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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 07.02.2015, 10:59 Uhr

Moderne und Aberglaube Die Dummheit blüht

Wir leben in einer aufgeklärten Welt und sind begeistert von den Möglichkeiten moderner Technologie. Doch gleichzeitig wächst der irrationale Glaube an weltumspannende konspirative Kräfte. Woher rührt diese Entwicklung?

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© dpa Je entwickelter die Medien, desto weiter verbreitet der Unsinn: Das erste „Ufo“-Foto stammt aus dem Jahr 1952.

Die Geschichte der Welt, in der wir leben, wird gern als Fortschrittsgeschichte erzählt. Das Neue an der Neuzeit war so gesehen eine weite Gesellschaftsbereiche erfassende Rationalität. Staatliches Gewaltmonopol, industrialisierte Wirtschaft, Fachbeamtentum, allgemeine Schulbildung, wissenschaftlich kontrollierter Erkenntnisgewinn und so weiter – die Liste der modernen Errungenschaften ist lang.

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Die Liste der enttäuschten Fortschrittserwartungen auch. Vor allem das zwanzigste Jahrhundert bot mit seinen Varianten vollelektrifizierter Barbarei Anlass, von einer „Dialektik der Aufklärung“ zu sprechen. Gemeint war, dass Technik und spezialisiertes Wissen nicht nur vom Naturzwang befreien. Sie sind genauso verlässliche Mittel zur Durchsetzung von Ideologien. Ja, in ihren Idealen der Berechenbarkeit und Kontrolle von Natur und Gesellschaft, so die Diagnose, stecke bereits der Umschlag ins Irrationale. Berechenbarkeit und Technisierung der Mittel sagen noch nichts über die Vernunft der Zwecke. Das Mobiltelefon und die Drohnentechnik dienen auch Leuten, denen als Ideal eine Gesellschaft vorschwebt, die solche Technologien nie hervorgebracht hätte.

Als Max Horkheimer und Theodor W. Adorno ihren Befund vor gut siebzig Jahren vorlegten, sprachen sie von der „rätselhaften Bereitschaft der technologisch erzogenen Massen, in den Bann eines jeglichen Despotismus zu geraten“. Wir finden das Rätsel dieser Bereitschaft heute überall: Einerseits besuchen weltweit immer mehr Menschen Schulen und Hochschulen. Ihre Lehrpläne gleichen sich unter dem Einfluss internationaler Organisationen auch immer mehr an. Noch im letzten Winkel ist, wenigstens offiziell, die Aufklärung angekommen.

Spezialistentum trifft auf Aberglaube

Andererseits steigt täglich die Vielfalt des Aberglaubens. Das beginnt mit den verbreiteten Verschwörungstheorien. Immer steckt hinter dem, was gerade unfassbar erscheint, vom Terrorismus über Epidemien bis zu Finanzkrisen, eine benennbare, hoch steuerungskräftige und sich zugleich verbergende Macht: wahlweise Amerika, der Mossad, Russland, das Kapital, die Lügenpresse, die Linke, die Rechte, die Freimaurer, die Juden. Willkommener noch ist es, wenn man diese Akteure verknüpfen kann und sich dann beispielsweise vorstellt, dass „die Banken“ in Absprache mit „der Politik“ unter Hinzuziehung „der Medien“ dafür sorgen, dass geschieht, was geschieht.

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Die Bereitschaft, so zu denken, ist nicht auf politische Motive und auf Eliten als Sündenböcke angewiesen. Im privaten Bereich blüht der Glaube an merkwürdigste Heilmethoden, an den Haaren herbeigezogene und dieselben sträubende Deutungsmuster. Man muss damit rechnen, dass Manager Pendel benutzen, Ärzte glauben, die Welt sei vor achttausend Jahren entstanden, oder Ingenieure, von einer Rückkehr zur zinslosen Wirtschaft hänge der Friede ab. Das ist, gemessen am Abstand zu dem, was wissenschaftlich darüber gesagt werden kann, nicht weit weg von Leuten, die sich vorstellen können, dass uns Putin dabei hilfreich sein könnte, soziale Ordnung herzustellen, oder, dass die Zwillingstürme von New York von einer Energiekanone pulverisiert wurden.

Wie kommt das? Ein Grund liegt vermutlich im modernen Spezialistentum selbst. Immer mehr Menschen kennen sich immer besser in einem immer kleineren Weltabschnitt aus. Das bestimmt tagsüber ihr Denken. Verlieren sie aber, gewissermaßen nach Feierabend, das Vertrauen in die Experten für alle anderen Segmente, vermag in die entstehende Lücke aller mögliche Humbug einzuströmen.

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Das Projekt der Aufklärung ist nicht beendet

Hinzu kommt eine steigende Unduldsamkeit gegenüber Irrtümern. Gerade weil so vieles technisch perfekt funktioniert, gerät jeder Fall von Nichtfunktionieren in den Verdacht, sich irgendeiner Machenschaft zu verdanken. Dann reicht auch eine Handvoll Fehlmeldungen, Fehlurteile, Fehlbehandlungen aus, um durch Ausgriff ins Generelle von Mächten des Bösen, von Lügenpresse, Klassenjustiz oder Medizin, die krank macht, zu sprechen. Aus den Erfahrungen des eigenen Handlungsfeldes wird offenbar keine Fehlertoleranz gezogen, denn sonst müssten die Verschwörungsdenker sich selbst ja ebenfalls in Lügenehen, Betrugsfirmen, Vorurteilsreligionen oder ferngesteuerten Parteien gefangen sehen.

Schließlich gibt es noch einen dritten Grund für die gesteigerte moderne Bereitschaft zum Aberglauben. Seine Verbreitungsgeschwindigkeit steigt im Zuge der Medienentwicklung. Schon die Druckerpresse erhöhte nicht nur die Reichweite des Wissens, sondern beförderte auch die Übertreibungen. Auf die heutige Lage gewendet: Was vor kurzem noch im Rauch über den Stammtischen sich mitauflöste, steht jetzt im Netz. Jeder Blödsinn wird inzwischen verschriftlicht und findet auf diesem Weg eine Fachgemeinschaft von Mitdummköpfen.

Wenn etwas an dieser Ursachendeutung dran ist, dann zeigt sie auch einen Weg der Abhilfe. Die Aufklärung darf sich nicht für durchgesetzt halten. Sie muss Dummheit als eine eigene Qualität der Moderne erkennen. Und sie sollte, in den Schulen und Hochschulen, unnachgiebig darauf setzen, das Erkennen von Irrtümern, die Resistenz gegenüber Phrasen und das Gefühl für die Grenzen des Behauptbaren zu vermitteln.

Quelle: F.A.Z.

 

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