http://www.faz.net/-gqz-15acj

Museum of Holocaust Art : Als Schneewittchen die SS besuchte

  • -Aktualisiert am

Fresko für den SS-Scharführer: Schneewittchen mit Zwergen Bild: Museum

Weil er die Kinderzimmer der Villen von Nationalsozialisten in Drohobytsch mit Märchenszenen dekorierte, wurde Bruno Schulz bis 1942 nicht zur Zwangsarbeit eingezogen. Jetzt wurden die Fresken in einer umstrittenen Aktion aus der heutigen Ukraine nach Yad Vashem gebracht.

          Die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zeigt in dem neuen Museum of Holocaust Art im allerhintersten Winkel eine etwas kärglich beschriftete Ausstellung: drei Fresken des polnisch-jüdischen Autors und Malers Bruno Schulz (1892 bis 1942). Im Jahr 2001 hatten Benjamin Geissler und sein Vater Christian Geissler den Film „Bilder finden“ gedreht und dabei im Februar desselben Jahres die als verschollen geltenden Fresken gefunden. Im Mai waren die Fresken plötzlich verschwunden. Sie waren von Mitarbeitern der Gedenkstätte in einer umstrittenen Aktion aus einer Privatwohnung in der ukrainischen Stadt Drohobytsch aus der Wand gemeißelt worden. Streit brach los, wem das Erbe von Bruno Schulz gehörte; polnische und ukrainischen Zeitungen berichteten empört über „Diebstahl“.

          Aufgrund des öffentlichen Drucks sah sich Yad Vashem zu einer offiziellen Presseerklärung genötigt, worin zum einen behauptet wurde, die Wandgemälde der Villa aus Drohobytsch seien mit voller Unterstützung des dortigen Stadtrates entfernt worden. Nach über fünfundfünfzigjähriger Vernachlässigung habe man sie nach Jerusalem gebracht, wo sie nun endlich restauriert werden könnten. Zum anderen lebten heute die meisten Überlebenden des Holocaust in Israel, und daher sei es ein „moralisches Recht“, die von Bruno Schulz gezeichneten Bilder nach Yad Vashem zu bringen.

          Zum ersten Mal an der Öffentlichkeit

          Dieses nachgeschobene Argument weist bereits darauf hin, dass man sich über den rechtlichen Status doch nicht ganz sicher war. So führte schließlich im Februar 2008 auch eine ganz andere Interpretation der Sachlage zu einem neuen Abkommen zwischen Israel und der Ukraine: Israel akzeptierte, dass die Fundstücke zum Eigentum und Kulturgut der Ukraine zählen, und erhielt die drei Fresken dafür für zwanzig Jahre als Leihgabe. Und nun, ein weiteres Jahr später, werden die drei restaurierten Fresken zum ersten Mal der Öffentlichkeit gezeigt; die restlichen Fresken sind in einem in Drohobytsch eingerichteten Bruno-Schulz-Museum zu besichtigen.

          Bei dem Kutscher handelt es sich wohl um ein Selbstporträt Bruno Schulzes

          Bruno Schulz ist heute in Deutschland vor allem durch seine zutiefst beunruhigenden Kurzgeschichten bekannt, die unter dem Titel „Die Zimtläden“ 1934 zuerst auf Polnisch erschienen. Zwei Jahre später folgte der zweite Band seiner Erzählungen: „Das Sanatorium zur Todesanzeige“. Beide Bände wurden kurz nach Erscheinen ins Deutsche übersetzt.

          Märchenwelt und Zwangsarbeit

          Weniger bekannt ist, dass Schulz seinen Lebensunterhalt als Zeichenlehrer und bildender Künstler bestritt. Seine Bildwelt findet etwa ihren Niederschlag in dem Graphikzyklus „Das Buch vom Götzendienst“, in dem sich Märchenpersonal mit masochistischen Männergestalten vermischt, die, zu Füßen von dominanten Frauenfiguren herumkriechend, sich deren Verachtung und sexueller Überlegenheit aussetzen. Janis Augsburger hat in seiner 2008 erschienenen brillanten Dissertation auf die zentrale Bedeutung des Masochismus für Schulz’ künstlerische und schriftstellerische Tätigkeit hingewiesen. Bruno Schulz bemühte sich stets darum, sein Werk in Deutschland bekannt zu machen. In der Ausstellung in Yad Vashem zeugt davon eine Joseph Roth gewidmete Erstausgabe seiner „Zimtläden“ – „von einem tiefbeglückten und hingerissenen Leser“, wie es dort heißt. Bekannt ist ebenfalls sein vergebliches Bemühen um Thomas Mann, dem er 1938 seine Erzählung „Die Heimkehr“ zusammen mit einem Begleitbrief schickte, ohne darauf je Antwort zu erhalten.

          Der französische Schriftsteller Maurice Nadeau hat einmal formuliert: „Bruno Schulz wurde als Österreicher geboren, hatte als Pole gelebt – und wurde als Jude ermordet.“ Drohobytsch gehörte bei seiner Geburt tatsächlich noch zum österreichischen Kronland Galizien. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Jahre 1941 wurde Drohobytsch von den Nationalsozialisten besetzt, und Schulz musste in das dortige Getto übersiedeln. Hier wurde er bald von dem „Referenten für Judenfragen“, SS-Hauptscharführer Felix Landau, entdeckt. Der SS-Scharführer war, wie aus seinen Tagebüchern hervorgeht, ein Mann mit Geschmack. Zwar war er dafür bekannt, dass er von seinem Fenster aus jüdische Arbeiter erschoss, aber das hinderte ihn nicht daran, sich von Bruno Schulz die Zimmer seiner Kinder mit Märchenbildern verschönern zu lassen.

          Der Kutscher als Selbstporträt

          Der lebenslang kränkliche Schulz malte, unter dem Schutz von Landau stehend, Märchenbilder an die Wände der Villa des nationalsozialistischen Führungspersonals und entkam so von Juli 1941 bis Anfang 1942 der oftmals tödlichen deutschen Zwangsarbeit. Schulz spürte allerdings, dass sein Patron keine absolute Sicherheit versprach. Am 18. November löste eine Schießerei im Getto brutale Repressalien gegen die Juden des Gettos aus. Der persönliche Feind von Landau, SS-Scharführer Karl Günther, ergriff die Gelegenheit, spürte Schulz in einer Straße im Getto auf und ermordete ihn. Es war das Resultat einer Rangelei unter deutschen Besatzern: Felix Landau hatte nämlich zuvor den Zahnarztjuden von Günther erschossen.

          Vor dieser Gewaltkulisse hatte Bruno Schulz die drei als Fragment erhaltenen Sekkomalereien gemalt, die verschiedene Märchenszenen abbilden: Schneewittchen und die sieben Zwerge, eine zauberhaft schöne Prinzessin und eine Kutsche mit Kutscher. Experten haben herausgefunden, dass die bezaubernden Bilder die Gesichtszüge von Angehörigen aus der Familie von Schulz tragen. Der Kutscher ist wohl sogar ein Selbstporträt des Malers. Bis heute ist unklar, was die „Experten“ von Yad Vashem bei ihrer dilettantischen Aktion in der Eile alles zerstört haben. So oder so wäre es noch schöner, wenn man alle Bilder zusammen als Ensemble bewundern könnte – und dies wäre wohl auch gerade in der Ukraine von politischer Relevanz. Immerhin gibt es im heutigen Drohobytsch noch eine kleine polnisch-jüdische Minderheit. Im Frühjahr 1998 brannte das Dach der einstmals schönsten Synagoge Galiziens. Es wird von Brandstiftung ausgegangen.

          Weitere Themen

          Forschung ohne Unterbau

          Fachhochschulen : Forschung ohne Unterbau

          Das Förderprogramm von Bund und Ländern kommt dem Forschungsdrang der Fachhochschulen auf halbem Weg entgegen. Und wer, bitte schön, macht die Lehre?

          Topmeldungen

          Merkel im Bundestag : Ein Satz wie Blei

          Wenn es um Migration geht, bemüht die Kanzlerin stets die Unantastbarkeit der Menschenwürde. Dabei treibt sie nicht nur Multilateralismus, sondern Wiedergutmachung. Das ist Wasser auf die Mühlen ihrer Kritiker. Ein Kommentar.
          Justitia, die Göttin der Gerechtigkeit

          Abgeschobener Gefährder : Das vorläufige Ende des Falls Sami A.

          Mit dem aktuellen Beschluss des Verwaltungsgerichts Gelsenkirchen geht eine Causa zu Ende, die sich zum größtmöglichen Debakel entwickelt hatte. Warum der Streit über die Abschiebung des Gefährders nun beigelegt ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.