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München Der Lack der städtischen Kultur ist rissig

 ·  Münchens städtische Kulturpolitik steht vor einem Berg hausgemachter Probleme, die von offizieller Seite mit Hinweis auf die katastrophale Haushaltslage entschuldigt werden.

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Wer diesen ungeheuerlichen Vergleich in die Welt gesetzt hat, ist nicht bekannt. Aber man hört ihn immer öfter - daß München ohne das Engagement des Freistaats Bayern "wie Krefeld wäre". Das ist womöglich ungerecht, denn Krefeld wendet für seine 237 780 Bewohner 24,6 Millionen Euro für Kultur auf, was einem Anteil von 4,6 Prozent am Gesamthaushalt entspricht; während die bayerische Landeshauptstadt für ihre 1 264 309 Einwohner - je nach Berechnung - zwischen 3,6 und fünf Prozent ausgibt. Aber Krefeld behauptet von sich nicht litaneiartig, eine Kulturstadt zu sein. Ist München am Boden der Tatsachen angekommen? Den Eindruck kann man durchaus gewinnen, wenn man in diesen Tagen den Versuch unternimmt, Licht ins Dunkel der Münchner Kulturpolitik zu bringen.

Es ist nämlich nicht unbedingt so, daß es nur in Frankfurt Probleme mit dem Kulturreferenten gäbe. Aber in München verläuft die Erregungskurve derzeit - anders als in Frankfurt - stetig nach unten. Resignation hat sich breitgemacht, die mit der Wehleidigkeit der Verwöhnten nichts zu tun hat. Die städtische Kulturpolitik steht vor einem Berg hausgemachter Probleme, die von offizieller Seite mit Hinweis auf die katastrophale Haushaltslage entschuldigt werden. 2004 wird München rund 160 Millionen Euro für seine Kultur ausgeben, die Flaggschiffe Kammerspiele, Münchner Philharmoniker und Stadtbibliothek verschlingen zusammen knapp sechzig Prozent des Haushalts.

Eine der reichsten Kommunen Europas

Tatsächlich profitiert die Stadt überproportional vom Glanz der staatlichen Einrichtungen. Der Freistaat unterhält nicht nur die Staatsoper, das Residenztheater, das Gärtnerplatztheater, das Staatsballett, sondern auch das Haus der Kunst und die drei Pinakotheken. Ein zentralistisches Löwenhaupt, das im Flächenstaat Bayern naturgemäß immer wieder Unmut hervorruft. Aber der langjährige Kultusminister Hans Zehetmair setzte stets mit stolzgeweiteter Brust auf sein "Isar-Athen" und sorgte auch personalpolitisch bis zu seinem Abschied im vergangenen Herbst dafür, daß die nächsten Jahre zementiert sind. Das könnte sich freilich ändern, sobald Zehetmairs Nachfolger Thomas Goppel seine Ankündigung wahr macht, alles stehe auf dem Prüfstand.

Vor fünf Jahren - seither ist keine neue Erhebung vorgelegt worden - gab Bayern inklusive Verwaltungskosten 1,208 Milliarden Mark für Kultur aus, davon gingen 593 Millionen ins Stadtgebiet München, also weit mehr als das Doppelte der städtischen Aufwendungen. Vor fünf Jahren schwamm auch München buchstäblich in Geld, war eine der reichsten Kommunen Europas. Heute schnürt ein Fünfjahressparplan den Stadtsäckel ab. Wenige Wochen nachdem er beschlossen worden war, betrat Lydia Hartl als neue Referentin den Schauplatz. Eine auffallende Erscheinung, kohlenschwarze Augen, dunkler Teint, in priesterlich wallendes Schwarz gekleidet. Leise Stimme, mondäne Mitgenommenheit mit Münchner Timbre. Nicht einmal ihre Gegner bestreiten, daß die 1955 in Schwabing Geborene auf den Podien bella figura macht - das exakte Gegenteil eines Funktionärs vom Schlage des Frankfurters Nordhoff. Und theoretisch nach alter Fama schon deswegen für das Amt prädestiniert, weil nur ein Münchner Kulturreferent in München sein könne.

In den Schmutz gezogen

Die Doppeldoktorin der Medizin und Psychologie, Honorarprofessorin der Ludwig-Maximilians-Universität, kam auf dringliche Empfehlung ihres Vorgängers Julian Nida-Rümelin, der nach nur zweieinhalb Jahren als Kulturreferent Anfang 2001 ins Amt des Bundeskulturministers wechselte. "Als ich anfing, war die Hochzeit der Visionen schon vorbei", sagt Hartl heute. Sie räumt ein, daß sie die Einarbeitungszeit in die Verwaltungsaufgabe unterschätzt habe. Sie habe geglaubt, es ginge in sechs Monaten. Ein Irrtum, der sich rächen sollte. Kaum im Amt, geschah das, was im "Mediencluster" (Hartl über München) immer geschieht: Das Genörgel hob an, die soeben noch als würdigste Kandidatin gepriesene und demokratisch legitimierte parteilose Professorin sei eine Fehlbesetzung, der die Stadt bis 2007 ausgeliefert sei.

Die Presse mühte sich redlich, diesem Umstand abzuhelfen. Die "Süddeutsche Zeitung", die Hartl zunächst euphorisch begrüßt hatte, versuchte mit unfeinen Mitteln alles ihr Mögliche, die Referentin mit teilweise unappetitlichen Unterstellungen in den Schmutz zu ziehen. Es half nichts, im Gegenteil. Die Zugbrücken in der Burgstraße 4 wurden hochgezogen. Der Chor der Kritiker steigerte sich ins Fortissimo, dann verstummte er. "Hören Sie noch was?" sagt Lydia Hartl wie mit einem Ruf- und Fragezeichen und einem durchaus triumphierenden Unterton.

Gewöhnungsbedürftiges Tempo

Man hört noch etwas, aber nicht mehr öffentlich. Als habe die allseits als sehr machtbewußt beschriebene Kommunalpolitikerin ihren Gegnern den Schneid abgekauft, halten sich die Heroen der städtischen Kulturinstitute derzeit lieber bedeckt. Einige mußten am eigenen Leib erfahren, wo der Hammer hängt, andere haben das Haus verlassen oder sich versetzen lassen, darunter langgediente Referatsleiter. Die von Nida-Rümelin erfundene flache Organisationsstruktur mit Projektgruppen wurde unter der Ägide Hartls wieder steiler, Macht wird jetzt deutlich ausgeübt, Erbhöfe wurden geschleift, und Anordnungen kommen ohne größere Sentimentalitäten daher.

Viel war von Mobbing die Rede, von einem eisigen Klima, von der Übernahme der Macht durch eine Frauenclique. Von alldem will Lydia Hartl nichts wissen. "Die Schwierigkeit der Position liegt darin, daß man ein Chamäleon sein muß - Verwalter, Gestalter, Sponsorenbeschaffer und Verhandler mit der Politik. Lauter heterogene Anforderungen, die sich dafür eignen, daß man zur Zielscheibe wird. Aber das muß man aushalten." Es könne zwar gut sein, "daß mein Tempo für viele Mitarbeiter in dieser durch wenig Fluktuation geprägten Behörde gewöhnungsbedürftig" gewesen sei. Viel schlimmer aber findet sie die "Verteilungskämpfe unter den Kulturschaffenden". Statt daß man in der Krise zusammenrücke und an einem Strang ziehe, würden die "Polaritäten" noch betont.

Unsauberkeiten bei Vergabe

Daß Sparzeiten nicht zwingend den Verlust von Kreativität bedeuten müssen, hat man in München immer wieder erlebt. Was heute vermißt wird, sind geistige Auseinandersetzungen, ein Klima, in dem die Stadt den Künstlern und dem Kulturvolk vermittelt: Wir stehen zu euch. Und so lautet der Hauptvorwurf denn auch, Lydia Hartl habe sich ohne erkennbare Gegenwehr vor den Sparkarren von Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) spannen lassen - und allzu willig den Bestand kultureller Einrichtung gefährdet, deren Zerstörung billigend in Kauf genommen.

Besonders stößt den Kritikern auf, daß in Hartls Spezialgebiet, der Medienkunst und der Kunst im öffentlichen Raum, die Dinge stagnieren. Nida-Rümelin hatte sich vom Stadtrat die Zusage besorgt, jedes Jahr ein Prozent der städtischen Baukosten für "Freie Kunst im öffentlichen Raum" ausgeben zu können - was einer Summe von bis zu 1,5 Millionen Euro entspricht. Aber die Zuschüsse konnten wegen Unsauberkeiten bei der Vergabe - in der Jury saßen Künstler, die sich selbst beworben hatten - nicht verteilt werden und flossen schließlich, gegen den ursprünglichen Beschluß des Stadtrats, umgewidmet wieder in die Stadtkasse zurück. "Eigentlich müßte man ein Disziplinarverfahren einleiten, weil der Auftrag des Stadtrats nicht erfüllt wurde" - befindet nicht nur Franz Forchheimer, der dreißig Jahre lang und unter fünf Referenten in München für die CSU Kulturpolitik gemacht hat. Forchheimer ist eine Legende der Szene, ein über Parteigrenzen anerkannter streitbarer Wertkonservativer, der zuletzt als Koreferent keine Gesprächsbasis mit Hartl fand. Forchheimer ist einer der wenigen, die sich nicht scheuen, offen zu reden.

"Mixed realities"

Sparjahre mögen nicht die ideale Zeit für Lydia Hartls zentrales Anliegen, die Förderung der Medienkunst, sein; ganz gewiß wird aber unter diesem Rubrum viel Talmi verkauft. Ein Beispiel: Derzeit kämpft das Kulturreferat für ein Projekt namens "EnergiePassagen", das am Odeonsplatz den diesjährigen Kunstsommer bereichern soll. Das liest sich im Konzept des Künstlerduos Monika Fleischmann und Wolfgang Strauss, das diese Installation zum Thema Urbanität geplant hat, so: Mit Hilfe der "poetischen Transformation von Datenströmen" solle dem Publikum das Gedächtnis der Stadt "als audiovisuelle, interaktive, partizipatorische Verschränkung urbaner emergenter Bewegungsprozesse" dargeboten werden. Die Sache liegt auf Eis, das zuständige Finanzministerium will die Feldherrnhalle solchen "Mixed realities" nicht aussetzen.

Schützenhilfe bekommt Lydia Hartl von ihrem Vorvorgänger Siegfried Hummel. Selbst ein Opfer des Systems Ude, weiß Hummel um die Gefahr, von dem kulturpolitisch ambitionierten, überaus populären, weil regelmäßig populistisch agierenden Oberbürgermeister untergebügelt zu werden: "Wenn Frau Hartl keine Streichungen hinzunehmen gehabt hätte, würde man sie anders beurteilen." Aber auch er verhehlt nicht seinen Abscheu, daß Hartl die "Phalanx der hochmotivierten Mitarbeiter" zerrieben habe. Zahlenexperte Hummel kritisiert, daß die Kulturmittel überhaupt angetastet wurden: "Bei so einem winzigen Haushalt hat Sparen fiskalpolitisch überhaupt keinen Sinn."

Unvorhersehbare Steuerausfälle

Hartl feilt derzeit an ihrem Haushaltsentwurf für das Jahr 2005. Es lasse sich nicht in Schwerpunkten ausdrücken, was sie vorhabe, hält sich die Referentin bedeckt: "Alle Dampfer sind nun an einer Grenze, an der sie gerade noch das Niveau halten könnten." Schließungen seien bislang vermieden worden. Auf Nachfrage rückt sie aber doch heraus: Das Lenbachhaus muß saniert werden, solle aber in Betrieb bleiben (ein Antrag ist in Vorbereitung). Bei den Philharmonikern will sie an die Tarifverträge, ein Orchester mit 120 Mann Mindeststärke, das allein zehn Konzertmeister mit einem Grundgehalt von 120 000 Euro beschäftige, müsse auf den Prüfstand. Das Stadtmuseum braucht ein neues Konzept und muß saniert werden, das Jüdische Museum wird gebaut, das Fotomuseum renoviert. Im März wird es erstmals eine gemeinsame Jugendstil-Ausstellung der Villa Stuck und des Stadtmuseums geben - bislang herrschte Grabenkampf. Im Oktober zeigt die Stuckvilla "Shanghai Modern", eine Schau über chinesisch-deutsche Kulturbeziehungen in den dreißiger Jahren, zu deren Anbahnung die Referentin dreimal im Fernen Osten war.

Freilich: Auch der Haushalt 2005 steht unter dem Damoklesschwert unvorhersehbarer Steuerausfälle; nur wenn dieser Fall nicht eintritt, sind Schließungen zu verhindern. Der Lack der städtischen Kultur ist rissig, München ist in dieser Beziehung der deutschen Wirklichkeit näher als je zuvor. Aber man hat schließlich derzeit wichtigere Aufgaben. Es ist jedenfalls nichts davon bekannt, daß die städtischen Anteile am Stadionneubau der "Allianz-Arena" - die Stadt beziffert sie mit 200, die Gegner mit 416 Millionen Euro - von den Kürzungen betroffen wären. Über den schon jetzt erheblichen Flurschaden im Kulturbereich will man offenbar erst nach der Fußballweltmeisterschaft reden.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.02.2004, Nr. 47 / Seite 33
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Jahrgang 1961, Redakteur im Feuilleton.

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