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Verlagswesen : Wenn die Nische enger wird

Leises Servus: Herbert Woyke, Inge Holzheimer und Albert Völkmann (von links). Bild: Jan Roeder

Von Erfolgen und Fehlern: Warum der Münchner A1 Verlag, Spezialist für internationale Belletristik, den Betrieb einstellt.

          Ende August ist hier definitiv Schluss. Dann müssen die Verlagsräume im Erdgeschoss einer Gründerzeitvilla in einer ruhigen Nymphenburger Seitenstraße geräumt werden. Das Handlager ist leer, die Küchenzeile steht noch, ein Tisch mit ein paar Stühlen, letzte Plakate an der Wand. Der Tisch ist, wie der Rest des Mobiliars, verkauft. Die Liquidation des Verlags wird bis ins nächste Jahr hinein dauern. Dann werden die verbliebenen drei Gründer einen Strich unter ein Kapitel ihres Lebens machen müssen, auf das sie im Augenblick voller Wehmut blicken. In den leeren Verlagsräumen ist die Melancholie beinahe mit Händen zu greifen.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Inge Holzheimer, Albert Völkmann und Herbert Woyke wickeln ab, was in den siebziger Jahren nahe dem Münchner Goetheplatz mit einer Künstlergruppe begann, im „Aktionsraum 1“. Man wollte die Gesellschaft verändern, aber die Kunst schien dann doch nicht der richtige Weg. Völkmann sagt, man sei „frustriert gewesen“, habe eine Weile mit einer Literaturzeitung geliebäugelt. Die Finanzierung des kollektiven Unternehmens stützte der Druckauftrag für die Zeitschrift „Erziehung und Wissenschaft“ der gleichnamigen Gewerkschaft. Allmählich wurde daraus ein Verlag, erzählt Herbert Woyke, mit neunundfünfzig Jahren der Jüngste des Trios. 1990, als der Verlag offiziell den Betrieb aufnahm, habe man sich gesagt: „Wir probieren jetzt einmal selbst, Bücher zu machen.“ Völkmann, Mann der ersten Stunde, ist siebenundsiebzig, Inge Holzheimer erreicht demnächst das Pensionsalter.

          Der Start gelang. Der Mongole Galsan Tschinag erhielt 1992 den Adelbert-von-Chamisso-Preis. „Damit haben wir losgelegt“, sagt Inge Holzheimer, Ehefrau des Schriftstellers Gerd Holzheimer, sie kam vom Verlag Frauenoffensive. Woyke kümmerte sich um Gestaltung und Herstellung. „Wie man allerdings ein Buch kalkuliert, das haben wir erst sehr spät gelernt“, wirft Völkmann ein: „Die ersten zehn Jahre haben wir auf einem extrem hohen Selbstausbeutungsniveau gearbeitet.“ Doch die Autoren wurden im Lauf der Jahre zu einer großen, „teilweise beglückenden Familie“, sagt Völkmann. „Keiner ging hier raus, der sich nicht gut aufgehoben gefühlt hätte.“

          Corinne Hofmanns Bestseller rettete den Verlag

          Die Familie wurde immer internationaler, neben deutschen Autoren fanden Inder hier eine Verlagsheimat, ebenso wie Palästinenser, Spanier, Kanadier, Polen, Türken, Taiwaner und Tunesier – Mahmoud Darwish, Adel Karasholi, Kiran Nagakar, Zé do Rock, Dieter Lattmann, Ana Paula Maia oder Ivan Vladislavić, um nur einige zu nennen. 1998 kam der rettende Bestseller. Corinne Hofmanns autobiographischer Vierteiler „Die weiße Massai“ verkaufte sich mehr als zwei Millionen Mal in Deutschland, spülte durch Lizenzverkäufe in dreißig Sprachen (und Jahre später den Kinofilm) Geld in die notorisch leere Kasse. „Es war ja nicht so, dass das Buch unbedingt unseren literarischen Vorstellungen entsprochen hätte“, erinnert sich Inge Holzheimer unsentimental. Manche Verlegerkollegen hätten sogar die Nase gerümpft, andere hätten gratuliert. „Michel Krüger hat gesagt: Das habt ihr gut gemacht“, erzählt Albert Völkmann.

          Sorgte für einen warmen Tantiemenregen: „Die Wei0ße Massai“, verfilmt mit Nina Hoss.
          Sorgte für einen warmen Tantiemenregen: „Die Wei0ße Massai“, verfilmt mit Nina Hoss. : Bild: Picture-Alliance

          Danach ging es wieder zurück in die Nische einer Buchindustrie, die immer schneller den digitalen Wandel und die Allmachtsphantasien des Handels zu spüren bekam. Dabei blieben die Auflagen der A1-Titel konstant niedrig, durchschnittlich 1500 bis maximal 3000 Exemplare. Man blieb auch deshalb klein, weil man das Geld nicht hatte, auf Auktionen gegen größere Verlage zu bestehen. Hinzu kamen hohe Übersetzungskosten, auch wenn man sich auf das Anzapfen noch der kleinsten Fördertöpfe verstand. Um den klassischen Sortimentsbuchhandel besser zu erreichen, ging man eine Vertriebskooperation ein mit Verlagen wie Nautilus, transit, Assoziation A, edition fünf und anderen.

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