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Museumserweiterung Unterirdisches Glück im Neuen Städel

 ·  Die Erweiterung des Städel in Frankfurt ist eine atemberaubende Verbindung aus Himmelsbau und Turnhalle unter der Erde. Die neue Sammlung mit Gegenwartskunst entfaltet hier ihre ganze Kraft.

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© dpa Bilbao-Effekt, Fehlanzeige: Unter dieser gewellten Wiese mit 195 Oberlichtern verbirgt sich der Städelbau

Was ist das? Eine kleine Tafel, die an der Wand lehnt. Sie strahlt, wie etwas, das man durchs bloße Ansehen fühlen kann. Eine schwarze Lacktafel, nicht erwartbar glatt, sondern rauh wie Hände im Winter. Es ist in Farbe getauchte Malpappe, abgenutzt, aber nie benutzt. Denn sie ist Kunst.

Hier hat ein Mann seine Spuren hinterlassen: Hermann Glöckner. Im Frankfurter Städel Museum wird die Tafel nur mit weißen Handschuhen gedreht und gewendet. Mit gefalteten Streifen von Japanpapier hat er drei behutsame Gesten auf diesem jetzt brettharten Malgrund eingezeichnet. Es war im Jahr 1933, und er wusste noch nicht, was für eine schwere Zeit folgen, wie präzise aber seine Kunst bleiben würde. Die sich manifestierende „ungeistige Gewalt sei für ihn derart abstoßend und deprimierend, dass er eine schlaflose Nacht“ hatte, schrieb Glöckner nach seinem ersten Zusammentreffen mit den Nazis im selben Jahr. Feuerrot glüht der Kopf seiner geistvollen Figur, ein Dreieck aus Streifen gefaltet, Schultern und angedeutete Arme aus hautartigem Papier. Lautlos liegt es auf der Farbe, stiller als der feinste Pinselstrich auf einer Leinwand. Fast erlischt Hermann Glöckners so feine Geste in dieser malerischen Stille. Sie wirft Schatten, lässt Licht herein.

Abstraktion und Figuration

Es ist die zärtlichste Herstellung von Aufmerksamkeit. Wer aber kennt Hermann Glöckner heute?

Die Ablehnung von Glöckners Werk und seiner Art zu denken sollte sich auch nach 1945 fortsetzen. Denn er lebte in Dresden und malte dort gegen die real existierenden Zumutungen an. Den Westen interessierte das lange nicht. Jetzt schon. Sein Werk im Städel steht für eine neue Zeitrechnung. Die Gesellschaft hat Abstand gewonnen zur Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts - und wagt Deutungen. Und diese kleine Tafel trägt, wie ein altes Schriftstück, die Malprozesse der Moderne in sich und formuliert ihre Umkehrung, ihre Auslöschung, ihre Kraft, über sich hinauszuwachsen. Sie ist ein Speicher für die Geschichte der Malerei, die von oben aus den Hallen des Städel Museums, das Malerei aus sieben Jahrhunderten beherbergt, ihr Echo in den neuen Erweiterungsbau unter die Erde sendet.

Nach diesem Einstieg fliegen die Jahrzehnte wie in einem Daumenkino am Auge vorbei: Abstraktion und Figuration, Form, Farbe, Linie, Raum. Oder freier ausgedrückt: Motive verflüssigen und verlieren sich, plötzlich taucht die Linie als breite, wilde Geste des Informel vor meinem Auge wieder auf, sie wird von Lucio Fontana 1962 als Ritz in der Leinwand isoliert. Nägel hämmert Günther Uecker selbstbewusst in die Leinwand, Wäscheleinen proben ihre Ausdruckskraft im Glaskasten von Gerhard Hoehme. Daniel Buren verbannt die Kunst aus dem Museum und holt sie doch wieder rein. Das Motiv, der Bezug zur Wirklichkeit, schiebt sich bei Klaus Rinkes Fotografien 1971 ins Bild. Grenzen zählen nicht mehr, wenn John Armleder 1986 die Farbe von der Leinwand über den angrenzenden Tisch führt, der im Städel vor mir steht. Gerhard Richter folgt zwar dem Gegenstand der Kahnfahrer - und verwischt sie schließlich. Reflexionsschwer mauert Anselm Kiefer sein Grau auf Monumentalformat - und sein Lehrer Joseph Beuys macht aus Kunst Leben. Immendorff schmettert 1973 politische Parolen: Für wen? Schließlich schaut die DDR-Kunst über die Mauer mit einer Stadtansicht von Willi Sitte. Und Arno Rinks fehlerfrei gemalte Nackte wird 1973 von Polizisten verprügelt.

Es ist eine Einladung zum Drama des Sehens. Das Neue Städel lebt vom lustvollen Zeigen, Verwerfen, Aufgreifen und Erfinden. Auch wenn Hermann Nitsch rote Farbe an die Wand peitscht. Starke gewagte Verbindungen zeigen sich zwischen der informellen Geste von K. O. Götz von 1956 und Wolfgang Tillmans „Freischwimmer 54“ von 2004. In abgeschiedenen Räumen huldigt das Städel der Serialität eines Peter Roehr oder den gemeinsamen Anfängen von Georg Baselitz und Eugen Schönebeck.

Wie ist dieser barocke Überfluss an Kunst nach 1945 in der Sammlung des Frankfurter Städel zu erklären? Sechstausend Museen in Deutschland stecken doch allein in Deutschland tagtäglich im Dilemma, Königsmacher für die Kunst zu sein, sich aber die wichtigen Werke nicht leisten zu können. Sie werden zu Bettlern bei Unternehmen und Sponsoren. Das Drama aller Museen wird hier ausagiert.

Gegen alle Skeptiker durchgesetzt

Denn die Sammlung besteht zwar auch aus Ankäufen von Klaus Gallwitz, der von 1974 an für zwanzig Jahre das Museum leitete. Damals war Ernst Wilhelm Nays „Rotklang“ von 1962 das zeitgenössischste Werk. Der Großteil aber setzt sich aus Leihgaben der Deutschen Bank, der DZ Bank, Schenkungen von Frankfurter Unternehmerfamilien und Ankäufen des „Städelkomitees“ zusammen, dem Bürger angehören, die bereit sind, 25.000 Euro zu bezahlen, und dafür in die Ankäufe eingebunden werden.

Mit der Eröffnung des Neuen Städel wird nun einsehbar, wie Max Hollein geschickt Bürgerschaft, Mäzene und Kulturpolitik miteinander verzahnt hat. Seine Anhänger sehen in ihm einen Retter, weil er sich gegen alle Skeptiker durchgesetzt hat. Seine Konkurrenz fürchtet ihn. Hollein selbst schert sich wenig um den Trubel, sieht sich nur einem Mann verpflichtet: Johann Friedrich Städel, der 1815 seine Kunstsammlung und sein Vermögen den Bürgern der Stadt Frankfurt stiftete. Er legte für das Städel fest, dass die Sammlung „von Jahr zu Jahr vermehrt und vervollkommnet“ werden soll.

Die Welt so schwerelos und streng

Dass sich nun die Gesamtpräsentation von der Banken-Dominanz emanzipiert hat, ist einem außergewöhnlichen Kraftakt und der mutigen Zusammenstellung vom Sammlungsleiter Martin Engler zu verdanken, der vermischt, was in den Museen viel zu lange getrennt war: Fotografie und Malerei, die ja nur malerische Fotografie und sich auf Fotografien beziehende Malerei ist.

Die 330 Werke gruppieren sich um den großen, offenen Hauptraum, in dem nicht etwa repräsentativ mit den berühmten geliehenen Künstlern Gerhard Richter oder Sigmar Polke geprotzt wird (die hängen, alten weisen Herren angemessen, in ruhigen Séparées), sondern mit einer generationenübergreifenden, gewagten Mischung: Das in gelben und schwarzen weichen Formen schwelgende Gemälde „Sinus“ von Ernst Wilhelm Nay aus dem Jahr 1966 bringt zum Beispiel Neo Rauchs Gemälde „Stern“ von 2001 aus seinen sich langsam festsetzenden Formen. Ein Zeitsprung folgt nur wenige Meter weiter mit Corinne Wasmuhts großformatigem Gemälde „Barrier“ von 2008: Aus den Wirren der Leinwand tauchen messerscharf gezeichnete Mülleimer auf. Ihre geschredderte malerische Welt ist gegenständlich und abstrakt, sie ist schwerelos und streng.

Der Abstieg wird zum Aufstieg

Taugt die Architektur für diese Kunst? Sie ist das größte Geschenk. Draußen über den Köpfen hebt sich die grüne Wiese, als würde gleich eine große Blase zum Himmel steigen. Mehr ist nicht zu sehen. Die 195 Bullaugen schicken Tageslicht hinunter und tauchen die quadratische, in den Boden eingelassene Turnhalle in ein angenehmes Licht. Der Anbau der Frankfurter Till Schneider und Michael Schumacher drückt den Respekt vor der Kunst aus. Er ist eine Hommage an die dienende Kraft von Architektur. Die weiße Zelle im Innern hat das Berliner Büro Kuehn Malvezzi mit einer gleißenden Wolkenstadt gefüllt: schlichte weiße Wände, die ein kleines Stadtviertel formen, mit Häusern, Straßen und Plätzen.

Wenn man den vertrauten Weg die Holztreppe hinauf zur Alten Kunst links liegenlässt und hinunter geht in die alte Säulenhalle, funkelt schon aus der Ferne das Spiegelmosaik von John Armleder. Es dient als Kulisse für das repräsentative Entree: eine herrliche Terrazzo-Freitreppe. Minimalistisch und manieriert zugleich. Sechsunddreißig Stufen führen hinunter, als fiele man aus allen Wolken, es ist eine Himmelsrutsche. Durch die bis zu acht Meter hohe Kissendecke verflüchtigt sich mein Gefühl, unter der Erde zu sein - sofort. Der Abstieg wird zum Aufstieg.

Das neue Städel entlässt einen beeindruckt, aber man macht sich auch Sorgen: Welches der vielen deutschen Museen kann hier noch mithalten? Knallhart ist das Geschäft geworden, nur wenige schaffen es, zugleich neue Werke anzukaufen und den historisch relevanten Bestand zu pflegen und auszuwerten. Immerhin: Der irre Schwung, die kunstverliebte Kühnheit der Frankfurter Unternehmung könnte ansteckend wirken. Das Städel könnte der Thinktank der deutschen Museen werden - solange Max Hollein weiter edle und treue Spender findet.

Das Neue Städel eröffnet am 25. Februar. Der Katalog zur Sammlung, erschienen bei Hatje Cantz, kostet 35 Euro. Die Festschrift zur Erweiterung kostet im Museum 39,80 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1978, Redakteurin im Feuilleton.

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