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Moskauer Gourmettempel „Opritschnik“ Iwan der Schreckliche lässt grüßen

14.01.2009 ·  Vor kurzem hat in Moskau der Gourmettempel „Opritschnik“ eröffnet. Kritiker behaupten, dass der Name und das Dekor die Terrorgarden von Zar Iwan dem Schrecklichen verherrlichten. Sie protestieren - mit Schweißbrenner und im Hasenkostüm.

Von Kerstin Holm, Moskau
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Die Protestkünstler bezeichneten ihre Performance als Werbeaktion, die dem Gourmettempel für altrussische Küche „Opritschnik“ nur Mehreinnahmen bescheren werde. Angehörige der Gruppe „Woina“ (Krieg), die zuletzt durch das symbolische Aufhängen von Arbeitsmigranten und den demonstrativen Kaufhausdiebstahl im Popen- und Milizionärsgewand die russische Sozialmoral anprangerten, besuchten das erst im vergangenen Krisenherbst eröffnete Lokal kurz vor Neujahr, saisongemäß kostümiert als Großvater Frost und Schneehase.

Die lustige Gesellschaft hatte allerdings einen Stromgenerator und Schweißgerät dabei und blockierte im selbsterzeugten Lärmschutz von Silvesterknallern mit einer Stahlblechplatte die Eingangstür, hinter der zuvor ihr Mentor, der wegen provokativer Kunstausstellungen gerichtlich verfolgte Kunsthistoriker Andrej Jerofejew, die Spezialitäten des Hauses, Milchferkel mit Buchweizengrütze und Wildschweinbraten in Himbeerwein, gekostet hatte.

Das war, so „Woina“ und ihre Internet-Ideologen, ein Angriff auf die Nobelgastronomie im Allgemeinen und insbesondere den „Opritschnik“, dessen Titel und Dekor wie sein Mitbesitzer, der nationalistische Journalist Michail Leontjew, die Terrorgarden von Zar Iwan dem Schrecklichen verherrlichen. Und während Leontjew publizistisch seine Landsleute auffordert, den Gürtel enger zu schnallen, so Jerofejew, der das Lokal zu den teuren zählt, schwelgen der Leitartikler selbst und seine Gäste von den „Organen“ in erlesenen Banketten.

Für manche ein Gräuel, für andere eine lichte Zukunft

Jelena Jaworskaja, die Chefin des Restaurants, tut die Aktion als mutwillige Beschädigung fremden Eigentums ab. Frau Jaworskaja, eine leidenschaftliche Köchin und Verehrerin der französischen und japanischen Kulinarik, die sich mit dem „Opritschnik“ ihren langgehegten Traum vom eigenen Lokal erfüllte, gibt allerdings zu, bis vor kurzem hätte sie kaum einen solchen Namen gewählt. Er sei ihr eingefallen, als sie auf der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten ein finsteres Kellergewölbe inspiziert habe, sagt sie philosophisch lächelnd. Das Wort trifft den Nerv der Zeit.

Die als staatlich lizenzierte Räuber verschrieenen Sonderbevollmächtigten der Steuerinspektion werden vom Volksmund längst als „Opritschniki“ apostrophiert. Russlands zunehmend repressives und zugleich sich christlich fromm gebärdendes Regime inspirierte den Schriftsteller Wladimir Sorokin zu seinem antiutopischen Roman „Tag des Opritschnik“, der in Moskau zum Kultbuch wurde (Dunkle russische Zukunftsvision: Wladimir Sorokins „Tag des Opritschnik“). Sorokin, selbst ein Freund altrussischer Kochkunst, lobt das Essen im „Opritschnik“. Doch Frau Jaworskajas Partner Leontjew, der allen Ernstes eine neue Opritschnina befürwortet, ist ihm ein Greuel, ebenso wie der neoimperiale Guru Alexander Dugin, ein Freund des Hauses, dessen Adepten in Sorokins „Tag des Opritschnik“ eine lichte Zukunft beschrieben sehen.

Zitronen, teuer wie ein Ferkel

Der „Opritschnik“ sei das einzige Lokal, das urrussische, das heißt von französischen Überformungen freie Gerichte serviere, erklärt Jelena Jaworskaja stolz. In der mit einer mittelalterlichen Enthauptungsszene geschmückten Speisekarte sucht man Coca-Cola und Vichy-Wasser, aber auch Boeuf Stroganoff und den mayonnaisegesättigten Olivier-Salat vergebens. Wladimir Putin, der nach eigenem Bekenntnis die russischen Frauen liebt, empfahl ihnen schon auf seiner letzten Pressekonferenz als Präsident im vergangenen Frühjahr, sie sollten wieder lernen, Schtschi zu kochen, die gute alte Kohlsuppe. Wir befolgen Putins Rat geradezu vorbildlich, findet Frau Jaworskaja, deren mit Käseteighaube überbackene saure Schtschi tatsächlich eine aromatische Meisterleistung darstellt.

Die russische Küche, deren Frischprodukte einer kurzen Vegetationsperiode entstammen, ist äußerst arbeitsaufwendig, erfährt man von Frau Jaworskaja. Eintöpfe wie der von Putin gepriesene sollen im Idealfall stundenlang im Steinofen garen. Für die berühmte Fischsuppe Ucha sind drei verschiedene Brühen zuzubereiten und durchzuseihen. Für den langen Winter wird viel gedörrt, gesalzen, mariniert. Etwa die vorzüglichen Milchpilze oder Reizker, die zum Aperitif, etwa einem im „Opritschnik“ selbstgebrauten Wermut-, Ebereschen- oder Brennnesselschnaps, besonders zu empfehlen sind. Kwas, das erfrischende Getreidegärgetränk, kann man bei Jelena Jaworskaja nach alter Tradition auch mit Himbeer- oder Zitronensaft versetzt genießen. Zitronen gab es auch unter Iwan dem Schrecklichen. Doch sie kosteten damals so viel wie ein Ferkel. Ansonsten verarbeitet die Küche des „Opritschnik“ nur einheimische Produkte, betont Frau Jaworskaja. Da die Regierung die Zolltarife auf Importlebensmittel anhob, liegt sie damit voll im Trend.

Rote Toiletten wie „Folterkammern“

Der „Opritschnik“ nistet in drei fensterlosen Sälen im Gebäude der Fischmarkthallen, in unmittelbarer Nähe des Baltschug-Ufers, wo Iwan der Schreckliche die erste Wodkakneipe für seine Opritschniki eröffnete. Im Eingangsflur empfängt den Besucher ein schwarzer Wandvorhang, bedruckt mit dem Goldemblem eines Hundekopfs, der die aggressive Treue des Opritschnik zu seinem Herrn verbildlicht. In den Ecken links und rechts lehnen goldgefärbte Reisigbesen, die vergegenwärtigen, dass das Land ständig von Staatsfeinden gesäubert werden muss. Der Gast, dem ein schweigsamer Garderobier mit verräterischen Zeichen an den Händen den Mantel abnimmt, steigt zu den mit schimmernden Kunststoffgewölbedecken dekorierten Gemächern empor. Ihre rotgekachelten Toiletten empfiehlt die Chefin scherzhaft als „Folterkammern“.

Krisenbedingt herrscht im „Opritschnik“, dessen Stammgäste Geheimdienstler und Militärs sind, wenig Betrieb. Heute diniert hier nur Leontjew mit Freunden, die sich durch Bekenntnisse zur Staatssicherheit und einen fluchreichen Redefluss als Erben der Hunde von Zar Iwan ausweisen. Die echten Opri-tschniki des sechzehnten Jahrhunderts sollen freilich beim Zechen nichts zu essen bekommen und fromme Lieder gesungen haben. Leontjew versucht immerhin, prominente Partylöwinnen der Kirche zuzuführen. Die Wachhundqualitäten ihres „Opritschnik“ lassen jedoch zu wünschen übrig, gibt Jelena Jaworskaja zu.

Dass die Aktionskünstler von „Woina“ vor ihrem Haus gegen Leontjews Wiederbelebungsversuche der Sitten unter Iwan dem Schrecklichen und gegen die „Hinrichtung“ von Milchferkeln und Wildschweinen protestierten, blieb den zwei Aufsichtsmannschaften der Restaurantfestung verborgen, ebenso wie die Love-Parade-Parodie, die die Maskierten sodann veranstalteten. Und dass die freche Clique nebenbei noch die Eingangstür von außen zugeschweißt hatte, bemerkten die „Opritschnik“-Garden erst, als sie erfolglos versuchten, sie zu öffnen.

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Jahrgang 1958, Feuilletonkorrespondentin in Moskau.

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