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Musikalische Früherziehung : b-Moll-Brokkoli

So ist es richtig: Kinder beim Tag der Offenen Tür des Sinfonieorchesters des Hessischen Rundfunks. Bild: Klein, Nora

Wie kommt das Kind zur Musik? Mit sanftem Druck oder ein bisschen wohlmeinender Gewalt? Ein Dirigent winkt ab: Der Umweg über den Krach sei der richtige!

          Es hilft ja alles nichts: Die Quoten sind nach wie vor suboptimal. Man müsse nun, erklärt die britische Nachwuchsgeigerin Nicola Benedetti im Interview mit dem „Telegraph“, endlich dazu übergehen, Kindern klassische Musik einzutrichtern, so wie man ihnen Brokkoli verabreicht, also zur Not auch gegen deren Willen.

          Nun ist der Vergleich von guter, gesunder Musik mit Obst und Gemüse nicht neu. Bereits Erik Satie verkomponierte Äpfel und Birnen, Rossini Radieschen, Gurken und Erbsen, Johann Sebastian Bach Kraut und Rüben. Trotzdem trifft Benedetti mit ihrem pädagogisch nicht eben unheiklen Vorschlag zur Rettung der Hochkultur ins Herz einer aktuellen Debatte. Sir Simon Rattle war noch ein Trendsetter, als er weiland sozial verkorkste Berliner Unterschichtskinder mit Strawinskys „Sacre“ musikalphabetisierte. Seither hat sich die Educationitis im Musikbetrieb geradezu epidemisch ausgebreitet. Kein Orchester, kein Opernhaus, das nicht mindestens einen Musikpädagogen beschäftigt, sie alle fischen nach dem Klassikpublikum von morgen, mit immer ausgeklügelteren Methoden und inzwischen wachsender Verzweiflung.

          Gebt den Kindern Mülleimer

          Denn es nützt nichts, wenn große Solisten sich klein machen, in Kindergärten im Schneidersitz vortrompeten oder ihr Oboenrohrblatt im Kreis herumgehen lassen. Auch der umgekehrte Weg, Grundschulklassen besuchsweise in Konzertsäle zu verklappen, führt nicht weiter, eher im Gegenteil, vermutet der Dirigent Philippe Herreweghe: „Im Rahmen von gut gemeinten Sozialprojekten sehe ich manchmal kleine Schulkinder, die bei einer Probe eines Sinfonieorchesters dabei sind“, sagte er gegenüber der belgischen Zeitung „De Tijd“. Er müsse ihnen dann zum Beispiel etwas über Schönberg erzählen, den Vater der atonalen Musik. „Was haben die Kinder davon? Nichts. Mehr noch, es ist die beste Art, um eine Abneigung gegen klassische Musik zu entwickeln.“

          Der liberale Herreweghe empfiehlt, die Kinder sollten am besten selbst Musik machen, und zwar Musik, die sie mögen, also mit viel Krach: „Gib ihnen Mülleimer, auf denen sie trommeln können. Das bringt mehr.“ Dass Krach krank macht, ist bekannt. Aber es muss nicht immer Brokkoli sein. Erbsen ohne Schöpsenfleisch können, wie es Wozzeck (atonal) erfahren musste, tödliche Folgen zeitigen, mit Schöpsenfleisch vermutlich eher nicht, auch belastet Kohl, ohne Kümmel, den Verdauungstrakt, und überhaupt macht klassische Musik, auch die zarteste, selbst kaum hörbare, nicht unbedingt munter, intelligent und produktiv. Es gibt Milchkühe, die kriegen von Brahms Euterentzündung, es gibt Pferde, die gehen bei Debussy durch, es gibt Musikliebhaber, die werden von Mahler depressiv und von Wagner aggressiv, sie ruinieren sich in den Konzerten reihenweise die Bandscheiben, kriegen Tinnitus oder Hörstürze, die Musiker ihrerseits Zungenkrebs oder fokale Dystonie, wofür es eigens Spezialkliniken gibt.

          Also, was tun? Mein Vorschlag: Singen. Mit Vorsingen kann man schon im Kreißsaal anfangen, keine Nebenwirkungen bekannt. Im Krabbelkindalter weitermachen mit Kanons, später kommt es dann natürlich, wie bei Erbsen und Brokkoli auch, auf die Zutaten an und auf die Zubereitung: die Komposition.

          Eleonore Büning

          Redakteurin im Feuilleton.

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