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Molières „Menschenfeind“ in Zürich : Die Delikte des Neurosenkavaliers

  • -Aktualisiert am

Sie können zueinander nicht kommen: Michael Maertens als Menschenfeind und Yvon Jansen als Männerfreundin Bild: Matthias Horn

Tragödie eines Tyrannen, Komödie eines Egoisten: Molières „Menschenfeind“ wird im Schauspielhaus Zürich von Michael Maertens groß ausgespielt und von Barbara Frey wunderleicht inszeniert.

          Die Hauptrolle spielt das Klavier. Der Steinway-Flügel, Instrument einer höheren Vernunft, steht im Schauspielhaus Zürich denn auch hinten oben. Von einem podiumsartigen Absatz aus, zu dem eine abenteuerlich geländerverzierte, steile Treppe hinunterführt, dominiert er einen ziemlich verrückt-verwunschenen Raum. Hinterm Flügel eine unsäglich grellfarbene, in allen Giftrotblau-Nuancen schlierende Großblümchentapete. Unterhalb des Flügels solid schmuddelige Kaffeehaustische, um ein unsäglich lindgrünplüschiges Rundsofa herum postiert. Eine Glastür vorne rechts, hinter der ein klingelzeichenklirrender Aufzug seinen periodischen Dienst verrichtet. Links an der Wand ein von unglaublich grünen Kacheln eingefasstes Waschbecken. Aus dem hohen Plafond dräut wie ausgesägt ein fünfreihiger großer Rundlüster aus Kristallstäben (Spießerprotz der siebziger Jahre) herab. Die Wände holzvertäfelt. An einer Säule weist ein Schild zum WC.

          Es ist, als sei die gute jüngere alte Zeit stehen geblieben und Christoph Marthaler, der Regisseur der angehaltenen Zeiten, der sein Bühnenpersonal immer auf der Wartesaalschleife zwischen „Nicht mehr“ und „Noch nicht“ taumelnd träumen lässt, noch immer Chef des Hauses. Und wenn vorne am Tischchen der nervös marottige Herr Oronte im Morgenmantel einen Apfel kaut und ein Gedicht schreibt und der milde vollbärtige Herr Philinte sich hinter seiner Zeitung (“La Liberté“) verschanzt, der langhaarige Herr im Frack über der langen weißen Kellnerschürze aber am Flügel hinten eine Kleinigkeit von Debussy und Satie tupft, ein bisschen swingt und improvisiert, später permanent und penetrant den süßleidig langsamen Des-Dur-Sehnsuchtsteil des wild wütenden cis-Moll-Impromptus von Chopin anstimmt - dann scheint Musik des Theaters Nahrung. Und die Figuren wären nur loderndes Notenpapier. Wie bei Marthaler. Nur dass sie dann anfangen müssten zu träumen und zu singen.

          Regisseurin Barbara Frey lässt weder singen noch träumen

          Es inszeniert aber Barbara Frey, die Nachnachfolgerin Marthalers in Zürich. Bei ihr singt niemand. Und es träumt auch niemand. Sie inszeniert Molières „Menschenfeind“, eine Komödie von 1666, die naturgemäß eine Tragödie ist. Darin rast Herr Alceste, ein großer Einzelner, Rechtschaffener, Herrischer, Gutwissender, Aufrechter, gegen die verkommene, kriecherische, dumme, korrupte, schmeichlerische, verlogene Gesellschaft. Während andere wohltätig lügen (und schlechte Gedichte loben), sagt er schonungslos die Wahrheit. Er hätte die Welt gern nach seinem Bilde geformt, erlebt aber Prozesse als Betrug, Schwüre als Meineide, Liebe als Lüge, Begeisterung als Ekel, Ekel als Begeisterung. Er ist ein Fanatiker der Entlarvung, ein Barrikadenfechter der Wahrheit, ein Lustleidender rücksichtsloser Aufklärung. Alles allzu relativ Menschliche scheint dem Menschenfeind nur ein Vorwand, das heilige Absolute zu entwürdigen. Es gibt für ihn nur ein großes Entweder-oder: Entweder die Gesellschaft. Oder sein Ego.

          Dazwischen ein Graben. Das Theater hat mehr oder weniger die Wahl, auf welche Seite des Grabens es sich schlägt. In Zürich wird aus dem Graben ein Hirnriss. Weder Alceste noch die Gesellschaft haben im Bühnenbild von Bettina Meyer einen Raum, in dem sich ein Graben auftun könnte. Das seltsame Café wirkt wie eine ranzig komische Arche Noah, die ein paar seltsame Exemplare der Gattung Mensch in eine Zeit hinein schaukelt, in der Begriffe wie „Ich“ oder „Die anderen“ grotesk aufgehoben scheinen. Eine Arche freilich auch, aus der es kein Entkommen gibt. Und in der leider niemand auf den Pianisten hört. Sie könnten mit Debussy, Chopin, Ravel und Satie so glücklich sein. Und Iñigo Giner Miranda als Kellner am Klavier (der bei Molière noch nicht vorgesehen ist, aber wunderbar zu ihm passt) schenkt ihnen Cognac und Wein nach, redet auf sie in rasendem Spanisch ein wie auf störrische Esel, hält schon mal Händchen und lässt sich auch einmal küssen. Aber wenn Alceste auftritt, haut er ihm den Klavierdeckel auf die Finger. Chopin ist Gift für Hirnrisswütige.

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