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Veröffentlicht: 18.07.2016, 10:48 Uhr

Türkischer Putschversuch Eylem heißt Widerstand

Ein Kampf zwischen Pest und Cholera und die Frage: Gehen oder Bleiben? Der Schriftsteller Moritz Rinke war in Antalya Augenzeuge, als die türkischen Putschisten sich erhoben. Ein Gastbeitrag.

von Moritz Rinke
© reuters Nach dem Putsch ist vor den Säuberungen: Demonstranten feiern den schnellen Sieg Erdogans in Istanbul und in anderen Städten der Türkei.

Das Gespräch kreiste wieder um den IS und ob es klug sei, sich einen Tag nach dem Anschlag in Nizza, mitten in die Altstadt von Antalya zu setzen und Bier zu trinken. Ob der Amoklauf in Nizza die Tat eines Islamisten war, sei unklar, sagte Eylem, meine Frau. Ein alter Schulkamerad, mit dem sie bei Facebook gebrochen hatte, weil er ihre aufgebrachten Posts zur Verhaftungswelle der prokurdischen HDP-Abgeordneten kritisiert hatte, fragte, ob man vor lauter IS-Gerede die PKK vergessen habe, er denke nicht an den IS, wenn er in der Altstadt feiern ginge, sondern an die PKK.

Evren, die Schwester meiner Frau, riss ihr Handy hoch: „Askeri Darbe“ – Militärputsch! Sekunden später sind alle an ihren Smartphones, die ganze Altstadt telefoniert. Die Eltern der Schwestern rufen an, sie mögen sofort nach Hause kommen.

„ASKERI DARBE“ ruft der Vater durchs Telefon. Er hat den letzten Militärputsch erlebt, 1980, im Geburtsjahr seiner ältesten Tochter. Er wurde als Oppositioneller verhaftet, Eylem bekam ihren Namen, er bedeutet „Widerstand, Aktion“.

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Die beiden Schwestern wollen in der Stadt bleiben, bestellen mehr Bier. „Wir haben im Gezi-Park gegen Erdogan demonstriert“, sagen sie, „der damals noch Ministerpräsident war. Wir haben gegen die religiöse Radikaliersierung, gegen die Autokratisierung dieser Regierung demonstriert, und nun putschen die säkularen Militärs, sie rücken uns wieder näher an Europa.“

Im Lokal wird die Übernahme des Staatssenders TRT gesendet. Eine blonde Moderatorin liest, offenbar gezwungen, von einem Papier ab: Das Militär habe weite Teile des Landes unter Kontrolle, ein „Rat für den Frieden“ die Macht übernommen, um die Rechtstaatlichkeit und die laizistische Ordnung wieder herzustellen.

Eylem tanzt, ihre Schwester auch.

„Würdet ihr bitte aufhören, zu tanzen“, sage ich. „Ihr könnt doch nicht einen Militärputsch feiern! Und nicht mitten auf der Straße!“

Aktan, der Mann der Schwester, hält ihr sein Smartphone unter die Nase, auf dem zu sehen ist, wie Bomben auf ein Gebäude fallen.

„Was ist das?“, fragt sie.

„Das Parlament“, sagt er. „Es steht 500 Meter neben unserer Wohnung in Ankara.“

Die Eltern rufen wieder an, „ASKERI DARBE“ ruft nun die Mutter, man habe eine Ausgangssperre verhängt, sie schildern Szenen der Machtübernahme von 1980 als General Kenan Evren das Kriegsrecht über das Land verhängte mit hunderttausenden von Festnahmen, mit Folterungen und Todesstrafen.

Ich bestelle heimlich die Rechnung und versuche, zum Aufbruch zu überreden.

© Reuters, reuters Erdogan beginnt nach Putschversuch mit Säuberungen

Smartphones mit Bildern von Präsident Erdogan kursieren, der angeblich selbst nur mit einem Smartphone bewaffnet, aus seinem Urlaubsort in Marmaris Radiosender anruft und seinen Erzfeind, den in den Vereinigten Staaten lebenden Prediger Fethullah Gülen, für den Putsch verantwortlich macht. Gülen habe aus dem Bundesstaat Pennsylvania den Putsch gelenkt. Die Menschen sollen nun, so Erdogan, auf die Straßen ziehen, um für die Demokratie zu demonstrieren. Solle doch das Militär mit seinen Panzern und Flugzeugen machen, was es will.

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