Die Hauptrolle spielt das Klavier. Der Steinway-Flügel, Instrument einer höheren Vernunft, steht im Schauspielhaus Zürich denn auch hinten oben. Von einem podiumsartigen Absatz aus, zu dem eine abenteuerlich geländerverzierte, steile Treppe hinunterführt, dominiert er einen ziemlich verrückt-verwunschenen Raum. Hinterm Flügel eine unsäglich grellfarbene, in allen Giftrotblau-Nuancen schlierende Großblümchentapete. Unterhalb des Flügels solid schmuddelige Kaffeehaustische, um ein unsäglich lindgrünplüschiges Rundsofa herum postiert. Eine Glastür vorne rechts, hinter der ein klingelzeichenklirrender Aufzug seinen periodischen Dienst verrichtet. Links an der Wand ein von unglaublich grünen Kacheln eingefasstes Waschbecken. Aus dem hohen Plafond dräut wie ausgesägt ein fünfreihiger großer Rundlüster aus Kristallstäben (Spießerprotz der siebziger Jahre) herab. Die Wände holzvertäfelt. An einer Säule weist ein Schild zum WC.
Es ist, als sei die gute jüngere alte Zeit stehen geblieben und Christoph Marthaler, der Regisseur der angehaltenen Zeiten, der sein Bühnenpersonal immer auf der Wartesaalschleife zwischen „Nicht mehr“ und „Noch nicht“ taumelnd träumen lässt, noch immer Chef des Hauses. Und wenn vorne am Tischchen der nervös marottige Herr Oronte im Morgenmantel einen Apfel kaut und ein Gedicht schreibt und der milde vollbärtige Herr Philinte sich hinter seiner Zeitung (“La Liberté“) verschanzt, der langhaarige Herr im Frack über der langen weißen Kellnerschürze aber am Flügel hinten eine Kleinigkeit von Debussy und Satie tupft, ein bisschen swingt und improvisiert, später permanent und penetrant den süßleidig langsamen Des-Dur-Sehnsuchtsteil des wild wütenden cis-Moll-Impromptus von Chopin anstimmt - dann scheint Musik des Theaters Nahrung. Und die Figuren wären nur loderndes Notenpapier. Wie bei Marthaler. Nur dass sie dann anfangen müssten zu träumen und zu singen.
Regisseurin Barbara Frey lässt weder singen noch träumen
Es inszeniert aber Barbara Frey, die Nachnachfolgerin Marthalers in Zürich. Bei ihr singt niemand. Und es träumt auch niemand. Sie inszeniert Molières „Menschenfeind“, eine Komödie von 1666, die naturgemäß eine Tragödie ist. Darin rast Herr Alceste, ein großer Einzelner, Rechtschaffener, Herrischer, Gutwissender, Aufrechter, gegen die verkommene, kriecherische, dumme, korrupte, schmeichlerische, verlogene Gesellschaft. Während andere wohltätig lügen (und schlechte Gedichte loben), sagt er schonungslos die Wahrheit. Er hätte die Welt gern nach seinem Bilde geformt, erlebt aber Prozesse als Betrug, Schwüre als Meineide, Liebe als Lüge, Begeisterung als Ekel, Ekel als Begeisterung. Er ist ein Fanatiker der Entlarvung, ein Barrikadenfechter der Wahrheit, ein Lustleidender rücksichtsloser Aufklärung. Alles allzu relativ Menschliche scheint dem Menschenfeind nur ein Vorwand, das heilige Absolute zu entwürdigen. Es gibt für ihn nur ein großes Entweder-oder: Entweder die Gesellschaft. Oder sein Ego.
Dazwischen ein Graben. Das Theater hat mehr oder weniger die Wahl, auf welche Seite des Grabens es sich schlägt. In Zürich wird aus dem Graben ein Hirnriss. Weder Alceste noch die Gesellschaft haben im Bühnenbild von Bettina Meyer einen Raum, in dem sich ein Graben auftun könnte. Das seltsame Café wirkt wie eine ranzig komische Arche Noah, die ein paar seltsame Exemplare der Gattung Mensch in eine Zeit hinein schaukelt, in der Begriffe wie „Ich“ oder „Die anderen“ grotesk aufgehoben scheinen. Eine Arche freilich auch, aus der es kein Entkommen gibt. Und in der leider niemand auf den Pianisten hört. Sie könnten mit Debussy, Chopin, Ravel und Satie so glücklich sein. Und Iñigo Giner Miranda als Kellner am Klavier (der bei Molière noch nicht vorgesehen ist, aber wunderbar zu ihm passt) schenkt ihnen Cognac und Wein nach, redet auf sie in rasendem Spanisch ein wie auf störrische Esel, hält schon mal Händchen und lässt sich auch einmal küssen. Aber wenn Alceste auftritt, haut er ihm den Klavierdeckel auf die Finger. Chopin ist Gift für Hirnrisswütige.
So wie Michael Maertens, einer der groß-alerten, tückeneleganten Nervensäge-Virtuosen unter den Schauspielern, Molières gigantischen Anti-Sozialen auftreten lässt: barfuß in Slippern, die Silberkrawatte baumelnd, das verschwitzte Haar in Aufruhrlaune, tritt kein Entgegensetzer, kein puritanischer Rebell, kein moralischer Besserwisser auf. Sondern ein von seinen Launen, seiner brüllenden, die Fäuste auf den Tisch hauenden, hoch hin jaulenden und fahrenden Ekstase schier krankhaft selbstgenießerisch geschüttelter Verwundeter. Eine Bombe, die dauernd Zünder an sich selbst hinschraubt. Eine dauernde Ego-Explosion, die mit überkippender Stimme, wenn sie gegen die schlechten Gedichte des Herrn Oronte wütet, sich ins diktatorisch Bellende steigert. Er hat zwei große, klaffende Wunden tief in Kopf und Herz: eine schwarzgallige Melancholie - und eine wahnsinnige, neurotische Liebe zu Célimène. Ihr gehört offenbar das Café hier. Sie hält Hof, lässt sich von Männern umschwirren. Eine Lügnerin, Intrigantin, Hintergeherin, All-Männer-Schmeichlerin. Und eine nüchterne Managerin ihrer ökonomischen Witwen-Interessen. Ginge es nach seinem Kopf, müsste Alceste die Célimène hassen. „Ich kann Sie nicht hassen!“ ist für ihn das Eingeständnis seines Wahnsinns. Und Maertens sagt das still, gequält, als presse ihm sein Zentner-Herz in Begehrenswut alle Vernunft aus seinem liebesverrückten Kopf.
Die Regie zeigt wahren Witz und einen tragischen Tyrannen
Barbara Frey, die lockere Wörtlichnehmerin unter den Regisseuren, nimmt den „Menschenfeind“ Alceste sozusagen beim Hirn- und Herzenswort: Man sieht ihn hier, wie man ihn selten sieht - als wahrhaft Verrückten, buchstäblich aus aller Welt und der Gesellschaft hinausgerückt. Vollständig in sich hinein. Die Regie zeigt hier: Größe, tollen Mut und wahren Witz. Dem tragischen Tyrannen Alceste zeigt Yvon Jansen als Célimène im kurzen Schwarzen unterm blonden wuscheligen Haarhelmschutz die kühle Schulter. Sie zuckt sie. Dem komischen Neurosenkavalier Alceste, der sich, rasend vor Qual, von der Liebe zu ihr nicht lösen kann, zeigt sie die intelligente Schulter. Als sie am Lästertisch mit Acaste und Clitandre Damen und Herren der Gesellschaft klatschböse durchhechelt und Alceste blass vor Wut zuhört, hält sie ihm ihre stolz-ironische Trotzmiene entgegen, so à la: Hier hast du’s! Aber dass sie ihn trotz allem liebt, zeigt sie nicht nur mit einem langen Kuss am Ende, als alles zusammenbricht und Acaste und Clitandre ihr böse Briefe vorgehalten hatten, die Célimène, die beiden Hoffnungen gemacht hatte, über jeden gegen jeden (dem jeweils anderen) schrieb. Mit den anderen hat sie nur gespielt. Alceste hat sie geliebt. Alceste aber läuft vor so viel Mensch und Frau davon. Und vor allem vor sich selbst.
Und da ist Maertens grandios still und erschöpft in Alcestes Hirnriss und Eigenliebe untergetaucht. Dieser Alceste hatte ja auch niemanden außer sich. Nicht einmal Gegner. Denn Matthias Bundschuh als Möchtegerndichter leiert im Rosé-Anzug den Herrn Oronte als lächerlichen Verse-Aufsager daher. Siggi Schwientek als Acaste in roter Hose und Christian Baumbach als Clitandre in blümchentapetigem Beinkleid machen die Nebenbuhler Alcestes zu reinen Karikaturen. Und Thomas Loibl polstert den Vernunftfreund Philinte, hilflos verliebt in Eliante, mit brummiger Bonhomie. Olivia Grigolli schlenzt achselzuckend die in Alceste vergeblich verliebte und am Ende den Philinte nehmende (und den Pianisten verschmähende) Vernünftlerin Eliante daher. Gottfried Breitfuss gibt im Chanel-Kostüm die auf die junge Célimène eifersüchtige und im Weißwein ertrinkende, in Alceste altweibermäßig lodernd vernarrte Arsinoé als hochhackig schrille Salon-Transe.
Sie alle sind Alcestes Mit-Verrückte. Ohne Aussicht, dem Café Liebeswahn, dieser Arche Noah der Gesellschaftslosen, zu entfliehen. Hier geht jeder allein für sich unter. Aber alle diese komischen, wunderleicht in Szene gesetzten Leute sind zueinander verdammt. In einer viel belachten Hölle, die jeder für sich selbst ist. Und nur der Pianist hat eine Möglichkeit: sein Klavier. Und seine Musik. Sie hätten auf ihn hören sollen.
Wahnsinnig feinsinnig dieses Stück
Klaus Letis (odysseus_8)
- 19.01.2013, 22:20 Uhr