08.02.2004 · Norah Jones, die Lieblingsmusikerin der Starbucks-Generation, hat eine neue Platte gemacht, die am Montag erscheint.
Von Christiane RebmannWer Norah Jones trifft, sollte sich gleich bei der Begrüßung auf eine Überraschung gefaßt machen: Im Verhältnis zu ihrer Singstimme klingt ihre Sprechstimme ungefähr wie die von Mickymaus. Kaum vorstellbar, daß dieses Stimmchen dasselbe ist, das die Welt mit ihrem samtigen, warmen, manchmal verruchten Klang begeistert hat. 18 Millionen Mal hat sich Norah Jones' erstes Album "Walk away with me" verkauft - es war die Platte, auf die sich im letzten Jahr wirklich alle einigen konnten. Selbst Menschen, die keine Musik hören, haben sie in ihrem Schrank.
An einem kalten Februartag sitzt Norah Jones im Konferenzzimmer ihrer Plattenfirma Blue Note in New York. Der Verkehrslärm von der Fifth Avenue drängt nur gedämpft bis hier hinauf, aus dem Fenster kann man in die Büros der Nachbarhäuser sehen. Bleich und müde sieht sie aus. Sie hat eine neue Platte gemacht, "Feels like home" - seit ein paar Tagen gibt sie Interviews, und langsam scheint sie erschöpft. Einmal unterbricht sie sich selbst mitten im Wort und scheint für einen kurzen Moment wie aus einem Tiefschlaf erwacht. Sie war gerade dabei zu erklären, warum sie den Duke-Ellington-Song "Melancholia" einfach frech mit eigenen Texten versehen und mit auf ihr neues Album gepackt hat. Plötzlich kurze Pause. "Habe ich Ihnen das nicht gerade eben schon mal erzählt? Nein? Dann war das der französische Kollege vor Ihnen. Bitte wehren Sie sich, wenn ich mich wiederhole."
Ähnlich wie die erste Platte
Die neue Platte, um das mal gleich zu sagen, ist ähnlich wie die erste. Schon beim ersten Hören steht fest, daß auch "Feels like home" Wohnzimmer und Starbucks-Filialen zwischen Los Angeles, Sidney und Köln erobern wird. Sie ist genauso tagträumerisch ruhig wie ihr Vorgänger, geht dabei allerdings mehr in Richtung Country. Und es ist wieder diese Stimme von Norah Jones, die so müde, so wissend, so weitgereist und traurig klingt, die den Songs ihre ganz eigene Note verleiht. Es ist Musik, die eigentlich immer paßt. Zu Liebeskummer genauso wie zu einer Hochzeit, zu nächtlichen Autobahnfahrten, in die Wartezimmer schicker Zahnarztpraxen oder in ein Flugzeug nach der Landung. Ohne Frage: Diese Platte wird wieder ein Riesenerfolg.
Daß Norah Jones' Vater der berühmte indische Sitar-Spieler Ravi Shankar ist, dürfte sich herumgesprochen haben. Doch spielt das bei ihrem Werdegang keine Rolle. Shankar verließ sie und ihre Mutter sehr früh, und Norah lernte ihn überhaupt erst kennen, als sie 18 Jahre alt war. Ihre Karriere machte sie ganz allein. Eine schnelle Karriere. Sie wuchs in Texas auf, besuchte dort den Kirchenchor und lernte Klavier. Ein paar Semester lang studierte sie Musik in Dallas, ging dann nach New York und hielt sich dort mit Auftritten in Musikclubs über Wasser. In einem dieser Clubs wurde sie von einer Mitarbeiterin der Blue-Note-Finanzabteilung entdeckt. Diese empfahl sie ihrem Chef Chris Lundvall. Der nahm die junge Frau mit der wunderbaren Stimme unter Vertrag. Und der Rest ist, was man Musikgeschichte nennt.
Musik wie aus einer anderen Zeit
Norahs Debütalbum "Walk away with me" war genau, worauf Millionen von Menschen gewartet zu haben schienen: Musik wie aus einer anderen Zeit, ruhige Songs mit Jazzeinflüssen, die niemanden vor den Kopf stießen, Rhythm & Blues, intim produziert, ein Anachronismus, ein Gegengewicht zu all den kalten hochproduzierten Sounds. "Vielleicht hatten die Musikhörer die Nase voll von Sängerinnen wie Britney Spears, bei denen die Choreographie wichtiger als die Musik ist", versucht Jones den Erfolg zu erklären. Acht Grammys bekam sie für diese Platte - die vielen goldenen Pokale konnte sie mit beiden Armen kaum halten. Sie habe sich von dem Erfolg total überwältigt gefühlt, sagt sie heute und klingt unangenehm berührt. Um weiter Musik machen zu können, hätte sie so tun müssen, als sei das alles nicht passiert. Einfach nicht dran denken. So hat sie neue Songs geschrieben, andere gecovert - darunter "The long way home" von Tom Waits. Und sie hat ein Duett zusammen mit der Country-Legende Dolly Parton aufgenommen, "Creepin' in", eine zünftige Bluegrass-Nummer.
"Ich habe schon als Kind Dolly Partons Lieder geübt", sagt Jones. "Ich komme aus Texas, da gehört das dazu." Man kann es sich schwer vorstellen: Die zierliche, sanfte Norah neben der lauten, grellen Country-Walküre. "Dolly wirkt zwar auf den ersten Blick immer leicht daneben", sagt Norah Jones. "Aber wenn man genauer hinschaut, ist alles an ihr schön. Sogar ihre Haut unter der dicken Make-up-Schicht. Sie hat einen traumhaften Teint."
Aussehen ist nicht Norahs Lieblingsthema
Aussehen, Schönheit - nicht unbedingt Norahs Lieblingsthema. Sie hat sich von Anfang an dagegen gewehrt, in erster Linie als "schöne Sängerin" wahrgenommen oder vermarktet zu werden, obwohl nichts leichter wäre als das. Es scheint schon fast, als gehe sie absichtlich gegen ihr gutes Aussehen an. An diesem Tag hat sie die Haare nachlässig zurückgebunden, ein paar Ponysträhnen fallen über den Rand ihrer schwarzen Hornbrille. Sie trägt weiße Bluse und Jeans - einfacher geht es wirklich nicht. Auch ihre neue Platte wird nicht mit ihrer Schönheit verkauft: Auf dem Cover ist sie nur verschwommen zu sehen, und auf dem Bild auf der Rückseite, das sie zusammen mit der ganzen Band zeigt, sieht sie aus wie eine brave Klavierschülerin.
Niemals würde Norah Jones ihre Karriere mit einem Akt der Selbstentblößung pushen, wie es Janet Jackson gerade beim Superbowl, angeblich versehentlich, tat. "Ich verstehe nicht, daß die Medien da mitspielen und etwas so Unbedeutendes so aufblasen können", sagt sie dazu.
Mode interessiert sie nicht
Eine junge Frau in New York, berühmt, begehrt und so reich, daß sie sich alles kaufen könnte - andere würden wahrscheinlich ein Vermögen in Manolo-Blahnik-Schuhe investieren. Norah Jones lacht, als die Sprache darauf kommt. "Sex and the city" sehe sie schon auch, aber wirklich verstehen könne sie es nicht. Mehr als hundert Dollar für ein Kleid auszugeben, fände sie unmoralisch. Mode interessiere sie nicht, außerdem würde sie ohnehin immer nach kurzer Zeit alles ruinieren - "ich neige nämlich zum Kleckern".
Ein bißchen wirkt Norah Jones wie aus der Zeit gefallen. Sie ist das Mädchen aus Texas geblieben, das Mädchen aus der Provinz. In den New Yorker Glamourkreisen, die sich gerne mit ihr schmücken würden, fühlt sie sich fremd. Vor kurzem ist sie mit ihrem Freund, dem Bassisten ihrer Band, in eine Wohnung im New Yorker East Village gezogen, hier kocht sie indisch und lädt Freunde zum Abendessen ein. Die Grammys hat sie in Schränken versteckt. Niemand soll denken, der Ruhm sei ihr zu Kopf gestiegen.
Es klingt alles schrecklich vernünftig und ernsthaft, und wahrscheinlich ist Norah Jones das auch. Sie ist Musikerin in einer Welt von Entertainern und hat darin, ganz ohne sexy Tanzeinlagen und Bikinifotos, einen Riesenerfolg. Kein Wunder also, daß Plattenfirmen überall auf der Welt fieberhaft nach Norah-
Jones-Klons suchen. Nach jungen Frauen, gerne hübsch, mit sanften Stimmen und einem natürlichen Sinn für Jazz. Aber: "Ich bin ich, mich gibt es nicht noch einmal", sagt Norah Jones. "Obwohl - vielleicht bin ich ja auch ein Klon. Vielleicht bin ich nur ein Abklatsch, ein lascher Aufguß meiner Idole Billie Holiday und Nina Simone. Ich kann damit leben." Wir auch.