12.02.2005 · Soll der Papst wegen seines Gesundheitszustandes abdanken? Deutsche Intellektuelle sind sich in dieser Frage nicht einig. Eine Umfrage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Mit Respekt und Sorge blicken deutsche Politiker und Intellektuelle auf das Schicksal von Papst Johannes Paul II. Einige von ihnen sind gerade beeindruckt von der Standfestigkeit des Oberhauptes der katholischen Kirche. Der Schriftsteller Martin Walser sagte: „Er hat mich noch nie so für sich eingenommen wie jetzt. Die bescheidene Theatralik früherer Jahre, die mich eher gerührt als fasziniert hat, ist weg. Übriggeblieben ist der pure Kampf um noch und noch eine Stunde Leben. Da kämpft man ganz von selbst mit.“
Umstritten ist, ob der Papst wegen seiner angegriffenen Gesundheit abdanken sollte. Walser sprach sich dagegen aus, ebenso wie Annette Schavan (CDU), Kultusministerin von Baden-Württemberg, die die öffentliche Debatte über einen möglichen Rückzug des Papstes ohnehin als „unwürdig und geschmacklos“ empfindet. Ob der Papst sein Amt noch ausfüllen könne, sei „alleine seine Entscheidung“. Ähnlich äußerte sich der thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU). „Das Kirchenrecht ist eindeutig“, sagte er der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. „Kein Papst soll abdanken müssen, jeder Papst kann abdanken, wenn er für sich eine solche Entscheidung getroffen hat. Wie es auch kommt, es ist die alleinige Gewissensentscheidung des Papstes.“
Abdanken, bevor Amt zur Qual wird
Hans Maier (CSU) dagegen, ehemaliger bayerischer Kultusminister, zeigte sich „beeindruckt“ von „Pflichtbewußtsein und Zähigkeit“ des Papstes - „und doch“, so Maier, „verdichtet sich der Eindruck, er könne aufgrund seines Gesundheitszustandes sein Amt nicht mehr angemessen ausüben.“ Besser, so der langjährige Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, „wäre es, abzudanken, bevor die Amtsführung zur dauernden Qual wird - für den Papst sowohl wie für die Zeugen seines Leidens und letztlich für die ganze Kirche“. Johannes Paul II. habe in seinem Pontifikat viele neue überraschende Akzente gesetzt: „Wäre ein Rücktritt nicht ein würdiger Abschluß, etwas ganz Neues, Unerwartetes?“ Aber, so Maier: „Der Papst selbst muß sich Rechenschaft über seinen Gesundheitszustand geben, er selbst muß wissen, wann es Zeit ist zu gehen.“
Wilhelm Schmidt (SPD), Kirchenbeauftragter der SPD-Bundestagsfraktion, sagte, man sollte „die Entscheidung dem Papst selbst überlassen, ob er sein Amt niederlegt oder nicht“. Hermann Kues (CDU), Beauftragter für Kirchen der Unionsfraktion, wandte sich gegen eine Abdankung des Papstes und ergänzte: „Angesichts seiner Weitsicht finde ich es geradezu anmaßend, ihm irgendwelche Empfehlungen auszusprechen. Ich bin fest davon überzeugt, daß er die richtige Entscheidung für sich und die Kirche in dieser Frage fällen wird bzw. gefällt hat.“ Die grüne Bundestagesabgeordnete Christa Nickels, kirchenpolitische Sprecherin ihrer Fraktion, sagte, die Situation ähnele „in fataler Weise den Ränkespielen im politischen Raum, wenn eine geachtete Führungspersönlichkeit nicht zu gehen vermag und die nächste Generation sich anschickt, sie zu stürzen“. Sie fügte hinzu: „Der Papst sollte nicht abdanken, ohne das Haus bestellt zu haben - soweit er dazu noch die Kraft besitzt.“
Der Theologe Hermann J. Pottmeyer, ehemaliges Mitglied der Internationalen Theologischen Kommission und Autor von „Die Rolle des Papsttums im Dritten Jahrtausend“, sieht eine Abdankung skeptisch: „Ich befürchte, daß ein abgedankter Papst auch gegen seinen Willen die Wahl seines Nachfolgers beeinflussen würde. Eine Reihe von Kardinälen könnte sich nicht frei fühlen, sich für einen Nachfolger zu entscheiden, dessen Wahl ihren Wunsch nach einer Kursänderung bekunden würde.“