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Multikulturalismus Die islamistische Herausforderung

14.11.2004 ·  Der Mord an Theo van Gogh und die Debatte über den Genfer Prediger Tariq Ramadan zeigen, daß der Streit über den europäischen Islam überfällig ist: Für die Europäer beginnt jetzt eine neue Dimension der Auseinandersetzung mit dem anderen.

Von Nils Minkmar
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Eine Reise nach Teheran sei wie eine Reise in die sogenannte „Bizarro World“ der „Superman“-Comics, wo das Gute böse ist und das Böse gut, schreibt der amerikanische Autor Mark Bowden in der Dezemberausgabe von „Atlantic Monthly“: Patriotische amerikanische Symbole seien im Stadtbild allgegenwärtig, aber zu Bildern von Gewalt, Haß und Niederlage verfremdet.

Stars and Stripes als Revolver. Der Weißkopfadler, wie er brennend zu Boden geht. Und wo man im Westen von Bildern der Jugend, von Schönheit und Sex überflutet wird, da dominieren in Teheran die Bilder von greisen alten Männern und ein blutseliger Märtyrerkult. Auch fünfundzwanzig Jahre nach der islamischen Revolution in Teheran steht der Westen fassungs- und ratlos vor der Ausbreitung des radikalen Islamismus.

Nicht alle islamischen Kulturen sind militant

Ein paar Jahre lang konnte man sich damit trösten, daß ja, wie Clifford Geertz nachgewiesen hat, nicht alle islamischen Kulturen gleich militant sind, daß der Weg der Gewalt von einer Mehrheit der Muslime abgelehnt wird und daß Iran ein Sonderfall ist. Es gab ja noch Jordanien. Es gab ja noch Hannan Ashrawi.

Aber wer sich heute, nach dem Mord an Theo van Gogh, den Dingen stellt, der muß einsehen, daß wenig Tröstliches geblieben ist. Die meisten Hoffnungen auf Ausgleich und Mäßigung haben sich nicht erfüllt; es ist schlimmer, viel schlimmer gekommen, als es westliche Intellektuelle wahrhaben wollten.

Es ist den Islamisten gelungen, die Konflikte in Tschetschenien, Kaschmir, Indonesien, den Philippinen, Palästina und im Irak als eine globale Kette desselben symbolischen Konflikts darzustellen, der sich in den Vororten der europäischen Großstädte fortsetzt.

Keine Taten einzelner Mordlüsterner

Selbst Gilles Kepel, einer der klügsten Islamwissenschaftler, der noch in seinem „Schwarzbuch des Dschihad“ aus dem Jahr 2002 davon ausging, daß der gewaltbereite Fundamentalismus am Ende sei, weil er den Realitäten des 21. Jahrhunderts nicht mehr gerecht werden könne und den Menschen nichts zu bieten habe, hat seine Sicht korrigieren müssen.

Es sei, stellt er in seinem neuen Buch fest, dem Al-Qaida-Vizechef al Zawahiri insbesondere in Tschetschenien und im Kampf um den Irak gelungen, aus seiner Ideologie vom Kampf der Zivilisationen eine politische und strategische Realität werden zu lassen.

Die Lage ist auch deswegen so brenzlig geworden, weil die europäischen Gesellschaften bislang nur punktuell auf die Aktionen der Fundamentalisten reagierten - so, als wären die Verbrechen, von der Fatwa gegen Rushdie bis zum Mord an van Gogh, nur die Taten einzelner Mordlüsterner.

Neue Dimension der Auseinandersetzung

Für liberale Europäer beginnt nun eine ganz neue Dimension der Auseinandersetzung mit dem anderen, und zwar unter zunehmend unfreundlichen Bedingungen. Eben noch war es richtig, für die Integration, den Schutz der Migranten vor Fremdenfeindlichkeit und Rassismus zu kämpfen. Plötzlich ist die Lage unübersichtlich geworden. In Frankreich und der Schweiz kann man schon studieren, was da auf Europa zukommt, wie schmerzhaft für liberale Intellektuelle und Politiker diese Auseinandersetzung werden wird, auch und gerade wenn man darum kämpfen muß, daß sie friedlich bleibt.

Soeben ist ein Enthüllungsbuch erschienen über den in den französischen Banlieues und darüber hinaus in der islamistischen Szene einflußreichen Prediger Tariq Ramadan (Caroline Fourest, „Frère Tariq“, Grasset 2004).

Missionierender Fundamentalist

Ramadan, ein Enkel des Gründers der ägyptischen Moslembruderschaften Hassan al Banna, wird darin als wirklicher Erbe seines Großvaters dargestellt - als Mann, der den Missionsauftrag der Moslembrüder in Europa fortführen will und dessen Präsenz in den französischen Medien nur durch ein geschicktes „double langage“ denkbar ist. Der Reformer des Islams sei in Wahrheit ein missionierender Fundamentalist.

Die Autorin hat dazu in jahrelanger Arbeit auch die entlegensten Kassetten des Predigers studiert; sie kann ein kohärentes Bild dieses alles andere als fortschrittlichen Islamisten zeichnen, der überdies solide Kontakte in die gewaltbereiten Fundamentalistenkreise so ziemlich jeder Couleur hat.

Wer Tariq Ramadan bislang für einen Antiglobalisierer oder progressiven Gesellschaftskritiker gehalten hat, wird enttäuscht sein: Der Mann findet es unerträglich, wenn Mädchen und Jungen dasselbe Schwimmbad benutzen, findet es besser, wenn Frauen muslimischen Glaubens verschleiert sind, hält nichts von Diskotheken und vom Kino.

Liberale Moslems bekommen keine Resonanz

Keine Frage: Solche Positionen sind aus unserer Warte, auch aus der Warte liberaler Moslems, albern. Aber daß es sehr viele Moslems gibt, die das genauso sehen, viele, die weiter gehen als Ramadan, ist damit nicht aus der Welt. „Sicher“, sagte Ramadan im Interview vor einigen Monaten in Potsdam, „es gibt liberale, aufgeklärte Moslems. Aber welche Resonanz haben die in der Gemeinschaft?“ Anders gefragt: Wen habt ihr außer mir? Ein islamischer Gandhi ist nicht in Sicht.

Andererseits: In dem ganzen von Caroline Fourest studierten Material findet sich kein einziger Aufruf zur Gewalt, keine Zeile Haß. Das will etwas heißen: In zahllosen europäischen Moscheen wird jeden Freitag eine ganz andere, eine lustvoll blutrünstige Sprache gepflegt.

Beseelt von ihrer Mission

Die antisemitischen und antiamerikanischen islamistischen Prediger sind von ihrer Mission beseelt, sie nehmen kein Blatt vor den Mund, um ihre Zuhörer zu schonen - ganz im Gegenteil. Dieses Element, die Gewaltbereitschaft, der Märtyrerkult, der militante Fanatismus, das alles fehlt bei Tariq Ramadan. Er hat sämtliche Attentate islamischer Terroristen sofort und unmißverständlich als islamfeindlich verurteilt.

Gewiß, so wird man einwenden können, das sind bescheidene, vielleicht sogar armselige Standards, um einen als Gesprächspartner zu qualifizieren. Fragt sich nur, ob wir noch die Zeit haben, fortschrittlichere und dennoch in ihrer Glaubensgemeinschaft angesehene Gesprächspartner zu fordern?

Ramadan will den Islam in Europa voranbringen. Seine Missionsarbeit richtet sich dabei zuallererst an seine eigene Glaubensgemeinschaft: Statt sich in die Gettos zurückzuziehen, die Opferrolle zu übernehmen und sich mit Hip-Hop zuzudröhnen, sollten Moslems den Islam studieren und selbstbewußt ihren Platz in den europäischen Gesellschaften reklamieren.

Ramadan: Verzicht auf Gewalt

Dieses Programm ist für einen Nichtmoslem uninteressant, befremdlich, vielleicht sogar bedrohlich. Aber weil Ramadan es klar ausspricht und sich verpflichtet, auf Zwang und Gewalt zu verzichten, und sich auf die Kraft des Diskurses verläßt, macht ihn das zu einem Mittler zwischen unserer Welt und der „Bizarro World“ des militanten Islamismus.

Denn eine Gemeinsamkeit gibt es: Es geht ihm wie uns um die zukünftige kulturelle Gestalt Europas. Es gibt für liberale Europäer keinen Grund, auf die islamistischen Vorstellungen schneller als nötig einzugehen. Aber verhandeln, hart verhandeln werden wir schon müssen.

Dafür ist aber die erste Voraussetzung die, überhaupt einen zu haben, mit dem man verhandeln kann. Viele seiner Positionen mögen antiquiert, ja sogar grotesk und abstoßend sein, Tariq Ramadan hat immerhin drei Vorteile: Er wird in der islamischen Gemeinschaft anerkannt, sein Wort hat Gewicht, und er möchte in der europäischen Öffentlichkeit gerne eine prominente Rolle spielen. Und er hat mit Gewalt nichts am Hut.

Beginn einer Auseinandersetzung

Zugleich ist die Enthüllungsarbeit von Caroline Fourest zu begrüßen. Das Buch fordert Ramadan und seine Anhänger dazu heraus, endlich zu sagen, wie denn ihr Europa mit stolzer muslimischer Bevölkerung aussehen soll, welche Mittel sie auf dem Weg dahin für legitim halten, wie ihr Verhältnis zu den islamischen Terroristen ist und welche Rolle die Frauen spielen sollen.

Fourest macht es ihm nicht leicht: Mal hält sie ihm seine komplizierte und arg spitzfindige Ausdrucksweise vor, dann wieder, wenn er, wie 1998 im Senegal, den klaren Satz formuliert, die Genitalverstümmelung von Mädchen sei „unislamisch“, findet sie ihn zu wenig elaboriert. Aber warum sollte man es Tariq Ramadan auch leichtmachen? Die Auseinandersetzung beginnt ja gerade erst.

Lange Zeit konnten wir es uns leisten, die muslimischen Teile der Bevölkerung zu ignorieren, sie sich selbst zu überlassen. Diese Zeit ist spätesten seit dem Mord an Theo van Gogh vorbei. Mindestens fünfundzwanzig Jahre zu spät müssen wir, an die Adresse der europäischen Moslems und so ihr Vorhandensein überhaupt erst zur Kenntnis nehmend - fragen: Was wollt ihr eigentlich?

Caroline Fourest „Frère Tariq“ bei Grasset, 2004, 19,50 Euro

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14. November 2004
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Jahrgang 1966, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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