Erst auf den zweiten Blick bemerkt man: Berck-sur-Mer ist kein französischer Strand- und Badeort wie so viele andere. Neben dem eigentümlichen Mix aus Ferienwohnblöcken der siebziger Jahre und winkligen Villen des Art déco fällt ein riesiger Komplex direkt am Strand ins Auge. Ein Sanatorium des vorvorigen Jahrhunderts, mehrfach unsensibel ausgebaut, die Fenster aus Milchglas. Jedoch: „Accès interdit“.
Hinter Absperrungen sitzen Kranke in Rollstühlen und schauen aufs Gewimmel der Familien am Strand, der Ballspieler, Radfahrer und Badenden. Viele werden auch von Verwandten im Rollstuhl herumgefahren oder mühen sich an Krücken durch die Menge. In Berck gibt es gleich mehrere Sanatorien, was die Sommerfrischler der Region nördlich von Amiens seit über hundert Jahren nicht davon abhält, gerade hier neben und mit den Kranken Seeluft und Sonne zu genießen. Und nur die wenigsten wissen, dass Berck ursprünglich unter Kaiserin Eugénie als Heilstation für Tuberkulöse gegründet wurde. Bis zum Zweiten Weltkrieg war der Ort an der Opalküste die große Destination für aussichtslos scheinende Fälle von Knochentuberkulose. Die Kranken wurden in ein starres Gipskorsett gezwängt, in dem sie weder sitzen noch laufen konnten. So rollten Ponywagen mit Dutzenden, oft Hunderten von liegenden Patienten durch die Dünen von Berck oder wurden im Gips in die Ortskirche mit Schiffshallendach getragen, um sich geistlichen Trost zu holen.
Der Strand der Moribunden
Diese niederschmetternde Atmosphäre wird zur Szenerie in einem der großen, freilich vergessenen Romane des zwanzigsten Jahrhunderts, „Vernarbte Herzen“. Der rumänische Jude M. Blecher (nicht einmal über seinen Vornamen - Marcel? Max? Mihai? - gibt es Gewissheit) beschreibt hier seinen eigenen Leidensweg in Berck, wo er um 1930 lange, eingegipst wie ein Kafkascher Käfermensch, um sein junges Leben kämpfte, um dann doch ein paar Jahre später mit nicht einmal dreißig Jahren elendiglich daheim in Rumänien sterben zu müssen. Nicht einmal die Todgeweihten aber konnten die Touristen davon abhalten, in Berck zu sonnen und zu baden.
Blecher beschreibt, wie ihm der Krach der Sommerfrischler auf die Nerven ging. Doch der Strand der Flirtenden und Lachenden ist hier zugleich auch der Strand der Moribunden und der Hoffnungslosen. Letztlich passt das in der Ebbe und der Flut des Meeres und des Lebens auch ganz gut zusammen: Sommerfrische und Sanatorium.