02.12.2011 · Moskaus Nobelmeile Rubljowka wird immer mehr zu einer Geistermeile: Die Reichen Russlands zeigen Putin ihren Unmut, indem sie sich Residenzen im Westen kaufen.
Von Kerstin HolmMoskaus Millionäre werden ihrer Märchenschlösser nicht mehr froh. Etliche Bewohner der westlich der Hauptstadt gelegenen Nobelmeile Rubljowka vermissen neuerdings ihre Nachbarn. Das Familienoberhaupt vom Grundstück nebenan habe eine Wohnung in London, erklärt ein an der Straße residierender Geschäftsmann, der ebenfalls in London einen zweiten Wohnsitz hat. Der Nachbar pendele nur noch zwischen England und der Datscha in Frankreich hin und her.
Auch die Gattin eines anderen Unternehmers, deren Tochter die Eliteschule an der Rubljowka besucht, beobachtet, dass die Bewohner der allerbesten Wohnlage verschwinden. Bis vor kurzem war es kaum möglich, einen Platz an ihrer Schule zu bekommen, sagt sie. Doch jetzt wurden wegen rückläufiger Schülerzahlen sogar Klassen zusammengelegt. Die Nobelgeschäfte im sogenannten Luxusdorf sind verwaist. Die Agentur für Vermittlung von Hauspersonal, „Na Rubljowke“, verzeichnet Umsatzeinbrüche, weil viele Familien nach den Sommerferien nicht zurückgekehrt sind.
Auch Landschaftsdesigner und Immobilienmakler finden keine Kunden mehr. Von Verkäufen sieht die Geldaristokratie freilich vorerst ab, heißt es in Immobilienbüros. Diese führen die Abwanderung darauf zurück, dass sich nach der Absetzung von Bürgermeister Luschkow im vergangenen Jahr viele Seilschaften nicht mehr wohl fühlten in Moskau. Doch das kann nicht die Hauptursache sein. Demoskopen wissen längst, dass der Unmut über das Putin-System umso größer ist, je besser es den Leuten geht.
Während in der Provinz laut Umfragen etwa ein Drittel der Bevölkerung mit dem Regime unzufrieden ist, sind es in Moskau 46 Prozent, bei Vertretern der Moskauer Mittel- und Oberschicht sogar fast fünfzig. Wenn die Villenbewohner jetzt freilich mit den Füßen gegen Putin stimmen, tun sie nur das, was viele ihrer Landsleute auch gern täten, aber oft nicht können, erklärt Aljona Antonowa, die Betreiberin der Internetseite „Die ganze Rubljowka“.
Wer hier einen Palast habe, besitze auch Immobilien im Westen, versichert sie. Ihre Überzeugung, dass die Elite an der Rubljowka nie wirklich Anker warf, illustriert auch die Erfahrung, dass die Oligarchen nie die Straßen jenseits der Mauer ihrer Anwesen in Ordnung bringen ließen. Frau Antonowa glaubt, dass die Rubljower Chaussee eines Tages wieder zu dem wird, was sie vor dem Moskauer Boom immer war: eine Kette von Datschendörfern, in der die Bessergestellten Ferien machen und deren ständige Bewohner die fehlenden günstigen Einkaufsmöglichkeiten beklagen.
Russland muss mehr für die Reichen tun
Eckart Härter (Leser3000)
- 04.12.2011, 10:30 Uhr