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Musikalisches Gedankenspiel : Jimi unplugged

Wundersames Wiedersehen: So hätte es geklungen, wenn Hendrix länger am Leben geblieben wäre. Aber wollen wir eine Swingfassung von „Purple Haze“ wirklich hören?

          Wenn die 6 eine 9 wäre und Jimi Hendrix nicht am Morgen des 18.September 1970 leblos in London in seinem Bett gelegen hätte - wenn, ja wenn nur: Dann wäre dieser große Gitarrenvirtuose und Sänger womöglich heute siebzig Jahre alt geworden. Es ist ein altes Gedankenspiel, welche Werke eines frühverstorbenen Genies der Welt entgangen sind - bei uns wurde es ausgelöst, als wir uns jüngst einen Dokumentarfilm über die Entstehung des Albums „Electric Ladyland“ im Frühling 1968 ansahen: eine schwere Geburt, wie sie sich für ein derartiges Meisterwerk gehört, noch einmal haarklein zergliedert vom damaligen Tontechniker. Die Plattenfirma schickte dem Künstler damals die erste Rohfassung der Aufnahmen auf Vinyl mit dem Aufdruck „Electric Landlady“ - unfassbar.

          Jimi was not amused. In einer Welt, in der so etwas möglich ist, wird man ja wohl noch ein bisschen weiter vom Unmöglichen träumen dürfen: Was Hendrix, der damals mit den seltsamsten Klängen experimentierte, in den für die Rockmusik klangtechnisch desaströsen achtziger Jahren für Platten aufgenommen hätte, möchte man zwar lieber nicht wissen. Wie aber hätte wohl ein Konzert von ihm aus der „Unplugged“-Ära geklungen? Jimi hätte wohl, wie die meisten bei diesen Konzerten, gesessen - schon das eine ziemlich seltsame Vorstellung -, womöglich gar, wie weiland Kurt Cobain, auf einem alten Bürostuhl. Dass James Marshall Hendrix tatsächlich auch mit der Akustikgitarre sehr vertraut war, weiß man aus seiner Frühzeit als Rhythmusgitarrist sowie von zahlreichen Demo-Aufnahmen.

          Kaftane statt brennender Gitarren

          Diese Qualitäten hätte er dann in einer sehr relaxten Version von „Foxy Lady“ demonstriert, unterstützt von den in Würde gealterten Mitgliedern der „Experience“-Band mit ihren auf wundersame Weise konservierten Haarfrisuren, als Gäste vielleicht noch Steve Winwood an den Tasten bei einer Swingfassung von „Purple Haze“ und für ein Duett von „Bold as Love“ der Nachgeborene Jack Johnson (der aus diesem Lied ja ohnehin zwanzig sehr ähnliche abgeleitet hat) - alle natürlich in verrückten Kaftanen. Bei einem sehr gemächlichen „Third Stone from the Sun“ dann hätte Jimi die Melodie auf einer Sitar gespielt, das Leitmotiv von „Crosstown Traffic“ hätte er natürlich auf dem Kamm geblasen. Und auf das Anzünden seiner Gitarre in diesem Setting elegant verzichtet. Oh, Jimi!

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

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          Quelle: F.A.Z.

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