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Musik : Die Erfolgsgeschichte des Rheingau Musik Festivals

Erste Adresse des Rheingau Musik Festivals: Das Kloster Eberbach Bild: Helmut R. Schulze

Es begann mit zivilem Ungerhorsam: Heute ist das Rheingau Musik Festival die größte private Klassik-Veranstaltung Deutschlands.

          Beobachter waren skeptisch: Ein Sommer-Musikfestival im Rheingau, kann das funktionieren? Konzertreihen in Kloster Eberbach? Und wer ist dieser Michael Herrmann überhaupt, der mit seiner Idee zuerst einen Verein gegründet hatte, um dann bei den Besitzern der Schlösser, Klöster und Kirchen im Rheingau vorstellig zu werden?

          „Am Anfang hat man sozusagen bürgerlichen Ungehorsam betrieben“, erzählt Michael Herrmann, Initiator und seit 15 Jahren Leiter des Rheingau Musik Festivals, vergnügt. Während die hessischen Ministerialbeamten dagegen waren, das Kloster Eberbach für das Festival zu öffnen, hatte sich der Hausherr, der damalige Leiter der Hessischen Staatsweingüter, von Herrmanns Idee anstecken lassen und die Konzerte gestattet. So ging 1988 das erste Rheingau Musik Festival mit 18 Konzerten über die Bühne.

          Überraschung für ungeübte Ohren

          Ende Juni startet es mit über 150 Konzerten und insgesamt 131.000 Plätzen in seine 15. Saison. Damit ist das Festival, das zu knapp der Hälfte aus Sponsoren-Geldern, zur anderen Hälfte aus dem Kartenverkauf und nur zu 0,4 Prozent von der öffentlichen Hand gefördert wird, der größte private Klassik-Veranstalter Deutschlands.

          Michael Herrmann, Initiator und Leiter des Festivals

          „Zuerst gab es überhaupt kein Sponsoring im eigentlichen Sinn“, erzählt Michael Herrmann. Nach drei Jahren Festival meldete sich American Express: „Wir wollen unser Logo im Programmheft haben, wir wollen 300 Karten, 100 Ehrenkarten und 200, die wir an unsere Kunden verkaufen können.“ Ein schöner Nebeneffekt für den 58-jährigen Festivalleiter: „Unsere Sponsoren laden zum Teil Gäste ein, die noch nie in einem Konzert waren, auch, aber nicht nur junge Leute. Die können dann kaum glauben, dass Chopin oder Schubert so schön klingen können. Nicht alle, aber viele werden dann begeisterte Konzertgänger.“

          Das Festival lebt von der Begeisterung - seines Publikums wie auch der Künstler. Der Trompeter Maurice André beispielsweise hat an einem Abend auch nach der zehnten Zugabe kaum aufhören mögen, und Svjatoslav Richter, der Pianist von Weltruf, gab in einem Jahr drei Konzerte, für die er kaum Honorar verlangte. Sie waren nirgends angekündigt, und niemand wusste, ob überhaupt Zuhörer kommen würden, aber Richter war das egal: Er fühlte sich so wohl, er wollte einfach spielen.

          Der rettende Wohnwagen

          Ganz anders der Dirigent Carlo Maria Giulini. Als der an einem verregneten, kalten, trüben Tag um 12 Uhr im Kloster Eberbach ankam, um für ein abendliches Konzert mit der Staatskapelle Berlin zu proben, sah er, dass er von der Garderobe bei Regen durch den Kreuzgang eilen musste, um in die Kirche zum Konzert zu kommen. Das Orchester aus Berlin hatte sich verspätet, und Giulini wollte nicht eine Stunde in der kalten Basilika warten: „Ich bin ein alter Mann, ich werde krank, rufen Sie mir einen Arzt.“ An diesem Abend könne er unmöglich auftreten. Außerdem sei er Italiener und pflege, um diese Zeit mittag zu essen und nicht zu proben.

          Da waren Nervenstärke und Improvisationstalent gefragt. Als Giulini schließlich einen Wohnwagen direkt neben die Basilika gestellt bekam, mit Heizung und Bad, noch dazu mit einer Flasche Wein, besserte sich die Stimmung des Maestros. „Giulini war ganz glücklich und kam sogar noch für anderthalb Stunden zum Empfang im Anschluss an das Konzert“, erinnert sich der Festivalchef. Im allgemeinen aber seien die großen Künstler überraschend pflegeleicht. Schwieriger sei es bei den weniger Etablierten. Die würden zuweilen, gerade wenn sie in Begleitung kommen, ziemlich stressig.

          Fahrendes Volk im Weinberg

          Dabei lebt das gesamte Festival, bei allem Hochbetrieb hinter den Kulissen, von der Entspanntheit. Die Klöster, Kirchen und Kurhäuser, die Schlösser und Weingüter, in denen die Konzerte stattfinden, tragen das ihre dazu bei - ebenso die Programmvielfalt: Jazzkonzerte, Chansonabende und Laienkunstveranstaltungen machen etwa ein Drittel des Gesamtprogramms aus.

          Es ist die Mischung, die die Eigenheit des Rheingau Musik Festivals ausmacht. International renommierte Künstler wie Anne-Sophie Mutter und André Previn, Daniel Barenboim, das Rosamunde Quartett, Alfred Brendel, James Levine mit dem Orchester der Metropolitain Opera, Midori oder Ewa Kupiec, dazu Feste, wie sie nur im Rheingau möglich sind. Etwa die Steinberger Tafelrunde: In einem Weinberg nahe Kloster Eberbach wird eine ein Kilometer lange Tafel aufgestellt, an der 1.500 Menschen sitzen können. Die Musik zieht daran vorbei, und die Gäste werden aus den Rebzeilen mit Essen versorgt und mit Wein. „Das ist natürlich etwas ganz Besonderes“, schwärmt Michael Herrmann, „das können Sie nur hier machen, nicht in Schleswig-Holstein und nicht in Salzburg.“ Wer hofft, für dieses Ereignis noch einen Platz zu ergattern, kommt jedoch zu spät. Der Tafelschmaus im Freien ist seit langem ausverkauft.

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