanstoß. Wo kommen sie auf einmal her, diese ganzen Leute, die Burchert jetzt wieder in den Plattenläden sieht? Die Litanei von der Notwendigkeit sorgfältiger Künstlerpflege, Treue und Entwicklungshilfe ist verlockend: In einer Zeit, in der frisch rekrutierte Newcomer von den Plattenfirmen sofort wieder fallen gelassen werden, wenn ihre Verkaufszahlen hinter den Erwartungen zurück bleiben, steht ein 46-Jähriger 23 Jahre nach seinem Debüt-Album auf der Höhe seines Erfolgs. Damals hatte er mit seiner Platte gerade mal eine Goldene Zitrone für das hässlichste Cover gewinnen können.
Sorgenkunden
Keine Frage: Grönemeyers „Mensch“ ist mehrheitsfähig. Aber was ist das für eine Koalition von Plattenkäufern, die inzwischen 1,2 Millionen Exemplare des Albums gekauft haben? Offenbar hat die Jugend den Helden der Elterngeneration für sich entdeckt und sich in seltener Eintracht mit eben diesen Eltern vor den Kassen der Plattenläden getroffen. Und bei dieser Gelegenheit haben die Kids womöglich schnell noch die Alben der altgedienten Neuentdeckung mitgenommen, für die sie damals einfach noch zu jung waren.
Es scheint aber, als habe das Comeback und der Medienrummel um Herbert Grönemeyer auch jene schwierigste Zielgruppe der Plattenindustrie geweckt, die im Branchenjargon schon lange vor dem 11. September des vergangenen Jahres als „Schläfer“ bezeichnet: all die Musikinteressierten, die schon seit Jahren keinen Plattenladen mehr von innen gesehen haben, die es sich mit ihrer in die Jahre gekommenen Tonträger-Sammlung gemütlich machen und von der aktuellen Produktion nichts mehr erwarten, was ihren Geschmack treffen könnte. Sie sind die eigentlichen Sorgenkunden der Branche. Dass mit „4630 Bochum“ auch ein Album in die Charts zurück gekehrt ist, das auf den Markt gekommen war, bevor sich die CD als Trägermedium durchgesetzt hatte, spricht für diesen Eindruck.
Was man dabei jedoch nicht vergessen darf: Der Tonträgermarkt ist mittlerweile auf einem Stand, dass 15.000 verkaufte Einheiten je nach Konkurrenz auch schon einmal für die Spitzenposition bei den Verkaufszahlen reicht. „Mensch“, das aktuelle Album Grönemeyers, wurde mehr als 80-mal so oft verkauft. Über die Verkaufszahlen von „4630 Bochum“ und „Live“ jedoch will die Emi-Filliale keine Auskunft geben.