http://www.faz.net/-gqz-75uag

Molières „Menschenfeind“ in Zürich : Die Delikte des Neurosenkavaliers

  • -Aktualisiert am

Sie können zueinander nicht kommen: Michael Maertens als Menschenfeind und Yvon Jansen als Männerfreundin Bild: Matthias Horn

Tragödie eines Tyrannen, Komödie eines Egoisten: Molières „Menschenfeind“ wird im Schauspielhaus Zürich von Michael Maertens groß ausgespielt und von Barbara Frey wunderleicht inszeniert.

          Die Hauptrolle spielt das Klavier. Der Steinway-Flügel, Instrument einer höheren Vernunft, steht im Schauspielhaus Zürich denn auch hinten oben. Von einem podiumsartigen Absatz aus, zu dem eine abenteuerlich geländerverzierte, steile Treppe hinunterführt, dominiert er einen ziemlich verrückt-verwunschenen Raum. Hinterm Flügel eine unsäglich grellfarbene, in allen Giftrotblau-Nuancen schlierende Großblümchentapete. Unterhalb des Flügels solid schmuddelige Kaffeehaustische, um ein unsäglich lindgrünplüschiges Rundsofa herum postiert. Eine Glastür vorne rechts, hinter der ein klingelzeichenklirrender Aufzug seinen periodischen Dienst verrichtet. Links an der Wand ein von unglaublich grünen Kacheln eingefasstes Waschbecken. Aus dem hohen Plafond dräut wie ausgesägt ein fünfreihiger großer Rundlüster aus Kristallstäben (Spießerprotz der siebziger Jahre) herab. Die Wände holzvertäfelt. An einer Säule weist ein Schild zum WC.

          Es ist, als sei die gute jüngere alte Zeit stehen geblieben und Christoph Marthaler, der Regisseur der angehaltenen Zeiten, der sein Bühnenpersonal immer auf der Wartesaalschleife zwischen „Nicht mehr“ und „Noch nicht“ taumelnd träumen lässt, noch immer Chef des Hauses. Und wenn vorne am Tischchen der nervös marottige Herr Oronte im Morgenmantel einen Apfel kaut und ein Gedicht schreibt und der milde vollbärtige Herr Philinte sich hinter seiner Zeitung (“La Liberté“) verschanzt, der langhaarige Herr im Frack über der langen weißen Kellnerschürze aber am Flügel hinten eine Kleinigkeit von Debussy und Satie tupft, ein bisschen swingt und improvisiert, später permanent und penetrant den süßleidig langsamen Des-Dur-Sehnsuchtsteil des wild wütenden cis-Moll-Impromptus von Chopin anstimmt - dann scheint Musik des Theaters Nahrung. Und die Figuren wären nur loderndes Notenpapier. Wie bei Marthaler. Nur dass sie dann anfangen müssten zu träumen und zu singen.

          Regisseurin Barbara Frey lässt weder singen noch träumen

          Es inszeniert aber Barbara Frey, die Nachnachfolgerin Marthalers in Zürich. Bei ihr singt niemand. Und es träumt auch niemand. Sie inszeniert Molières „Menschenfeind“, eine Komödie von 1666, die naturgemäß eine Tragödie ist. Darin rast Herr Alceste, ein großer Einzelner, Rechtschaffener, Herrischer, Gutwissender, Aufrechter, gegen die verkommene, kriecherische, dumme, korrupte, schmeichlerische, verlogene Gesellschaft. Während andere wohltätig lügen (und schlechte Gedichte loben), sagt er schonungslos die Wahrheit. Er hätte die Welt gern nach seinem Bilde geformt, erlebt aber Prozesse als Betrug, Schwüre als Meineide, Liebe als Lüge, Begeisterung als Ekel, Ekel als Begeisterung. Er ist ein Fanatiker der Entlarvung, ein Barrikadenfechter der Wahrheit, ein Lustleidender rücksichtsloser Aufklärung. Alles allzu relativ Menschliche scheint dem Menschenfeind nur ein Vorwand, das heilige Absolute zu entwürdigen. Es gibt für ihn nur ein großes Entweder-oder: Entweder die Gesellschaft. Oder sein Ego.

          Dazwischen ein Graben. Das Theater hat mehr oder weniger die Wahl, auf welche Seite des Grabens es sich schlägt. In Zürich wird aus dem Graben ein Hirnriss. Weder Alceste noch die Gesellschaft haben im Bühnenbild von Bettina Meyer einen Raum, in dem sich ein Graben auftun könnte. Das seltsame Café wirkt wie eine ranzig komische Arche Noah, die ein paar seltsame Exemplare der Gattung Mensch in eine Zeit hinein schaukelt, in der Begriffe wie „Ich“ oder „Die anderen“ grotesk aufgehoben scheinen. Eine Arche freilich auch, aus der es kein Entkommen gibt. Und in der leider niemand auf den Pianisten hört. Sie könnten mit Debussy, Chopin, Ravel und Satie so glücklich sein. Und Iñigo Giner Miranda als Kellner am Klavier (der bei Molière noch nicht vorgesehen ist, aber wunderbar zu ihm passt) schenkt ihnen Cognac und Wein nach, redet auf sie in rasendem Spanisch ein wie auf störrische Esel, hält schon mal Händchen und lässt sich auch einmal küssen. Aber wenn Alceste auftritt, haut er ihm den Klavierdeckel auf die Finger. Chopin ist Gift für Hirnrisswütige.

          Weitere Themen

          Schnecken für die Welt

          Zukunft des Essens : Schnecken für die Welt

          Alle Welt redet von Insekten als Proteinquelle. Doch warum eigentlich nicht von der guten alten Weinbergschnecke? Besuch auf einer appetitlichen Zuchtfarm.

          Atemberaubendes Unterwasser-Ballett Video-Seite öffnen

          Tanzen ohne Sauerstoff : Atemberaubendes Unterwasser-Ballett

          Der Französin Julie Gautier setzt die sportliche Herausforderung Apnoetauchen in kunstvolle Filme um. Sie plant dabei jede Bewegung akribisch. Denn beim Tauchen ohne Sauerstoff kann man Szenen nicht endlos wiederholen.

          Judith Kerr wird 95 Jahre alt Video-Seite öffnen

          Dank einem Polizisten : Judith Kerr wird 95 Jahre alt

          Judith Kerrs Buch "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" ist Pflichtlektüre für Generationen von Schulkindern in Deutschland geworden. Sie beschreibt darin die Flucht ihrer Familie aus Deutschland unmittelbar vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Jetzt ist die umtriebige Autorin 95 Jahre alt geworden.

          Topmeldungen

          Falscher Corpsgeist : Im Sog der Dieselbetrüger

          Erst der Ruf, dann der Vorsprung: Die zögerliche Aufarbeitung des Dieselskandals durch VW droht die gesamte deutsche Autoindustrie in den Abgrund zu reißen. Ein Kommentar.

          Asylstreit : Kurz vor dem Zusammenstoß

          CDU und CSU haben die Kollision noch einmal vermeiden können. Doch die Gefahr ist noch nicht gebannt. Die Aussichten, dass Merkel Seehofers Forderungen erfüllen kann, sind nicht besonders groß. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.