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Moskauer Szenen Russland im Rückwärtsgang

Unter Präsident Putin sind die zarten Reformansätze Medwedjews rückgängig gemacht worden, revitalisiert wurden stattdessen die alten Muster der Denunziation. Und es setzt drakonische Strafen.

© dpa Vergrößern Moskauer Demo-Szene von Ende August 2012: Es wird durchgegriffen

Vergangenheitsbewältigung heißt auf Russisch, schlimmen Altlasten der Geschichte Gutes abzugewinnen. Im prunkvoll renovierten Bolschoi- Theater hatte am Festtag der nationalen Einheit, der - als Ersatz für den abgeschafften Revolutionsfeiertag - den Sieg über die polnischen Angreifer vor vierhundert Jahren zelebriert, die Neuauflage des zweiundzwanzig Jahre lang nicht gespielten Balletts „Iwan der Schreckliche“ Premiere.

Kerstin Holm Folgen:

Die Legende der sowjetischen Choreographie, Juri Grigorowitsch, der auch jetzt die Wiederaufnahme leitete, hatte diesen kraftstrotzenden Preistanz auf den starken russischen Staat während der erdölseligen Stagnationsjahre unter Leonid Breschnew geschaffen.

Zu Prokofjews Filmmusik zeigt das Bühnenwerk den blutrünstigen Zaren als hoffnungsvollen Herrscher, der sein Reich vergrößert, seine Gattin zärtlich liebt, aber von sezessionswilligen Bojaren bedroht wird, die sogar seine Frau vergiften, so dass ihm gar nichts anderes übrigbleibt, als sich mit sonderbevollmächtigten Opritschnina-Terrorgarden gegen seine Feinde zu behaupten.

Der Tänzer der Zarenrolle, Pawel Dmitritschenko, erklärte gegenüber dem Ersten Fernsehkanal, Iwan der Schreckliche sei keineswegs ein Tyrann gewesen, in Europa seien zu dessen Zeit nämlich zehn Mal mehr Menschen hingerichtet worden.

Fremdherrschaft als Chance?

Da wunderte man sich kaum noch, dass einen Tag später das Staatsfernsehen anlässlich des dreißigsten Todestags von Breschnew andachtsvoll diesen, so die Sprecherin, „international angesehenen Staatsmann“ würdigte, der durch die „bipolare Weltordnung“, wie sie den Kalten Krieg nannte, seinem Land dessen wohl stabilste Lebensphase geschenkt habe.

Die russische Staatsführung fährt mit Volldampf im Rückwärtsgang. Patriarch Kyrill, der während Dmitrij Medwedjews Präsidentschaft dessen Modernisierungsbemühungen ausdrücklich begrüßt und erklärt hatte, wenn diese Bemühungen scheiterten, verliere Russland seine Zukunftsperspektive, verglich jetzt in seinem Hirtenwort zum Nationalfeiertag die vaterländischen Modernisierer mit den polnisch-litauischen Besatzern in der Zeit der Wirren zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts.

Von jenen Teilen der Elite, die es damals dazu hätten kommen lassen, wäre die Fremdherrschaft als Chance für das Land hingestellt worden, seine Militärtechnik, das allgemeine Bildungsniveau und auch die Auffassung vom Christentum zu modernisieren und damit Westeuropa anzunähern, verkündete das Kirchenoberhaupt. Der Patriarch ging sogar so weit, die Befürworter eines Modernisierungsprojekts für Russland, wie es Medwedjew als Präsident vertrat, als ausländische Agenten zu brandmarken.

Gummiparagraph 159

Dabei sind außer Medwedjews Abschaffung der Winterzeit, wodurch der russische Zeitunterschied zu Westeuropa jetzt auf drei Stunden anstieg, seine Liberalisierungsschritte (wie etwa die Entkriminalisierung des Verleumdungsparagraphen) von Präsident Putin wieder rückgängig gemacht worden. Auch das Demonstrationsrecht und die Auflagen für Nichtregierungsorganisationen wurden verschärft. Die Gewaltorgane halten die Zivilgesellschaft im Würgegriff.

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Veröffentlicht: 15.11.2012, 14:30 Uhr

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