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Museum der Bildenden Künste : Leipziger Einerlei

Dann machen wir halt was mit Klinger und Gesamtkunstwerk, das geht immer: Alfred Weidinger vor Kunstwerken des leider eher furchtbaren Malers und Bildhauers. Bild: dpa

Das Leipziger Museum der Bildenden Künste hat einen neuen Direktor. Als er sein Programm vorstellte, gab es – leider – überhaupt keine Überraschungen, und seinen größten Stifter stößt er auch vor den Kopf.

          Draußen vor der Tür steht Wolf-Dietrich Speck von Sternburg und sagt: „Ich bin persönlich wegen meiner Stiftung nicht beleidigt, aber...“ Drinnen, im Museum der Bildenden Künste Leipzig, hat gerade die Vorstellung des seit diesem Monat amtierenden neuen Direktors Alfred Weidinger stattgefunden, und natürlich war Speck von Sternburg mit dabei. Er ist der größte Wohltäter des Hauses, weil er 1996 durch eine Stiftung dafür gesorgt hatte, dass die bedeutende Altmeistersammlung seiner Familie, die seit der Gründung des Museums im Jahr 1848 den Kern von dessen Bestand darstellt, auch weiterhin hier zu sehen ist, obwohl sich jedes andere Museum und noch mehr jedes Auktionshaus gerne der Bilder angenommen hätte.

          Doch sie gehören nicht zu den sechs von Weidinger eben präsentierten „Alleinstellungsmerkmalen“, die den Sechsundfünfzigjährigen bewogen haben, seine bisherige Arbeitsstelle am Wiener Belvedere für den Posten in Leipzig aufzugeben. Da wären nämlich erstens die Leipziger Schulen der Malerei, die in DDR (Tübke, Mattheuer, Heisig, Gille, Rink) und Nachwendezeit (Rauch, Weischer, Loy, Baumgärtel, Schnell) jeweils Furore machten und deshalb künftig das bislang für Sonderausstellungen genutzte Tiefgeschoss des 2004 eröffneten Museumsbaus mitten in der Stadt belegen sollen – buchstäblich als Basis des von Weidinger erdachten Konzepts „Connect Leipzig“, mit dem das Museum lokal punkten will, auch indem es hiesigen jungen Künstlern ein Forum bieten soll.

          Eigentlich ein furchtbarer Maler

          Doch 2018 kommt erst einmal eine große Ausstellung zu Arno Rink (geboren 1940). Dann seien da zweitens die gewaltigen (bis zu sechzehn Meter hohen) Räume des Museums, die man phantastisch für Gegenwartskunst nutzen könne: Tomás Saraceno, Ai Weiwei und Carsten Höller hat Weidinger schon überzeugt, hier auszustellen. Die dritte Säule sei Max Klinger als lokaler Kunstgigant, „eigentlich“, so Weidinger, „ein furchtbarer Maler, aber er hat als Einziger in seiner Zeit die Idee des Gesamtkunstwerks auf den Punkt gebracht“. Deshalb wird es 2020 eine große Ausstellung geben, mit dem Titel „Gesamtkunstwerk“; die letzte in Leipzig mit ähnlichem Ansatz („Weltenschöpfer“) ist ja dann schon sieben Jahre her.

          Viertens sind da Frauen – Leipzig sei die Wiege des deutschen Frauenwahlrechts, weshalb auch der weibliche Anteil bei der Künstlerauswahl für „Connect Leipzig“ mindestens fünfzig Prozent betragen soll. Und im kommenden Jahr wird Yoko Ono (geboren 1933) gezeigt. Fünfte Säule: die Messe- und Ausstellungstradition in der Stadt, wobei die Zeit für klassische Themen – „Caravaggio oder Michelangelo“ – in Leipzig vorbei sei: So etwas gehe bestenfalls noch als Kabinettausstellungen.

          Und schließlich als sechste Säule Fotografie. Da gebe es ja einen Stadtratsbeschluss, dass man Leipzigs Bedeutung auf diesem Feld ins Bewusstsein rücken solle, und dass Weidinger selbst fotografiert, ist dabei sicher kein Hindernis. Etwaige Erwerbungen fürs Haus? „Wir werden keinen Ai Weiwei kaufen, aber schenken lassen wir uns gerne einen.“ Und nun setzen wir den Satz fort, den Speck von Sternburg höflich offenließ: Aber ob man je wieder einen Gönner finden wird, der so viel für das Museum tut wie er? Über ihn und seine Bilder kein einziges Wort, das skizzierte Kunstkonzept von Weidinger für Leipzig reicht nicht weiter zurück als bis Klinger. Der neue Direktor kann allerdings auch nicht länger planen als für sechs Jahre, die sein Vertrag läuft. Das ist zu wenig für ernsthafte museale Beschäftigung. Aber genug für das Einerlei eines zeitgenössischen (Aller-)Weltprogramms.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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          Quelle: F.A.Z.

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