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MTV-Serie „Popetown“ : Empörung auf Weltniveau

Schlechter Geschmack war schon unterhaltsamer: Die Serie „Popetown” Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die ältere Idee, daß es nichtsatisfaktionsfähige Subjekte gibt, scheint zu verblassen: warum sich katholische und evangelische Politiker von den Pennälerphantasien der umstrittenen MTV-Serie „Popetown“ provozieren lassen.

          Der Fernsehsender MTV, bei dem zumeist Reklame für Popmusik läuft, wird ab dem 3. Mai den Trickfilm „Popetown“ ausstrahlen. Produziert wurde die Serie, die sich über das Papsttum, den Vatikan und den katholischen Klerus lustig machen will, von der BBC. Gezeigt worden ist sie bislang nur in Neuseeland; begleitet von Boykottaufrufen der katholischen Kirche. Im eigenen Land scheuten die Auftraggeber nach ähnlichen Protesten im vergangenen September eine Ausstrahlung.

          Seit ein paar Wochen laufen solche Proteste auch hierzulande. Jüngster Höhepunkt: Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) appelliert an MTV, den Trickfilm nicht zu senden. Zuvor hatte das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken einen direkten Angriff auf das Christentum erkannt. Das Erzbistum München und Freising geht rechtlich gegen den Sender vor. Kardinal Wetter meint, man könne nicht zulassen, „daß Christus und seine Leiden, die Mitte unseres Glaubens, so verhöhnt werden“.

          Stark vereinfachter Sinn für Humor

          Der Generalsekretär der CSU, Markus Söder, nimmt die Sache zum Anlaß, die schon häufig erfolglos erhobene Forderung Bayerns nach höheren Strafen für Gotteslästerung zu erneuern. Auch Edmund Stoiber hat sich in diesem Sinne geäußert. Die Senioren-Union verlangt von den Landesmedienanstalten, im Ernstfall MTV die Lizenz zu entziehen. Wie viele der Empörten mögen sich die DVD von „Popetown“ besorgt haben? Kardinäle und politische Spitzenkräfte, die Comicfilme studieren, wären tatsächlich eine gewöhnungsbedürftige Vorstellung.

          Immerhin gewinnt aber, wer auch nur eine einzige Folge der Serie gesehen hat, gute Gründe diesseits von Paragraph 166 StGB (Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen), auf weiteres Einschalten zu verzichten. Denn sie wendet sich an einen doch stark vereinfachten Sinn für Humor. Der Papst: eine schwererziehbare, ständig quengelnde und triebgesteuerte Nervensäge im Vorschulalter, entworfen, möchte man sagen, nach dem Modell der allerjüngsten Zuschauer, die auch immer spielen und weder ins Bett noch ins Bad wollen.

          Die Kleriker: treuherzig oder korrupt oder besoffen oder indolent. Die Geschichten: wie der Papst von einem jüdischen Entertainer aus Brooklyn gedoubelt wird; wie die Kirche mit einem Diktator kollaboriert - erfolglos, weil die vatikanische Küche seiner tierlieben Gattin einen gebratenen Panda serviert; der Geburtstag des Babypapstes, der sich einen Kampf mit einem Catcher wünscht. Der schlechte Geschmack war schon unterhaltsamer.

          Pennälerphantasien

          Die Religionssatire auch. Religionsspezifisch ist der Streifen überhaupt nur dort, wo er die Zweckentfremdung von Symbolen witzig findet: Meßwein als Deodorant, das Kreuz als aufblasbares Spielzeug oder Trimmdich-Gerät. Ansonsten reproduziert die Pennälerphantasie, als deren Erzeugnis die Trickfilme durch einen Vorspann dargestellt werden, wohlbekannte und abgegriffene Verhöhnungsmuster. Auf einen Staat, einen Konzern oder einen Fernsehsender ließen sich die Schablonen vom unzurechnungsfähigen Chef, den verkommenen Managern und vom Massenbetrug genausogut legen.

          Wenn das Satire sein soll, steht es jedenfalls um den Antiklerikalismus ähnlich schlecht wie um die hiesigen Gottesdienstbesuche am Sonntag. Anders formuliert: Werden keine besseren Witze über die Kirche mehr gerissen, als solche, dann dokumentiert das die Erwartung der Massenmedien, andere würden auch gar nicht mehr verstanden.Es bleibt der Eindruck, hier wurden übliche Späße für ein genügsames Publikum nachträglich mit der Aufschrift „Papst“ versehen, um es zum Skandal zu bringen.

          Weltreligiöse Empörungsstandards

          Daß MTV seinen Skandal jetzt bekommt, indem sich die für Reflexe zuständigen Stellen melden, hat insofern nichts mit der Sache selbst zu tun. Edmund Stoibers Einlassung, Muslime hielten uns „auch(!) deshalb für ungläubig, weil wir unseren Glauben nicht ausreichend verteidigen“, bezeichnet, worum es statt dessen geht. Um die von manchem empfundene Pflicht zum Schritthalten mit den weltreligiösen Empörungsstandards, die einige Islambewirtschafter anläßlich der dänischen Mohammed-Karikatur zuletzt hochgeschraubt haben.

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