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Systemkonformität : Die privatisierte Revolution

Der Angestellte auf dem Weg zum authentischen Ich Bild: Dorothea Schmid/laif

Früher maskierten sich Angestellte als Rebellen. Heute tarnt sich der Rebell als braver Funktionsträger. So kann man zugleich Systemkritiker sein und im System funktionieren, wie der Fall „Münkler-Watch“ zeigt.

          Die Aufregung um „Münkler-Watch“ ebbt allmählich ab, aber die verblüffende Perspektive, die die anonymen Vorlesungsmitschriften im Netz eröffnen, bleibt. Die Blogbetreiber begründeten ihren Willen, nicht erkannt zu werden, mit der Sorge, die „postadoleszente Revoluzzerei“ verderbe ihnen sonst womöglich die Karriereaussichten: „Wir möchten eine Zukunft mit unseren Kindern und Wohnraum und so weiter, um das hier entworfene Gedankenkonstrukt zu reproduzieren“. Die Ironiesignale und die etwas geschraubte Ausdrucksweise können nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie es ernst meinen. Am Exempel des prominenten Berliner Politikwissenschaftlers Herfried Münkler wollen sie eine Kritik am von ihnen so genannten „Extremismus der Mitte“, eine zünftige Systemkritik also, durchexerzieren, aber nicht weniger wichtig als diese Ideenebene ist ihnen offensichtlich auf einer anderen Ebene das reibungslose Funktionieren innerhalb des Systems.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Eröffnet das die Aussicht auf eine Zukunft, in der es Systemkritik nur noch namenlos im Netz gibt, während in der analogen Sphäre nur noch Funktionsträger zu erkennen sind, die allen an sie gestellten Erwartungen gerecht werden? Eine Welt, in der die Diskurse, die man hören und sehen kann, nur vorgetäuscht sind, nichts anderes als prinzipielles Einverständnis demonstrieren, während sich im durch die Anonymität des Internets geschaffenen Raum hinter den Masken ein Abgrund an Umsturzbereitschaft auftut?

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Das wäre eindeutig eine Abkehr vom hergebrachten Muster einer persönlichen Haltung, die sich in Gedanken, Worten und Lebensstil zugleich äußert. Einem Achtundsechziger, einem Punker oder einem DDR-Dissidenten zum Beispiel wird gleichermaßen zugeschrieben, dass sich bei ihnen politische, ästhetische und soziale Erkennungsmerkmale entsprechen. Allerdings wird eine solche Art Authentizität, Übereinstimmung von innerer und gesellschaftlich sichtbarer Person, schon seit langem auch instrumentalisiert, von der Popkultur ebenso wie von der Verbrauchsgüterindustrie, so dass sie oft ihrerseits als soziale Fiktion erscheint.

          Kritisieren und funktionieren

          In Wirklichkeit gibt es die Mischung aus Karriere, Ironie und Rebellentum, die die Münkler-Watch-Blogger auszeichnet, schon lange, bisher jedoch unter umgekehrten Vorzeichen: Bisher kostümierten sich die von einem umsichtigen Marketing ausstaffierten Angestellten als Rebellen. Nun aber scheint das Authentizitäts-Klischee zum ersten Mal von der anderen Seite unterminiert zu werden: Die Rebellen verkleiden sich als Angestellte.

          Die Möglichkeit dazu schafft das Internet. Ähnlich wie im Zuge der Säkularisierung einmal die Religion privatisiert wurde, deren Bekenntnis man seither nur unter Strafe der Peinlichkeit anderen oder gar einer Öffentlichkeit aufdrängt, könnte im Zuge der Digitalisierung die Politik und insbesondere deren revolutionäre Spielart privatisiert werden. Durch anonyme Blogs kann man mit seinen Ansichten öffentlich wirksam sein, ohne persönlich dafür einstehen zu müssen. Man kann nach kapitalistischen Wettbewerbskriterien funktionieren, ohne mit der Kritik in Kollision zu geraten, die man gleichzeitig daran übt, da diese Kritik nun in die Zuständigkeit einer durch die Anonymität des Netzes geschützten Innerlichkeit fällt.

          Man könnte diese Konstellation als verspätete Einlösung des Programms betrachten, das Antonio Negri und Michael Hardt vor vierzehn Jahren mit ihrem immens einflussreichen Manifest „Empire“ aufgestellt hatten. Mit Adorno/Horkheimer stimmten sie überein, dass es zum „Empire“ des in alle Kapillaren eindringenden und noch seine schärfsten Gegner neutralisierenden Kapitalismus kein Außen mehr geben könne, doch sie gaben dieser Feststellung eine unerwartet optimistische Drehung: Zugleich sei dieses System nämlich auf die Mitwirkung der „Vielen“, der „Multitude“ angewiesen: „Im schöpferischen Vermögen der Multitude, der Menge, die das Empire trägt, liegt gleichermaßen die Fähigkeit, ein Gegen-Empire aufzubauen, den weltweiten Strömen und Austauschverhältnissen eine andere politische Gestalt zu geben.“

          Unter Beschuss: der Politikwissenschaftler Herfried Münkler von der HU Berlin wird im Internet als Rassist beschimpft.

          Das war die linke Lizenz zum Mitmachen, Kollaborieren, allerdings mit der Perspektive, unversehens die Vorzeichen des Ganzen umzukehren, so dass das System plötzlich kollabiert und nur noch die Menschen übrig bleiben, die es zuvor trugen. Ob das auch die Vorstellung der jetzt bloggenden Studenten ist, weiß man nicht; in ihren eigenen Selbsterklärungen stellen sie eher ihre Angst vor Reglementierung heraus.

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