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Multikulturalismus Es lebe die Freiheit

23.11.2004 ·  Nach dem Mord an Theo van Gogh stehen wir vor dem Scherbenhaufen der Ideologie des Multikulturalismus. Die Monokultur der Zuwanderer ist das Haupthindernis ihrer Integration.

Von Lorenz Jäger
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Mag sein, daß man eines Tages die Ermordung von Theo van Gogh mit dem Fall der Mauer vergleichen wird. Denn es ist nun offensichtlich geworden, daß eine weitere Lebenslüge der deutschen Linken geplatzt und der Katzenjammer entsprechend groß ist.

Plötzlich steht man vor dem Scherbenhaufen einer Ideologie, die alle wesentlichen Bestandteile der alten Linken beerbt hatte: den Internationalismus; den Antifaschismus, der gegen regionalistische und populistische Parteien in Stellung gebracht wurde; die Idee der Gleichheit, die nicht nur vor dem Recht, sondern auch für die Begabung gelten sollte; die Vorstellung schließlich, daß Völker und Vaterländer und Bekenntnisse Dinge aus ferner Vergangenheit darstellen, denen man mit ein wenig aufklärerischer Anstrengung schon beikommen werde.

Das Lieblingsspielzeug einer Kaste

Vorbei. Aber war der Multikulturalismus überhaupt eine Ideologie der Linken? War er nicht überall verbreitet, in der FDP sowieso und auch in jenen Kreisen der Union, die für nicht ganz vernagelt gelten wollten? Hatte sich die Linke nicht dadurch unsichtbar gemacht, daß es ihr über lange Zeit gelungen war, ihre Ideen als Staatsräson auszugeben? Und gab es nicht andererseits auch gestandene Sozialdemokraten wie Helmut Schmidt, die den Multikulturalismus als Lieblingsspielzeug einer privilegierten politischen und kulturellen Kaste ansahen - von jenen also, die weder in den Wohnvierteln der Zuwanderer ansässig sind noch im Zweifelsfall auf staatliche Schulen für ihre Kinder, wenn es sie denn gibt, angewiesen sind, sondern auf private Bildungsanstalten zurückgreifen können?

Nicht daß es an größeren oder kleineren Warnzeichen gefehlt hätte. Ausgerechnet Gerhard Seyfried, der witzige zeichnerische Chronist der westdeutschen Sponti-Szene der siebziger Jahre, ein Mann, der die „Freaks“ zu Helden und die „Bullen“ zu Monstern stilisierte, zudem mit einem bußfertigen Roman über den Herero-Aufstand hervorgetreten ist - ausgerechnet er zog schon vor längerer Zeit von Kreuzberg ins schweizerische Solothurn, weil, wie er erklärte, die „türkische Monokultur“ im liebsten Stadtteil der Altlinken ihm nicht mehr zusagte. Gewiß: In einen „zivilisierten Stadtteil“ wie Schöneberg zurückzukehren, will er nicht ausschließen. So redet man in der Linken, wenn man glaubt, unter sich zu sein.

Das Haupthindernis der Integration

Die Monokultur der Zuwanderer, von der Seyfried sprach, ist das Haupthindernis der Integration. Es gibt offenbar ein kritisches Quantum, und wo es überschritten ist, fehlen zur Annahme auch nur von Segmenten der Mehrheitskultur die Anreize. Selbst dort, wo Staaten eigentlich in puncto Spracherwerb im Vorteil sein müßten - Frankreich mit der frankophonen Zone im nördlichen und zentralen Afrika, Großbritannien mit der Karibik und dem indischen Subkontinent - ist der Befund kaum besser. Es entstehen innerstädtische Zonen, in denen Zugewanderte die Mehrheit bilden, die sich, wie die wiederkehrenden Unruhen erweisen, zur Integration kaum mehr bereit findet.

Deutschland kann in dieser Hinsicht noch weniger erwarten. Natürlich gibt es immer auch ehrgeizige Zuwanderer, risikobereite türkische Kleinunternehmer etwa, die eine Art „ethnischer Ökonomie“ mit Schneidereien oder Lebensmittelgeschäften aufbauen. Und man sollte diese Anstrengungen, sich auf dem Markt zu behaupten, nicht unterschätzen. Aber es bleibt die erschütternde Tatsache, daß unter den männlichen türkischen Jugendlichen zwischen dreißig und vierzig Prozent - die Zahl schwankt je nach Quelle und Tendenz - keinen Hauptschulabschluß machen. Was kann aus ihnen werden, wenn nicht ein städtisches Subproletariat, das im besten Falle in unqualifizierten Tätigkeiten unterkommt, im schlimmeren aber Schlimmeres?

Huntington hatte recht

Aber noch vor einigen Monaten, als Samuel Huntington mit seinem Buch „Who are we? Die Krise der amerikanischen Identität“ hervortrat, wollte man nicht hören. Dabei hatte Huntington seine These, daß Minderheiten, wo sie eine gewisse Zahl erreicht haben, nicht mehr zur Anpassung, sondern zur Forderung - etwa nach Zweisprachigkeit im öffentlichen Leben - tendieren, mit vielen Belegen untermauert. Neu schien ihm gegenüber allen früheren Einwanderungswellen in die Vereinigten Staaten, daß der Erwerb der englischen Sprache für die „Hispanics“, die vor allem aus Mexiko in den Süden der Vereinigten Staaten kommen, nicht mehr vorausgesetzt werden kann. Neu war aber noch etwas anderes: daß diese These von einem kommenden „Kampf der Kulturen“, diesmal im Inneren, direkt aus Harvard und nicht von einem Hinterwäldler kam.

Zwei Wege stehen offen: Der eine ist der Übergang zur Wirklichkeit. Wird er nicht eingeschlagen, dann bleibt nur eine weitere Drehung der multikulturellen Schraube: Dann wird der Staat seinen therapeutischen Charakter noch einmal steigern und für die Unwilligen unter der Mehrheitsbevölkerung neue Erziehungs- und Toleranzprogramme auflegen. Er wird dann ein jakobinischer Tugendstaat, und die Freiheit bleibt auf der Strecke.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.11.2004, Nr. 274 / Seite 33
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